Es gibt wohl keinen zweiten Tiroler Ort mit einem exotischeren Namen: Affenhausen. Mich beeindruckt er seit jeher. Grund genug, ihm auf den Grund zu gehen. Vorweg: Wer glaubt, hier seien einst beherzte Klettertiere aus einem Zirkus ausgebüchst, täuscht sich. Mit unseren fellbesetzten Verwandten aus dem Primatenreich hat der Namen rein gar nichts zu tun.
Die sprachlichen Grundmauern dieses Ortsnamens - Affenhausen ist übrigens ein Teil der Gemeinde Wildermieming und liegt am östlichen Eingang des Mieminger Plateaus - müssen wir tief in der Geschichte Tirols suchen. Ein Indiz über dessen Herkunft bietet das Urbar des Stiftes Stams. In den Besitzurkunden des Klosters aus dem 14. Jahrhundert ist zweimal von „Affenhusen“ bzw. „Aeffenhusen“ die Rede.
Spaziergänge in einer wundervollen Winterlandschaft in Affenhausen. ©Innsbruck Tourismus/Markus Mair
Während die renommierte Historikerin Irmtraut Heitmeier in ihrem wahrhaft monumentalen Werk ‚Das Inntal‘ andeutet, dass der Name auf einen Personennamen ‚Afo‘ zurückgehen könnte ist die zweite Variante meines Erachtens wahrscheinlicher. Der Name, so wird allgemein vermutet, gehe auf die Heilige Afra zurück. Was für mich schlüssig erscheint.
Die Heilige, die ein Bordell betrieb
Die um 280 n.Chr. auf Zypern geborene, angebliche Königstochter Afra eröffnete - man möchte es kaum glauben - nach einer Flucht aus Zypern über Rom nach Augsburg ein Bordell. Die Christenverfolgung stand damals unter Kaiser Diocletian bei den Römern noch hoch im Kurs, als die junge Frau einem Bischof namens Narcissus in ihrem Haus Unterschlupf bot. Sie war vom Christentum tief beeindruckt, schloss ihr Freudenhaus und ließ sich taufen. Da sie sich offen zur neuen Religion bekannte wurde sie um 304 n. Chr. vermutlich auf einer Insel des Lech-Flusses enthauptet. Über ihrem Grab entstand im 6. Jahrhundert eine Kirche. Ihre Gebeine wurden 1064 feierlich exhumiert und ruhen heute in der Krypta der Basilika St. Ulrich und Afra in Augsburg.
Afra ist die Schutzpatronin der Fuhrleute
Wir kommen dem Namen Affenhausen also näher. Die Märtyrerin Afra wird in der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche gleichermaßen als Heilige verehrt, ihr Gedenktag ist der 7. August. Sie gilt als Schutzpatronin der Fuhrleute, der Büßerinnen, der armen Seelen und der reuigen Prostituierten. Die Verbindung zu den Fuhrleuten ist besonders relevant, da sie in der Tradition als Beschützerin für Reisende und deren Lasten gilt. Ihre Fürsprache wird darüberhinaus von gläubigen Katholiken auch in Fällen von Feuersnot angerufen.
Ziemlich auffällig ist die Liste der Patronagen der Hl. Afra: sie gibt auf einige Stationen der Lebensreise dieser einstigen Königstochter wieder. Ihre Reise von Zypern nach Augsburg, ihre Tätigkeit als Chefin eines Freudenhauses samt reuiger Bekehrung und die schlussendliche Hinwendung zum Christentum sind ja direkte Hinweise.
Wenn wir nun die geographische Lage von ‚Affenhausen‘ betrachten, so scheint es schlüssig, dass Afra dem Namen zugrunde liegt. Lag der Ort doch an der wichtigen ‚Via Decia‘ der Römer, einer Verbindungsstraße zwischen Zirl und der Via Claudia Augusta in Nassereith. Die Straße hat seit ihrer Befestigung im 3. Jahrhundert n.Chr. unter Kaiser Decius bis in unsere Tage nichts an ihrer Bedeutung verloren. Zudem ist ein am Holzleitensattel auf 1.119 m Seehöhe gefundener Meilenstein ein letzter existierender Hinweis auf die einstige römische Straßenbaukunst.
Für mich ist es jedenfalls logisch, dass die Hl. Afra von Fuhrleuten und Reisenden angerufen wurde um nach der Innüberquerung bei Pfaffenhofen und dem Aufstieg vom heutigen Telfs auf das Mieminger Plateau eine sichere Passage zu erbitten. Da ist es erklärbar, dass die Kapelle von Affenhausen der Hl. Afra gewidmet ist.
Die Baiern brachten die Hl. Afra mit
Aber wie, werden mich historische interessierte Leser dieses Blogs fragen, kommt die Heilige Afra überhaupt auf’s Mieminger Plateau? Die Antwort ist relativ einfach: Im 5. und 6. Jahrhundert begannen baierische Adelige, sich in Tirol quasi breit zu machen. Sie taten das mit der Absicht, ihren Weg in den oberitalienischen Raum zu sichern und vor allem abzukürzen. Ein Raum, der zur Zeit der sogenannten ‚Völkerwanderung‘ zwischen Langobarden, Franken und Baiern umstritten war. Aus dieser Zeit stammen auch noch heutige Ortsnamen die mit -ing enden, wie Flaurling, Inzing, Polling, Mieming oder Wildermieming. Aber auch Orte mit der Endung -hausen, wie Affenhausen oder Umhausen, deuten auf baierische Wortwurzeln.
Dazu kommt, dass die Erinnerung an den Märtyrertod der Afra in Augsburg zur Zeit der baierischen Besiedelung Nordtiroler Gebiete noch relativ frisch gewesen war. Ich nehme an, dass die neuen Siedler ihre Gläubigkeit mit einer ‚eigenen Heiligen’ unter Beweis stellen wollten. Und dafür eignete sich an einer Durchzugsstraße niemand besser als die Heilige Afra.
Wildermieming und Affenhausen sind bereits bekannt als 'trendige' Winterwander-Orte. ©Innsbruck Tourismus/Markus Mair
Dass aus ‚Afrahausen‘ schlussendlich ein Affenhausen geworden ist, ist beileibe nichts Ungewöhnliches. Die Schreibweisen im Mittelalter veränderten sich ständig, wie man auch aus den unterschiedlichen Namensnennungen im Urbar von Stams ersehen kann. Auch der Namen der Gemeinde Wildermieming, zu der Affenhausen gehört, stammt noch aus der ‚bayerischen Zeit’: er verbindet den Personennamen ‚Wiliram‘ zum ursprünglichen ‚Wilramingin‘, erwähnt in den Jahren 1163–1167 in einer Traditionsnotiz des Klosters Wessobrunn. Er wies lange auf eine Siedlung des Wiliram hin um später zu ‚wild’ umgeformt zu werden. Der Schlusspunkt war dann die Anpassung an den Namen des Nachbarortes Mieming.
Winterwandern und Krippenherberge
In unserer modernen Zeit sorgen Wildermieming und Affenhausen für Aufmerksamkeit auf anderen Sektoren. Ein ganz besonderer Umstand macht die Gemeinde alle Jahre zur Weihnachtszeit weit über die Grenzen Tirols hinaus bekannt: die Krippenherbrerge in Wildermieming-Affenhausen. Sie ist zwischen dem 15. Dezember 2024 und dem 2. Februar 2025 an Sonntagen zwischen 13:00 und 17:00 Uhr geöffnet.
Eine der vielen Krippen in der Krippenherberge stellt das Dorfzentrum von Wildermieming dar. ©W. Kräutler
Die zweite winterliche Attraktion des Ortes ist das trendig gewordene 'Winterwandern' oder der entspannte Skilanglauf. Vorbei am ‚Bergdoktorhaus‘, bekannt aus einer beliebten TV-Serie suchen hier immer mehr Menschen Erholung in der Ruhe und Abgeschiedenheit dieser wundervollen Landschaft.
Links:
Zur Website der Krippenherberge: http://www.krippenherberge.at/
Mein Blog über die Krippenherberge in Affenhausen: https://www.innsbruck.info/blog2024kunst-kultur/die-krippenherberge-von-affenhausen/
Informationen über das Winterwandern in Wildermieming: https://www.innsbruck.info/sport/winter/winterwandern/winterwanderwege/touren/winterweg-mieming-fiecht-wildermieming-mieming.html
Zeige mir den Ort auf der Karte
Alm-Freiwilliger in der 'Schule der Alm', Kultur-Pilger, tirol-Afficionado, Innsbruck-Fan.
Ähnliche Artikel
Das Goaßl Schnöllen ist ein Brauch, der seine Wurzeln hoch oben in den Bergen hat.
Ich hab’s ja schon öfters betont: Innsbruck ist meine Traumstadt. Ich liebe sie, weil sich die…
Wie einfach ist es heute: Wir zücken das Handy, und zack, ist ein Foto gemacht, ein kurzer…
Die Axamer Fasnacht ist eine der bekanntesten traditionellen Fasnachten in Tirol. Der „Unsinnige Donnerstag“ mit dem Wampelerreiten…