30. Oktober 2024
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Originalsprache des Artikels: Deutsch
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Eine archäologische Grabung an einem riesigen Schalenstein in Tarzens bei Ellbögen brachte ein hochinteressantes Ergebnis. Für jene, die noch nie von Schalensteinen gehört haben: das sind Steine, die auf einer meist glatten Oberfläche halbkugelförmige Vertiefungen aufweisen (Schalen), die künstlich eingebracht wurden. Während die wissenschaftliche Archäologie eine Deutung dieser Steine seit Jahrzehnten konsequent vermeidet, bietet eine Tiroler Forschungsgruppe, der auch ich angehöre, eine logische, aber geradezu fantastische Lösung des jahrhundertealten Rätsels an. Die Ergebnisse der Ausgrabungen von Tarzens bestätigen eindrucksvoll, dass bereits in der Steinzeit eine rudimentäre Schrift verwendet worden ist. Und dass die prähistorische Gemeinschaft bereits über die hochentwickelte astronomische Kenntnisse verfügt hatte.

Urschrift und Wegweiser

Bei meinen ersten Recherchen zu den Schalensteinen 2020 waren es ganze neun Steine, die ich in der unmittelbaren Umgebung südlich von Innsbruck gefunden hatte. Dass diese Zahl innerhalb kurzer Zeit auf 37 angewachsen ist einer Forschungsgruppe von fünf ‚Citizen-Scientists’ zu verdanken. Deren Hypothese: Schalensteine waren die prähistorischen Wegweiser, die Anordnung der Schalen bildet eine Art ‚Urschrift’, vergleichbar mit der Braille-Blindenschrift unserer Tage.

Einen ersten Beweis, dass es sich um eine Art ‚Urschrift‘ handelt ist die Decodierung des großen Schalensteines im Viggartal. Die Schrift besteht grundsätzlich aus verschiedenen Kombinationen der Punkte bzw. der Schalen, wie es Herbert Kirnbauer in seinem Buch „Der Steinzeitcode - Die Schalensteinschrift“ postuliert hat. Der Autor ist Mitglied der Forschungsgruppe und ‚übersetzt‘ die Botschaften der Tiroler Steine.

Zurück zum großen Schalenstein am Oberlegerweg im Viggartal. Dessen Hauptaussage, vereinfacht ausgedrückt: „Wenn du weiter gehst kommst du zu einem See und zu einem Unterstand.“ Vom Standort des Steines aus sind weder der See noch der Unterstand in etwa vier Kilometern samt 300 Metern Höhenunterschied zu erkennen. Damit ist eines jener Rätsel für mich gelöst, das mich seit Jahren beschäftigt: Weshalb haben Menschen in abgelegenen Gebieten stundenlang Löcher in Steine gebohrt? Ich kann mir nicht vorstellen, dass prähistorische Jäger das aus Jux und Tollerei taten. Sie machten vermutlich nichts, was keinen direkten Sinn ergab. Das ist für mich der Grund, die‚Schrifthypothese‘ als sehr naheliegend zu bewerten. Ich habe das auf meinem Blog im Detail begründet.

Die Tatsache, dass der von US-amerikanischen Professoren der Columbia-University herausgegebene Newsletter ‚Pleistocene Coalition News‘ die Tiroler Erkenntnisse und die Schrifttheorie in mehreren Veröffentlichungen gewürdigt hat zeigt, dass die Arbeit und die bisherigen Ergebnisse der Forschungsgruppe in universitär-wissenschaftlichen Kreisen auf viel Interesse stößt.

Ellbögen, ein prähistorischer Brennpunkt

So unglaublich es klingt: Die heutige Gemeinde Ellbögen war zu prähistorischen Zeiten ganz offensichtlich ein Zentrum megalithischer Aktivitäten. Da ist einmal der b’schriebene Stein des Viggartales, ein kolossaler Monolith, mit 10 m Höhe und sieben Metern Breite doppelt so groß und hoch als selbst die großen Steine in Stonehenge. Ausgerechnet auf dem Weg durch das Viggartal zum Steinkoloss entdeckte die Forschungsgruppe in den letzten Jahren 20 neue Steine. Damit weist Ellbögen die vermutlich größte Konzentration von Schalensteinen in Österreich auf. Was zur nächsten Frage führt: weshalb im Viggartal? Und: Haben diese Steine vielleicht etwas mit dem b’schriebenen Stein zu tun?

Es ist kein Geheimnis, weshalb die Forschungsgruppe soviel Schalensteine im Viggartal gefunden hat. Thomas Walli-Knofler, der ‚Kopf‘ der Gruppe: „Wir orientieren uns an steinzeitlichen Wegstrecken, wie sie von Archäologen wie Prof. Dr. Dieter Schäfer definiert wurden. Eine dieser Routen führte durch das Viggartal zuerst zum b’schriebenen Stein und dann weiter zum Pfitscherjoch.“ Wobei der b’schriebene Stein mit großer Wahrscheinlichkeit eine Art Heiligtum der Vorzeit war. Kondition und gute Augen plus ein Schuss Intuition waren nötig, um die vielen Schalensteine zu entdecken.

Silexsplitter weisen auf prähistorische Wege hin

Wie können prähistorischen Pfade nach tausenden von Jahren eruiert werden, fragen sich jetzt archäologische Laien. Es sind die Abschläge oder Splitter von Silex-Steine, die den Weg im wahrsten Sinn des Wortes zeigen. Denn die sind heute noch oberflächlich zu finden. Silex war der Stein der Steinzeit. Volkstümlich ‚Feuerstein‘ genannt, erzeugten die prähistorischen Menschen damit Werkzeuge und Pfeilspitzen, die sie im Gebirge jeweils vor Ort herstellten. Da solche Steine in dieser Region nicht vorkommen müssen sie hierher mitgebracht worden sein. Somit haben Schalensteine ganz offensichtlich etwas mit den prähistorischen Wegen zu tun.

Orientierung im Outback der Alpen

„Wie ist es Menschen kurz nach der letzten Eiszeit gelungen, ganz bestimmte Punkte in den Alpen nahe des Alpenhauptkammes zu finden“, fragten sich Thomas Walli-Knofler und die Forschungsgruppe, bestehend aus Josef Höfer, Belinda Reinhard, Herbert Kirnbauer und mir. Ist doch wissenschaftlich belegt, dass vor 11.000 Jahren ein Jägerlager im Fotschertal des Sellrain bestanden hatte, das über einen langen Zeitraum hinweg - vermutlich jährlich - aufgesucht worden war. Wie orientierten sich diese Jäger in einer quasi chaotischen, postglazialen  Landschaft, die einerseits bewaldet und andererseits völlig unwegsam war? Dafür hatte auch ein ausgeklügelter Orientierungssinn nicht gereicht.

Genau hier setzt Thomas Walli-Knofler an. „Schalensteine hatten in Verbindung mit Menhiren, das sind stehende großen Steine, die Funktion heutiger Wandertafeln“. Diese Annahme ermöglichte es der Gruppe, allein zwischen Innsbruck und dem Viggartal 37 neue Schalensteine zu entdecken. Man konnte sich jetzt darauf konzentrieren, nur noch links und rechts der prähistorischen Wegtrasse zu suchen.

Die Wege südlich von Innsbruck

Fest steht, dass einer dieser Wege zum b’schriebenen Stein mit Sicherheit von Innsbruck aus über Igls (Goldbichl) und Patsch nach Ellbögen verlaufen ist. Dort teilte er sich. Der eine Weg führte über die Oberellbögner ‚Lithagrub‘ und Profeglalm ins Viggartal und zum b’schriebenen Stein. Weshalb wir das wissen? Die ‚Lithagrub’ ist Fundort eines der wohl außergewöhnlichsten Schalenstein Tirol, der von zahlreiche Steinzeichnungen umgeben ist. Der Stein wird im Volksmund ‚Engelsstein‘ genannt. Dieser Ausdruck leitet sich von scheinbar kindlichen Fußspuren her, die in den Stein überziehen. Die Decodierung der Schalen verweist auf den b’schriebenen Stein.

Ein zweiter Weg teilte sich in Ellbögen und führte über Tarzens weiter zum heutigen Meissnerhaus und in der Folge ins innere Viggartal. Das ist auch ein Mitgrund dafür, dass ein monumentaler Schalenstein am Beginn des Aufstieges über die Innertalkapelle zum heutigen Meissnerhaus liegt.

Genau dieser Stein zog schon früh die Aufmerksamkeit der Forschungsgruppe auf sich. Über die tatsächliche Funktion dieses Schalensteines konnte nur eine wissenschaftlich fundierte archäologische Ausgrabung Auskunft geben. Dass diese Grabung in Ellbögen überhaupt möglich wurde ist zwei glücklichen Umständen zu verdanken. Einerseits hat sich mit Dr. Bert Ilsinger ein promovierter Archäologe bereit erklärt, die Ausgrabung zu leiten. Und andererseits hat die Gemeinde Ellbögen, repräsentiert durch Bürgermeister Walter Kiechl, einer wissenschaftlichen Ausgrabung sofort zugestimmt und Gemeindearbeiter für wichtige Vorarbeiten abgestellt. „Für uns ist es selbsterständlich alles zu tun, um diese uralten kulturellen Punkte zu erforschen und für die Nachwelt zu erhalten.“

Die Plejaden-Platte von Ellbögen, ein prähistorisches Observatorium

„Die Schalensteine hatten unterschiedliche Funktionen“, erklärt Thomas Walli-Knofler. „Von den von uns bisher entdeckten Steinen sind 53 Prozent Wegweisersteine, 30 Prozent Kultsteine, 11 Proezent Grabsteine und 6 Prozent haben eine astronomische Funktion“.

Das Ergebnis der Ausgrabung in einem Satz: Der Ellbögener Schalenstein ist eindeutig ein Kalenderstein, in Fachkreisen ‚Plejadenstein‘ genannt. Zwei Darstellungen des Sternbilds der Plejaden belegen hier die landwirtschaftliche Bedeutung dieses vorgeschichtlichen Observatoriums. Wenn die Plejaden im Frühling am Himmel erschienen war die Zeit der Aussaat gekommen. Verschwanden sie im Herbst, war es Zeit, die Ernte abzuschließen. Zudem konnten die neolithischen Bauern mittels Peilung auch die Sommer- und Wintersonnenwende eruieren. Was damals wie heute nicht nur landwirtschaftlich interessant war, sondern auch eine gewisse kultische Bedeutung hatte.

Die ersten Schalen wurden vermutlich vor 9.500 Jahren gebohrt

Die astronomischen Details des Schalensteins sind eine kleine Sensation. Thomas Walli-Knofler, als erfahrener Skipper, hat auf seinen jahrelangen Segeltörns gelernt, den Sternenhimmel ‚zu lesen‘. Seine intensive Beschäftigung mit der Anordnung der Schalen am Ellbögener Stein führen zu einem sensationellen Ergebnis. Walli-Knofler: „Eine Software der Uni Heidelberg legt offen, dass die Plejaden am 7.9. 7000 v. Chr. um 19.15 Uhr im Südosten der Schalensteinplatte aufgingen. Das ist genau jene Richtung, welche die eingetieften Richtungsschalen am Stein andeuten.“ Mit anderen Worten: die Schalen sind rund 9.500 Jahre alt.

Nicht genug damit. Die prähistorischen Astronomen haben ihre Erkenntnisse in Form von Schalenkombinationen auch noch kommentiert. „Wenn die Plejaden im Herbst untergehen und die Erntezeit vorbei ist, kommt der November-Regen.“ „Sind die Plejaden sichtbar, bringen sie die notwendige Nahrung.“ Ein weiterer Kommentar bezieht sich auf eine in der Nähe entspringende arthesische Heilquelle. Dass unterhalb des Schalensteins bisweilen heute noch Wasser austritt, wird von Einheimischen bestätigt.

Mit Kupfer gehackte Schalen sind knapp 5.000 Jahre alt

Im unteren Bereich des Schalensteins entdeckte die Forschungsgruppe sichtlich ‚gehackte‘ Schalen vermutlich kupferzeitlichen Ursprungs. Sie erinnern eindeutig an das Sternbild des ‚Kreuz des Südens‘. Eine erneute Recherche mittels der Spezialsoftware ist nicht weniger aufregend: Das Kreuz des Südens tauchte - durch die Schalen angedeutet - am 18. März 2.400 v. Chr. im Südosten am Ellbögener Horizont auf. Also vor 4.400 Jahren.

Linktipps:

Der Grabungsbericht steht unter raetiastone.com  zum Download bereit.

Eine Erklärung, wie sich Menschen in prähistorischen Zeiten über weite Strecken orientierten gibt das Buch von Thomas Walli-Knofler: Das Raetia-Stein GPS

Herbert Kirnbauer erkläutert die Hypothese der Steinzeitschrift in seinem Buch: „Der Steinzeitcode - Die Schalensteinschrift“, Freya Verlag.

Die 'Pleistocene Coalition News' haben bereits zwei Aufsätze der  Forschungsgruppe approbiert und veröffentlicht. Einerseits die Forschungen zu den Schalensteinen im Ötz- und Pitztal (Seite 4) und andererseits die Ergebnisse der Grabung in Ellbögen Tarzens  (Seite 2)

Wer sich ein Bild über den b'schriebenen Stein im Viggartal machen will, kann meine Blogbeiträge zum b’schriebenen Stein auf diesem Blog lesen: https://www.innsbruck.info/blog2024kunst-kultur/mystisches-innsbruck-das-geheimnis-des-viggartals/ und https://www.innsbruck.info/blog2024kunst-kultur/die-geheimen-zeichen-des-bschriebenen-stoa-im-viggartal/

Auf meinem Blog Tirol isch toll habe ich die einstige Funktion des b'schriebenen Steines aber auch die geheimnisvollen Zeichen erfasst: https://tirolischtoll.wordpress.com/2018/10/29/die-raetsel-des-bschriebenen-stoa-sind-teilweise-geloest/

 

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