© Bettina Sonntag
Ein Museum der ganz besonderen Art öffnete kürzlich in Zirl seine Tore. Es präsentiert die treibenden Kräfte hinter der Entwicklung unseres Planeten und unserer Nahrung ebenso wie die Arbeit von Mikroben im Dienste der Menschen. ‚mikroVERSUM’ nennt sich dieser einzigartige Mikrobenzoo, der auf bestem Weg ist, eine neue Attraktion für Einheimische und Touristen zu werden. Wenn es vielleicht schon in nächster Zeit gelingt, einen neuen ‚Weltrekord‘ aufzustellen’, wird das ‚mikroVERSUM’ jedenfalls in aller Munde sein.
Mit dieser Eröffnung setzt unser Land seine 80-jährige Vorreiterrolle auf dem Gebiet der Mikrobiologie brillant in Szene. Aber Vorsicht: Es ist kein klassisches Museum, sondern eine im wahrsten Sinn des Wortes handgreifliche Präsentation von Bakterien, Archaeen (früher Urbakterien genannt), Pilzen, mikroskopischen Algen und Protozoen.
14 Jahre nach der ersten Idee konnte Prof. Heribert Insam seinen Traum von einem 'Mikrobenzoo' in Tirol umsetzen. © W. Kräutler
Die neugierigen, meist auch verwunderten Besucher betreten einen von hunderten Milliarden von Mikroben ‚bewohnten‘ großen Erlebnisraum, der sich als ein Ort des Staunens und der kleinen Wunder herausstellt. Es ist ein völlig neuartiger, publikumswirksam und künstlerisch anspruchsvoll gestalteter ‚Bildungs-Hotspot’. In seiner Art gleichermaßen attraktiv für Einheimische und Touristen. Nach dem Botanischen Garten und dem Alpenzoo Innsbruck wird mit dieser Attraktion die dritte klassische Disziplin der Biologie, die Mikrobiologie, vor den Vorhang gebeten.
Nach 14 Jahren Vorarbeit ist's jetzt soweit
Das weltweit einzige, nur auf Mikroorganismen spezialisierte Museum ist das Micropia in Amsterdam. Die anderen Museen und Science Center thematisieren in Teilen Mikroorganismen, oder bieten temporäre Ausstellungen zum Thema an. 14 Jahre später, nach unzähligen Anläufen, Förderansuchen und Gesprächen ist’s in Tirol soweit: Das ‚mikroVERSUM’ Zirl ist die erste Einrichtung im deutschsprachigen Raum, die sich exklusiv den kleinsten Lebewesen widmet. Dieses neue Wissens-Zentrum ist ein Spiegel jener Arbeit, die Dutzende von Wissenschaftern der Universität Innsbruck oder des MCI täglich leisten. Sie sind mit ihrem exzellenten Fachwissen auch an der Wiege dieses ‚Mikrobenzoos‘ gestanden.
Vorbild Amsterdam
Er wollte eigentlich nur „Wissenschaft spannend erklären“, erzählt mir der Begründer des Zirler MikroVERSUM, Univ.Prof. Dr. Heribert Insam bei meinem Besuch. Er führt eben eine Schulklasse aus Kematen durch die Schau. Nach seinem Besuch der Mikrobenausstellung im Amsterdamer Zoo im Jahre 2012 sei es für ihn klar gewesen: „Eine derartige Einrichtung kann Tirol gut gebrauchen mit seiner großen, weltweit anerkannten Tradition in der mikrobiologischen Forschung“. Quasi als Vorleistung legte er seine hochinteressante Website ‚Mikromondo‘ an, in der auch das Konzept der Ausstellung vorweggenommen wurde.
Cyano-Bakterien sind die 'Sauerstoffflasche' des Planeten. Auch im mikroVERSUM produzieren sie dieses lebenswichtige Gas. © W. Kräutler
Es ist nur wenig bekannt: Tirol ist ein Vorreiter in der mikrobiologischen Forschung
So unglaublich es klingt, aber Tirol ist weltweit ein Vorreiter in der mikrobiologischen Forschung und Entwicklung. In Kundl schafften die Tiroler Forscher Dr. Ernst Brandl und Dr. Hans Margreiter 1954 etwas, was Riesenkonzernen mit Millionensummen nicht geschafft hatten. Sie entwickelten in einer stillgelegten Brauerei, die zur ‚Biochemie Kundl‘ gehörte, weltweit das erste oral einzunehmende Penicillin. Es war ein Meilenstein der Pharmazeutik.
Dieser Erfolg basiert auch auf der Tatsache, dass die Universität Innsbruck eine lange, erfolgreiche Tradition in der Mikrobiologie hat. Hier wurde früh begonnen, zu untersuchen, wie Mikroorganismen leben, arbeiten und unsere Welt prägen. Bemerkenswert: Heute noch ist die in Kundl ansässige Firma Sandoz der letzte Antibiotikahersteller in Europa.
Ohne Mikroorganismen ist’s aus mit 'lustig' auf der Erde
Obwohl das Wort ‚Mikroorganismen’ vereinzelt für negative Schlagzeilen sorgt ist ein Leben ohne sie nicht möglich. Wenn alle Mikroorganismen, von Bakterien über Pilze, Hefen und Archaeen bis zu den Protozoen auf einen Schlag verschwinden, würde dem Leben auf der Erde quasi der Stecker gezogen. Nicht nur das menschliche Überleben hängt direkt von diesen Kleinstlebewesen ab. Sie reinigen Wasser, bauen Schadstoffe ab, machen Nahrung menschenverträglich und sanieren Probleme, die von Menschen verursacht werden. Genau darum geht es im ‚mikroVERSUM‘.
Neosartorya fischeri ist ein thermoresistenter Schimmelpilz. Er gehört zu den Stars des miklroVERSUM. © Heribert Insam
Das mikroVERSUM und seine spannende Wissensvermittlung
Für Heribert Insam erfüllt das Mikroversum einen wichtigen Bildungsauftrag. „Neben Tieren und Pflanzen sind Mikroorganismen die dritte große Gruppe im Konzert des Lebens. Das Wissen darüber ist allerdings wesentlich weniger weit verbreitet als über das Leben von Murmeltieren und Elefanten, oder Pflanzen“. Der heute emeritierte Universitätsprofessor ist vielen von uns noch in ‚bester‘ Erinnerung: Auf Vorschlag eines seiner Doktoranden koordinierte er seit 2020 das österreichweite Abwassermonitoring für das Coronavirus. Heute von der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) fortgeführt, werden auch RSV- und Grippeviren regelmäßig erhoben. Diese Daten sind Basis für eine verbesserte Vorhersage von Krankheitswellen und unterstützen Präventionsmaßnahmen. Ein weiterer Tiroler Meilenstein in der mikrobiologischen Forschung war gesetzt.
Es ist ein breiter Bildungsauftrag, dem sich Insam schon immer verpflichtet gefühlt hat. Ob es darum geht, woher der Großteil des Sauerstoffs unseres Planeten stammt, wieviel Mikroben einen menschlichen Körper bewohnen oder wie es gelingt, sie zur Energie-Erzeugung zu bewegen: es sind spannende Fragen, deren Antworten im mikroVERSUM gegeben werden.
Prof. Insam hat während der Corona-Zeit die 'Durchseuchung' der lokalen Bevölkerung aus Untersuchungen des Kläranlagenwassers hochgerechnet. Im mikroVERSUM wird die Arbeit der Kleinstlebewesen dargestellt, die quasi zur Abwasserreinigung eingesetzt werden. © W. Kräutler
Der ‚Mikrobenzoo‘
Auf 31 ‚Stationen‘ wird die riesige Bandbreite mikrobieller Leistungen dargestellt. Didaktisch fein gestaltet wird der Beginn des Rundgangs, der als Tagesanfang dargestellt ist. Fragen, wer denn den Großteil des Welt-Sauerstoffs deckt (es sind Cyanobakterien in den Weltmeeren), oder für Geschmack und Qualität des Frühstücks verantwortlich zeichnet sind eine sanfte Einführung in die Welt der Pilze, Hefen und Bakterien.
Die handfesten, allseits sichtbaren Folgen mikrobiellen Wirkens in der Lebensmittelproduktion, in Kläranlagen, Wäldern oder in den Mägen unserer Kühe sind ein quasi unendliches Thema. Eindrucksvoll die Darstellung eines Frühstückstisches nach einigen Tagen, wenn sich Schimmelpilze über die Lebensmittel her machen. Im Wald sind es Bakterien und Pilze, die sich an die Verarbeitung von Blättern und Holz machen. Eine ‚Laubsäule’ zeigt eindrucksvoll, wie unsere Wälder ohne die Arbeit von holzzersetzenden Pilzen schon nach einigen Jahren meterhoch mit Laub bedeckt wären.
Potential für die Zukunft
Es fehlt auch nicht an Visionen für die Zukunft: Mikroben sind nicht nur in der Lage, Energie zu produzieren oder die Lebensmittelversorgung in einer Stadt der Zukunft zu sichern. Indirekt mit der Lebensmittelgewinnung zu tun hat auch ein Weltrekordversuch im ‚mikroVERSUM‘. In Zusammenarbeit mit dem renommierten Innsbrucker Pilzforschungszentrum ‚Glückspilze‘ soll in einer Plexiglassäule der größte, bislang bekannte Reishi-Pilz wachsen. Er ist in China als ‚Pilz der Unsterblichkeit‘ bekannt.
Eine von Univ. Prof. Claudia Pasquero künstlerisch hochinteressant gestaltete 'Algenshow' im mikroVERSUM stellt das Können von Mikroalgen eindrucksvoll vor: Sie produzieren nicht nur Sauerstoff sondern können sogar Energie erzeugen. Spirulinaalgen sind darüber hinaus das neue Superfood. © H. Insam
In dieser Plexiglasröhre wächst jener Reishi-Pilz, der es zu Weltrekordgröße bringen soll. © W. Kräutler
Für die Verbindung von Kunst und Architektur mit Wissenschaft hat sich von Beginn an Judith Ascher-Jenull eingesetzt. Es bleibt zwei Kunstinstallationen überlassen, die weltweite Verbreitung von Mikroben darzustellen. In einer davon sammelte ein Innsbrucker Weltenbummler entlang einer einjährigen Radtour von Innsbruck nach Laos 365 Erdproben in Proberöhrchen, die anschließend wissenschaftlich ausgewertet wurden. Das Ergebnis: das Mikrobenleben ist weltweit ähnlich intensiv, die Gewichtung der vorkommenden Bakterien nach Arten ist allerdings unterschiedlich.
Wolfgang Burtscher fuhr mit dem Rad von Innsbruck nach Laos und sammelte 1.000 Erdproben ein. So konnten die Unterschiede der mikrobiellen Gemeinschaften in verschiedenen Erteilen erforscht werden. Das Ergebnis wird im mikroVERSUM vorgestellt. © H. Insam
Lustiges Detail zum Schluss: Im ‚mikroVERSUM‘ gibt es sogar eine Art ‚Zoobetreuerin‘ in der Person von Mag. Clara Mühlegger. Sie ‚füttert‘ die Mikroben, regelt ihre Wasserversorgung und ist der ‚gute Geist‘ der Ausstellung. Das Museum lebt also.
Wichtige Hinweise
Das mikroVERSUM KulturLabor wurde in einer Kooperation von hollu und der Universität Innsbruck verwirklicht. Zu finden ist es am hollu Campus in 6170 Zirl und ist vom dortigen Bahnhof in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. (Siehe Karte unten).
Öffnungszeiten
Mo-Do 08:00 - 16:00 ausschließlich für angemeldete Führungen und Workshops für Schulklassen
Fr-So, 12:00 - 18:00 Uhr bei freiem Eintritt für die Öffentlichkeit geöffnet.
Kontakt für Schulen und Workshops: [email protected]
Das Titelbild zeigt übrigens ein Wimpertierchen, landläufig als Pantoffeltierchen bezeichnet.
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Alm-Freiwilliger in der 'Schule der Alm', Kultur-Pilger, tirol-Afficionado, Innsbruck-Fan.
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