Allein schon vom Namen dieser Landschaft geht ein geheimnisvoller Zauber aus: St. Moritzen. Westlich der Marktgemeinde Telfs gelegen, sind die Geländekuppen rund um ein Wallfahrtskirchlein von einer rätselhaften Aura umhüllt. Mystisch ergänzt vom monumental aufragenden Gebirgsstock der ‚Hohen Munde’. Ein Frühlingsspaziergang durch diese spirituell kraftvolle Landschaft gehört seit Jahrtausenden zum immer wiederkehrenden Ritual vieler Menschen. Woher wir das wissen? Aus einer Ausgrabung, bei der vor zehn Jahren ein spätlatènezeitlicher Kultplatz am Schlossbichl in St. Moritzen der Vorläufer des heutigen christlichen Wallfahrtsplatzes freigelegt wurde.

Die Wallfahrtskirche 'St. Moritzen'

Eine Frage ist vorab zu klären: welcher Name versteckt sich hinter St. Moritzen? Die Antwort ist relativ einfach: Es ist die Tiroler Bezeichnung für den ‚Ort des Heiligen Mauritius’,  kurz und bündig 'Sankt Moritzen'. Vor allem in Frankreich hoch verehrt, war ‚St. Maurice’ ein vermutlich aus Ägypten stammender, bereits christlicher Kommandeur einer römischen Legion, der um 300 n.Chr. gegen Christen kämpfen sollte. Er verweigerte gemeinsam mit seiner Legion den Befehl, worauf er mitsamt seiner Legion hingerichtet wurde. Folgerichtig wird er als Patron des Heeres, (vor allem der Infanterie!) und der Messer- und Waffenschmiede verehrt. Dagegen konnte er sich nicht mehr wehren...

Sankt Mauritius und die Heilige Lanze

Das mit dem Patron der Messer- und Waffenschmiede ist erklärbar. Im Hochmittelalter erlangte er durch die Vermutung, im Besitz der Heiligen Lanze gewesen zu sein, legendäre Bedeutung. Es war jene Lanze, mit der ein römischer Soldat Jesus am Kreuz in die Brust gestochen hatte. Von gläubigen Katholiken angerufen wird er allerdings bei eher profanen Leiden wie etwa bei Ohrenleiden, Besessenheit, Gicht und kranken Kindern.

Im Mittelpunkt dieses landschaftlichen Juwels stehen das Wallfahrtskirchlein St. Moritzen mit einer vorgelagerten Grabeskapelle und etwas entfernt davon ein tirolweit einmaliger Kalvarienberg mit jener Kapelle, in der sich die in Telfs verehrte ‚Moritzner Muttergottes‘ ihren Ehrenplatz hat. Das gesamte Ensemble befindet sich wiederum am Fuß des sogenannten ‚Schlossbichls‘, auf dem einer örtlichen Sage zufolge die ‚Burg Eben‘ stand. Eine Überlieferung, deren wirkliche Grundlagen bei Ausgrabungen 2015 und 2017 quasi freigelegt worden sind. Der Schlossbichl stellte sich als prähistorischer Kultplatz heraus. Er kann durchaus als  ein Vorläufer der heutigen Wallfahrtskirche bezeichnet werden. Hier huldigten schon Menschen der späten Bronze- und nachfolgenden Eisenzeit, aber auch die Römer ihren Göttern.

Der Moritzenschimmel und sein goldener Schlüssel

An Hinweisen auf die prähistorische Vergangenheit von St. Moritzen hat es nicht gefehlt. Die Sage vom ‚Moritzenschimmel‘ kündet seit Jahrhunderten von einem ‚Schatz‘, den es zu heben gilt. 

Es sei ein Fuhrmann aus Nassereith gewesen, der einst bei der Wendelinkapelle oberhalb des Kirchleins St. Moritzen seinen Pferden mit ihrem schweren Fuhrwerk eine Pause gönnte. Bis er von ihrem Wiehern  geweckt wurde. Er erblickte einen hellen Lichtschein, der von einem leuchtenden Schimmel ausging, derr einen goldenen Schlüssel im Maul hatte. Es hieß, dass, wer auch immer Herr des Schlüssels sei, Zugang zu einer Schatzkammer des einstigen ‚Schlosses Eben‘ hätte und alles Gefundene sein Eigen nennen dürfe. (Heute wissen wir, dass kein Schloss, sondern der prähistorische Kultplatz gemeint war.) Als der Fuhrmann den plötzlich auf sein Pferdegespann zutrabenden Schimmel mit einem Peitschenknall zum Stehenbleiben zwang, fiel der goldene Schlüssel zu Boden. Der Fuhrmann rannte hoch erfreut an die Stelle wo der Schlüssel liegen musste fand aber nur den ‚Luniger‘ genannten Stift, der eines seiner hölzernen Wagenräder fixierte. Immerhin, denn wenn dieser Stift fehlt, hätte er Fuhrwerk und Fracht verloren, da das Rad aus der Achse gerollt wäre.

(Den vollen Wortlaut der Sage findet ihr hier.)

Die Wallfahrtsroute

Besonders in der vorösterlichen Fastenzeit ist ein Rundgang durch diese zauberhaft-spirituelle Landschaft sehr empfehlen. Wallfahrer, natur- und kulturbegeisterte Menschen  beginnen am besten in der Moritzenstraße, die von den ersten Kapellen eines Kreuzweges gesäumt wird.

Es ist eine heute noch nachvollziehbare, feine Komposition einer katholischen Choreographie die diesem Weg zugrunde liegt. Nicht nur gläubige Katholiken und Wallfahrer folgen ihm nach St. Moritzen sondern auch viele Kunst-Afficionados oder Kontemplation suchende Menschen. Denn schon nach den letzten Häusern betritt man eine sichtbar ‚andere‘ Landschaft, in deren Mittelpunkt der Kalvarienberg und die Moritzen-Kirche stehen. (Alternativ bzw. ergänzend dazu gibt es die ‚Moritzenrunde, die vom Parkplatz ‚Wendelinus‘ aus zu den sakralen Bauten bis zum Innufer führt.)

Schmerzensmutter und „Heilige Treppe“ Tirols

Erster Höhepunkt ist also der Kalvarienberg, der auf einem bewaldeten Hügel liegt und zwischen 1820 und 1830 errichtet wurde. Eine wahrhaft überraschende Architektur empfängt die Besucher. Denn der Aufgang zum eigentlichen Kalvarienberg, der sich hoch oberhalb des Weges als eine Art römisches Tempelchens präsentiert, erfolgt durch einen überdachten Stiegenaufgang. Gleich gibt's eine weitere Überraschung. Denn unmittelbar nach dem Eingang betritt man nach 17 Stufen die Marienkapelle und damit den sakralen Innenraum des Berges. Hinter einer verglasten Nische befindet sich das eigentliche Ziel der Wallfahrt, nämlich das Gnadenbild 'Maria als Schmerzensmutter' mit sieben Schwertern, die ‚Moritzner Muttergottes'.

Die Legende der ‚Moritzen-Madonna‘

Es ist nicht überraschend, dass Maria auch hier Gegenstand einer Legende ist. Sie sollte unter Beweis stellen, dass die Gebete erhört würden.

Einst machte sich ein altes Weiblein auf den Weg, nach St. Moritzen zu wallfahren. Sie rief die Muttergotts an um sie zu bitten, einige ihrer Bekannten zu einer ‚guta Sterbstund‘ zu verhelfen. Als sie so vor sich hin betete begegnete ihr eine Frau mit einem weiten blauen Mantel, die in großer Eile zu sein schien. Es war die ‚Moritzen-Madonna‘. „Annale“, sprach diese, „heute brauchst du nicht nach Moritzen gehen, ich bin nicht draußen, weil ich zu einem Sterbenden gehen muss.“ Und tatsächlich, als das Weiblein die Marienkapelle betrat, stand der Platz leer.

Der folgende Stiegenaufgang mit 46 Stufen ist eine Art „Heilige Stiege“ im Tiroler Sinn. Jede Stufe bringt Gläubige und Kulturbeflissene näher zu ‚Golgota‘, einer Kreuzigungsgruppe mit nüchterner Formensprache. Der Fokus ist ganz auf das Kreuz gerichtet. Lediglich der  grandiose Ausblick auf die Berge der Stubaier Alpen löst die düstere Szene auf und verstärkt die spirituelle Wirkung dieses Platzes.

Die St. Moritzen-Kirche und die Grabkapelle

Kaum einen Steinwurf davon entfernt bildet das ‚St. Moritzen-Kirchl‘ einen weiteren Höhepunkt jeder spirituellen Reise. Erstmals urkundlich erwähnt 1352 und 1409, wurde es im 18. Jahrhundert zu einem beliebten Wallfahrtsort. Während des großen Pestausbruchs 1634 musste man hier - mitten im mörderischen 30-jährigen Krieg - einen Pestfriedhof errichten. Das gegenwärtige Kirchlein wurde Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut. Bemerkenswert sind der spätbarocke Hochaltar, der von sogenannten ‚Opfergangsportalen‘ flankiert wird und zwei Seitenvitrinen. In der einen Vitrine wird die in Tirol als heilig verehrte Notburga dargestellt.

Gegenüber der St. Moritzen-Kirche befindet sich die im 17. Jhdt. errichtete Grabkapelle. Denn sie stellt die 14. Kreuzwegstation, nämlich das ‚Heilige Grab‘ dar.

Hier wartet eine höchst vergnügliche Attraktion auf wallfahrende und kunstbegeisterte Menschen: eine mechanische Fastenkrippe, die während  der Fastenzeit viele Besucher nach St. Moritzen lockt. Sie wird an den Fastensonntagen zwischen 13:00 und 17:00 Uhr in Betrieb gesetzt, nur dann gehen ‚die Mandl_n um’, wie es in Telfs heißt. Kleine, geschnitzte Figuren stellen den Kreuzweg quasi in Aktion dar während die Engel des Herrn über die Kreuzigungsgruppe huschen. Eine höchst vergnügliche Show, die vor allem Familien mit Kindern magisch anzieht. Sogar der Antrieb ist zu besichtigen, der sich quasi im Dachboden der Grabeskapelle befindet.

Zum Abschluss am Ufer des grünen Inn

Von hier aus ist es nicht mehr weit zum Innufer. Es ist der Abschluss einer wunderschönen Wallfahrt oder eines Spaziergangs durch eine Landschaft, die vom Dialog zwischen Natur- und Sakralarchteitur lebt und selbst im 'Heiligen Land Tirol' außergewöhnlich ist.

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