Im Rahmen des dritten Innsbruck Winter Dance Festival beschwor die Limonada Dance Company diesmal niemand geringeren auf die große Congressbühne als den großen Träumer Salvador Dali selbst. Ein fantastisches Tanzstück zwischen Trauma und Transformation – das den exzentrischen Surrealisten nicht groß erklärt, sondern seine Geschichten und Bilder eindrucksvoll zum Erlebnis macht. So gut sogar, dass der katalanische Meister-Choreograph Enrique Gasa Valga selbst in die Dali-Doppelrolle schlüpfte.

Anfang, Ei und Ende

Schon am Anfang im Stück steht das Ende, denn der junge Salvador Dali (anfangs nur ein dali-eskes Ei) will erst gar nicht geboren werden. Stattdessen betritt der Tod die Bühne des kleinen katalanischen Dorfes Figueres, die müde Krankenschwester kennt ihn gut, doch die jungen Eltern trifft der Verlust des ersten Kindes tief. Ihren zweiten Sohn nennen die Eltern so, wie den ersten: Salvador. Die tänzerische Reinkarnation zerreißt eine schwebende Fruchtblase, da steht er, der junge Dali, und das Surreale nimmt seinen Lauf. (Hier das Dali-Werk zur getanzten Szene.) Zwischen den zwei dreh- und wandelbaren Bühnen-Elementen begleitet ein vierköpfiges Musik-Ensemble die Geschichte, stimmgewaltig und dreisprachig getragen von Greta Macolongo.

Der doppelte Dali

Gleich folgt die nächste Überraschung, denn Tanz-Maestro Enrique Gasa Valga (ebenfalls Katalane) mimt den alten Dali höchstpersönlich – als traumhafte Vision der Zukunft, der selbst die Fäden seiner nackten, neugeborenen Seele zieht und so den exzentrischen Künstler formt. Vom Vater erfährt der Junge (großartig getanzt von Simone Centonze) Tadel und Strenge, doch die letzten Geschenke der Mutter an den geliebten Sohn sind die Insignien eines Königs – dann betritt wieder der Tod die Bühne, diesmal für den letzten Tanz mit der Mutter. Aus dem Abgrund der Trauer erhebt sich schließlich die ikonische Figur mit dem spitzen Schnurrbart. In der folgenden Traumsequenz steigt der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud für ein Pas-de-deux (Paartanz im Ballett) von seinem goldenen Thron – eine Begegnung die Dalis künstlerischen Ausdruck entscheidend beeinflussen sollte.

Enfant Terrible - das schwierige Kind

Der junge Künstler erwacht im Zug nach Madrid, wo er unter Mitstudenten bald den Filmemacher Bunuel sowie den Dichter Lorca kennen - und letzteren wohl auch ein bisschen lieben lernt. Als Lorca sich jedoch den Traditionalisten anschließt, verändert sich die Beziehung, der Konflikt eskaliert und Dali wird der Kunstschule verwiesen.

Zurück in Figueres bei seinem enttäuschten Vater nimmt sich der große Maler Juan Mirò des jungen Künstlers an und nimmt ihn mit ins Paris der goldenen Zwanzigerjahre. Dali ist fasziniert von der Freiheit, den kühnen Frauen und dem Kontrast zum katalanischen Katholizismus – und findet im folgenden französischen Duett sogar seine Singstimme. (An dieser Stelle noch einmal Applaus für Simone Centonze, der so schön tanzen wie singen kann.) Der Pariser Schriftsteller André Breton heißt den Maler in seiner surrealistischen Bewegung willkommen, Salvador Dali lernt seine künstlerische Persona - und auch Gala kennen, die später seine Frau, Muse und Managerin wird. Während auf den Straßen der Stadt ein neuer Krieg entflammt, geben sich die beiden ihrer obsessiven Liebesgeschichte hin.

Die Beständigkeit der Erinnerung

Wie kein anderes weiß das Limonada Ensemble rund um Enrique Gasa Valga das Publikum zu verzaubern. Vierzehn Jahre war der Meister-Choreograph das weithin geschätzte Tanzbein des Tiroler Landestheaters. Inzwischen tourt er mit der Limonada Dance Company mit wechselnden – und wiederkehrenden! – Stücken durchs Land und die Welt. Eines der letzten Tanzbilder von Saving Salvador widmet sich (vielleicht genau deswegen) Dalis wohl bekanntestem Werk: „Die Beständigkeit der Erinnerung“, die schmelzenden Uhren, Tick-Tack-Tick-Tack, getanzt vom alten Dali und Gasa Valga selbst.

Nicht nur einmal meine ich hinter dem spitzen Schnurrbart des großen Meisters ein spitzbübisches Grinsen zu sehen. Wie eben, als er auf Stelzen und mit einem überlangen Gehstock über die Bühne stakste. Als der Künstler schließlich das letzte Bühnenbild arrangiert und Gasa Valga den Pinsel weglegt, ist das Stück vollendet, die beiden Katalanen sind zu einem verschmolzen und Fantasien vor unseren Augen Wirklichkeit geworden. Den Schlussapplaus verbringen wir stehend, bis uns die Hände weh tun.

Tanzen bis zum Winter

Mitte März ist die Limonada Dance Company mit „El Gran Gatsby“ in Spanien zu sehen, im Mai wird „Dorian Gray“ in München erneut gespielt. Zum Glück sind der nächste Winter und das nächste Innsbruck Winter Dance Festival aber schon recht fix. Wer sich das Warten bis zum Spielplan 2027 mit einem Selbstversuch am Ballett-Balken vertreiben möchte, hat in Innsbruck zum Beispiel bei der Tanzacademy die Möglichkeit. Wer sich hingegen lieber einen lustigen Bart wachsen lässt: Dali schwor auf ungarisches Bartwachs der französischen Marke Pinaud – oder seine klebrigen Finger nach dem Genuss von Datteln.

Fotos: Die Generalprobe und die Premiere von Saving Salvador hat Peter Koren in Bildern festgehalten und für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.

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