Bergisel-Sprungschanze Innsbruck

Die Vielseitigkeit der Landeshauptstadt Tirols ist und bleibt beeindruckend: Innsbruck ist auf kompakter Fläche gleichzeitig Sport-, Universitäts-, Kultur-, Tourismus- und Alpenstadt – auf den Punkt gebracht: „alpin-urban.“ All das wird durch Architektur ermöglicht, getragen und geprägt: Von einer mittelalterlichen Altstadt über barocke Schlösser und Kirchen, außergewöhnliche Sportstätten, Infrastrukturkonzepte, Hochschulgebäude, Einkaufszentren, öffentliche Bauten sowie Wohnimmobilien bis hin zu Hybridkonstruktionen und neuen Platzgestaltungen wird hier einiges geboten.
Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Architektur in der Stadt zu werfen und dabei einzigartige Räume zu entdecken. – Dafür empfiehlt sich eine Architekturführung durch geprüfte Guides.

Von Profis lernen

Als ich vor einigen Jahren meine Ausbildung zum Austriaguide am WIFI absolvierte, lernte ich die Architektin Shirley Pogorelcnik als Vortragende kennen. Bei ihr „studierte“ ich die Werke von Lois Welzenbacher, Franz Baumann, Zaha Hadid und vielen weiteren. Inzwischen ist sie eine liebe Kollegin geworden: Wir beide machen Touren mit verschiedenen Schwerpunkten für Per Pedes Stadtführungen.

Es ist naheliegend, dass Shirley Architekturführungen übernimmt, und ich freue mich, als ich im Juni 2026 bei einer solchen Tour mitkommen darf. Vorab werde ich „gewarnt:“ Eine Architekturführung dauere gerne zwei bis drei Stunden, bei interessiertem Publikum auch mal vier. Ich halte das für ambitioniert, stelle mich aber darauf ein. Nach etwas mehr als vier Stunden sind meine Beine müde und meine Aufmerksamkeitsfähigkeit am Ende, doch hinter mir liegt eine der besten (sprich: professionellsten und charmantesten) Führungen, die ich je miterleben durfte.

Intro

Shirley startet ihre Einleitung mit einem Rückblick: In der Zwischenkriegszeit gab es in Innsbruck eine sehr kreative Phase – auch in der Architektur. Ein kurzes Zeitfenster, denn nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Stadt schnell wiederaufgebaut werden. – Mittel, Zeit und Gespür für gute Architektur waren kaum mehr vorhanden.

Die Architekturfakultät der Universität Innsbruck wurde 1969 gegründet, davor musste man dieses Fach in München, Wien oder Graz studieren. 1983 begann Shirley ihr Studium an der Fakultät für Architektur gemeinsam mit 70 Studienanfängern und weiteren sechs -anfängerinnen. Innsbruck habe sich seitdem von einer sehr konservativen zu einer lebendigen und offenen Stadt mit hoher Lebensqualität gewandelt.

Politik und Architektur

Moderne Architektur kam Ende der 1990er-Jahre nach Innsbruck, politisch ermöglicht durch den damaligen Bürgermeister DDr. Herwig van Staa (1994–2002 Bürgermeister in Innsbruck, 2002–2008 Landeshauptmann von Tirol) und seiner Nachfolgerin Hilde Zach (2002–2010 Bürgermeisterin in Innsbruck). Inzwischen sei die moderne Architektur gut in die Stadt eingebettet, auch im historischen Zentrum, findet Shirley. Dies werde wiederum durch ein sehr offenes Denkmalamt ermöglicht, sagt sie weiter, das auch Neubauten im Stadtkern zulasse.

Das Architekturstudium sei inzwischen so etwas wie ein „Lifestyle“-Studium geworden – besonders beliebt und an der Uni Innsbruck mit Fokus auf Entwurf. Mehrere hundert Studienanfängerinnen und -anfänger jedes Jahr unterstreichen das deutlich, wobei sich der Frauenanteil positiv entwickelt hat. Shirley weist hier aber auf eine prekäre Situation hin: In Innsbruck gäbe es heute vermutlich mehr ausgebildete Architektinnen und Architekten als Maurerinnen und Maurer.

Sie geht weiters auf aktuelle Brennpunktthemen wie die explodierenden Immobilienpreise in Tirol und leistbares Wohnen ein sowie auf die damit einhergehenden politischen Herausforderungen, die in Innsbruck beispielsweise schon zu Bausperren geführt haben.

Mit den Augen der Architektin Neues entdecken

Schon bei der Einführung merkt man, dass hier eine Professionistin erzählt, die nicht nur als Architektin arbeitet, sondern selbst auch an zahlreichen Wettbewerben oder Ausschreibungen teilgenommen hat; die diese Abläufe ebenso wie spannende Details der Lokalpolitik kennt und nicht zuletzt seit vielen Jahren in dieser Stadt lebt.

Wir starten los! Diese Führung beginnt in Mariahilf – was eher untypisch ist. Wir kommen also über die Innbrücke in die Altstadt und weiter zum Rennweg. Unterwegs gibt es Informationen zur Sanierung und Neugestaltung der Brücke durch Rainer Köberl, zum Kruzifix von Rudi Wach, zur neuen Altstadt-Pflasterung und zur Historie.

Innsbruck ist eine Stadt der kurzen Wege, doch bei einer Führung legt man einige Meter zurück, dafür sieht man auch viel. Die Beschreibung aller Stopps würde den Rahmen sprengen, daher gibt es hier nur kurze Informationen. Mehr erfahrt ihr auf einer Architekturführung.

Das Haus der Musik

Das 2018 eröffnete Konzerthaus ist die neue Heimstätte des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck. In dem Gebäude von Architekt Erich Strolz werden insgesamt zehn verschiedene Musikinstitutionen auf über 6000 Quadratmetern versammelt, dazu zählen das Konservatorium und die Kammerspiele. Eine ursprünglich geplante Holzfassade erschien in Nähe zu Hofkirche und Hofburg als nicht passend und wurde zu einer dunklen Keramiklösung. Shirley bewertet das Haus der Musik als rationellen Bau mit riesiger Kubatur. Ein Wettbewerb für die Platzgestaltung steht noch aus.

Mehr erfahren: Blogartikel „Klangkörper neu: Haus der Musik“ von Christian Weittenhiller (2018)

Zaha Hadid

An der Talstation der Innsbrucker Nordkettenbahnen beim Congress geht Shirley auf die Arbeiten von Zaha Hadid (1950–2016) ein: die Bergisel-Sprungschanze und die Hungerburgbahn. Die Sprungschanze ist die einzige Sehenswürdigkeit, die wir nur aus der Ferne betrachten können. Für alle Projekte hat unser Guide eine umfangreiche Mappe mit Plänen, Visualisierungen und vielem mehr mit dabei.

Hadid strebte in ihren Arbeiten nach einer „Neuordnung des Raumes.“ Ihre oft komplizierte Architektursprache setzte sie mit ihrem Geschäftspartner Patrick Schumacher (2004–2013 Professor Universität Innsbruck, Architekturfakultät) und großen Teams um.

Von der Bergisel-Sprungschanze (2002) zeigt sich Shirley begeistert: „Das Bauwerk steht wie eine Skulptur da: Man kann nichts mehr wegnehmen, aber es braucht auch nichts hinzugefügt werden. Eine starke Form.“

Die Stationen der Hungerburgbahn (2007) sind deutlich komplexere Formen, inspiriert von sich bewegendem Gletschereis. Das Schale-Schatten-Prinzip setzt sich aus milchigen Glasdächern, die für das fließende Gletschereis stehen, und Betonsockeln punktuell und elegant zusammen. Hier wurden die Grenzen des (damals) technisch Machbaren ausgelotet, ca. 1200 Glaspaneel-Unikate zeigen das beispielhaft. Das Projekt wurde als Public Private Partnership und als Teil des städtischen Verkehrskonzepts umgesetzt.

Beste Innenstadtlage für Bildung: die SOWI

Als in den 1990er-Jahren eine Kaserne aus dem Stadtzentrum aussiedelte, wurde eine große Fläche frei, für die es viele Ideen gab. Ein Professor der Universität, Manfried Gantner, schlug etwas Bahnbrechendes vor: Diese beste Lage für Bildung einzusetzen. Der Vorschlag konnte sich durchsetzen und legte den Grundstein für das bisher modernste Universitätsgebäude Österreichs: Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Leopold-Franzens-Universität wurde von Henke Schreieck Architekten geplant und 1998 fertiggestellt. Wir sehen uns das Gebäude von außen und den Eingangsbereich von innen an. Shirley weist uns auf die bewusst eingesetzten Kontraste hell-dunkel oder Beton-Holz sowie auf Kunst am Bau von Franziska und Lois Weinberger hin.

Über die Volksschule Innere Stadt und das sich gerade im Umbau befindende Ferdinandeum (Marte.Marte Architekten) gelangen wir zum BTV Stadtforum.

BTV Stadtforum

Die Bank für Tirol und Vorarlberg (heute „BTV Vier Länder Bank“) wurde 1904 gegründet, die Zentrale war seit jeher in der Gilmstraße in Innsbruck. Nach 100 Jahren sollte an diesem Platz eine neue entstehen. Dafür wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, 72 Projekte wurden eingereicht. Shirley erzählt ungewöhnliche und spannende Details: Ein Sieger wurde prämiert, aber ausgezahlt, denn keines der Projekte erschien als optimale Lösung. Daraufhin wurde der Künstler-Architekt Heinz Tesar direkt beauftragt. Der moderne Klassizist schuf eine Bank, die von außen Wertstabilität ausdrückt und geschlossen wirkt, sich aber innen weit öffnet. Wir sind werktags unterwegs und gehen in die große Halle hinein, die sich über vier Stockwerke nach oben hin auftut. Privatkunden werden im vierten Stock am „Dorfplatz“ empfangen, von dort haben sie einen einmaligen Blick auf die Nordkette. Die Bank leistet sich hier mit Innsitu außerdem eine zeitgenössische Fotogalerie und mit der Tonhalle einen voll in Bambus gekleideten eigenen Konzertsaal. Der gesamte Vorplatz ist mit Valser Quarzit gestaltet, einem Stein, der eine einzigartige textile Struktur schafft.

Eine neue Piazza: der Bozner Platz

Seit April 2026 ist der neue Bozner Platz fertig. Früher war es durch Straßen und Parkfächen ein „Platz im Platz,“ wie Shirley erklärt. Durch ein neues Verkehrskonzept ist eine große Fläche entstanden. Das Ingenieurbüro EGKK Landschaftsarchitektur aus Wien hat hier einen Platz nach Schwammstadtprinzip umgesetzt, das zusammen mit über 30 Bäumen für eine angenehme Atmosphäre und bei Hitze für deutliche Abkühlung sorgen soll. Großzügige, schöne Sitzmöglichkeiten ermöglichen einen Aufenthalt ohne Konsumzwang. Gastronomie mit neuen Gastgärten bietet aber auch dafür ein attraktives Angebot. Der Bozner Platz verbindet den Bahnhof mit der Innenstadt und ist so ein „Einfallstor“ ins Zentrum.

Ein neues Quartier

Nahe liegt das neue RAIQA, auch seit Frühling 2026 geöffnet. Die Passage habe ich mir bereits angesehen, aber im Gebäude war ich noch nie. Auf der Architekturführung machen wir einen kurzen Zwischenstopp und ich bin beeindruckt von diesem besonderen Hybridgebäude aus Bank, Büros, Hotel, Retail, Gastronomie und Kunstraum. Das alte Stahlbetonskelett wurde vom Wiener Architekturbüro Pichler & Traupmann erhalten und in den Neubau integriert. Wir machen einen Ausflug in den neunten Stock und genießen von der Terrasse den Ausblick über die Stadt.

Mehr erfahren: Blogartikel „Das neue RAIQA: Shopping, Drinks, Kunst & mehr“ von Elisabeth de Koekkoek (2026)

Landhausplatz

Wir kommen zu einem problematischen und schwierigen Platz: den Eduard-Wallnöfer- oder Landhausplatz. Er liegt direkt vor dem Neuen Landhaus, das ein NS-Bau – damals Gauleiterhaus – ist, davor steht das Befreiungsdenkmal der Franzosen.

Die 2011 abgeschlossene Neugestaltung würde heute nicht mehr so umgesetzt werden, weil der Grünanteil gering ist, ist Shirley überzeugt. Doch der Wettbewerb habe noch vor der Klimadebatte stattgefunden. Die Entscheidung für das Projekt des Architekturbüro LAAC nach einem Entwurf von Kathrin Aste mit Team war damals schon mutig: Der Platz wird durch das zentrale Befreiungsdenkmal und nicht von den umgebenden Fassaden definiert. Es steht eingebettet in einer Landschaft aus Beton und die Vergangenheit wird so sichtbar gemacht. 
Die Formen wurden schnell zu einem Skaterparadies, die Sportlerinnen und Sportler nutzen den Platz am intensivsten. Sobald die Bäume hier mehr Schatten spenden, wird sich die Aufenthaltsqualität auch für weitere Besuchergruppen verbessern.

Die Einkaufsstraße

Abschließend geht es in die Maria-Theresien-Straße, die auch im Rahmen eines Wettbewerbs von AllesWirdGut Architektur umgestaltet wurde (Fertigstellung 2009). Der hier ansässige Bus- und Straßenbahnterminal wurde ausgelagert und stattdessen eine Flaniermeile etabliert. Die Prachtstraße steht unter Ortsbildschutz und „besitzt“ doch zwei moderne Einkaufszentren: das Kaufhaus Tyrol und die RathausGalerien.

Kaufhaus Tyrol

Ein ursprünglich jüdisches Kaufhaus wurde nach dem Krieg zu einem Forum-Kaufhaus und später zu einem der ersten Großprojekte des inzwischen gescheiterten Immobilienkrösus René Benko. Shirley berichtet von einem „Krimi,“ der zur heutigen Gestaltung führte: Der Abriss des Baubestands in der Maria-Theresien-Straße erfolgte nach heftigen Diskussionen und nach Einspruch aufgrund eines Formfehlers beim Antrag auf Ensembleschutz. Dann gab es Pläne für ein Gebäude, das wie eine Art Blase aussehen sollte. Es folgte ein Entwurf mit einer Fassade mit Löchern – einem Käse gleich. Schließlich wurde der renommierte Architekt David Chipperfield beauftragt, dem es gelang, eine moderne Fassade in die historische Häuserreihe einzugliedern.

RathausGalerien

Hier wollte man bewusst ein Zeichen gegen die Einkaufszentren an der Peripherie setzen und Shopping im Stadtzentrum wieder ermöglichen. Die RathausGalerien verbinden seit 2002 das Stadtmagistrat mit seinen Verwaltungsräumen mit einem Einkaufscenter samt Gastronomie und Hotel. Im siebten Stock bietet das Cafe 360° einen schönen Ausblick. Der Plan stammt vom französischen Architekten Dominique Perrault.
Hier wurden insgesamt 13 Kunst-am-Bau-Projekte realisiert, unter anderem von: Daniel Buren (bunte Glasfenster), Peter Kogler (Gestaltung Glasfassade), Rudi Wach (Skulptur Minotaurus).

Informativ, kurzweilig und anekdotenreich

Von Profis lernt man am meisten und von Shirleys Architekturführung kann ich sehr viel mitnehmen: Eine neue Sicht auf Gebäude, Plätze oder Konzepte und – das liebe ich besonders – spannende Geschichten. Nicht nur ich bin begeistert, sondern die ganze Gruppe. Alle loben – zurecht! – das schier grenzenlose Wissen, die fundierten Erklärungen und die insgesamt kurzweilige Tourgestaltung unserer Stadtführerin. Danke, Shirley!

Kontakt

Links

Blogartikel „Sollte in jede Tasche – der Architekturführer Innsbruck“ von Susanne Gurschler (2017)

Titelbild: Blick auf Innsbruck mit der Bergisel-Sprungschanze, dem modernen Wahrzeichen der Stadt (© Innsbruck Tourismus, Tom Bause)

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