Vor rund 5.300 Jahren ist ein Mann unter dramatischen Umständen verstorben, der als ‚Ötzi‘ in die Geschichte eingegangen ist. Er wollte eben das Tisenjoch auf 3.210 m Seehöhe überschreiten, als er vermutlich aufgrund einer Pfeil-Verletzung starb und im Jahre 1991 als quasi ‚tiefgefrorene’ Mumie samt seiner mitgeführten Gerätschaft aus dem Gletscher ausaperte. War Ötzi eigentlich ein erster Bergsteiger? Und: Weshalb bestieg er überhaupt das Gebiet des Inneren Ötztales? Fragen, die ein exzellentes Angebot der Tiroler Museen beantwortet. ‚Objekte schreiben Sportgeschichte‘ nennt sich die neue ‚Themenführungsreihe‘ im Tirol Panorama mit Kaiserjägermuseum der Tiroler Museen, die Antworten auf solche Fragen geben wollen. Ich habe mich einer Themenführung angeschlossen und viel Spannendes erfahren.
Themenführung der Tiroler Landesmuseen
Diese neue, attraktive Veranstaltungsserie der Tiroler Landesmuseen hat das Ziel, Wissenswertes, quasi ‚Handfestes‘ über ausgewählte Ereignisse in der „Sport“-Geschichte Tirols zu vermitteln. Oder tiefe und fundierte Einblicke in kunst- und kulturhistorische Objekte und Bauwerke zu ermöglichen. Andere Themenführungen werden übrigens auch in italienischer Sprache angeboten (wie etwa Ci vediamo al Museo). Und das alles in Ergänzung zu den ‚klassischen‘ Museumsführungen. Eine Serie, die von ausgewiesenen Expertinnen und Wissenschaftern geleitet und gestaltet wird.
Archäologie und Alpinismus
Gemeinsam mit weiteren zwölf interessierten Museumsbesuchern fand ich mich also zur Themenführung „In eisigen Höhen - die ersten Bergsteiger*innen Tirols“ im Tirol-Panorama auf dem Berg Isel ein. Da ich mir nur sehr wenig darunter vorstellen konnte wartete ich gespannt darauf, was die Archäologin und Kulturvermittlerin - aktuell ist sie Direktionsassistentin in den Tiroler Museen - Nicole Mölk und der Gletscherarchäologe Thomas Bachnetzer zu bieten hatten. Sie wollten den Besuchern 'Tirols erste Bergsteiger*innen’ näher bringen. Ich kann’s vorweg nehmen: es war ein hoch interessanter, anregend-unterhaltsam gestalteter Spätnachmittag. In lockerer Atmosphäre ging’s um das Begehen oder Besteigen unserer Berge, beginnend nach der letzten Eiszeit und endend im Heute der ‚Selfie-Instagram-Besteigungen‘.
War Ötzi Bergsteiger?
Nicole Mölk als Archäologin und Kulturvermittlerin und Thomas Bachnetzer als ausgewiesener Gletscher- und Hochgebirgsarchäologe sind quasi ‚Bestbesetzungen‘ zu diesem Thema. Die Teilnehmer waren nicht nur rein ‚Konsumierende’, sie wurden immer wieder mit Fragen herausgefordert. Wie mit jener, ob Ötzi ein erster Bergsteiger war oder was ihn sonst antrieb, sich in eine Höhe von mehr als 3.200 m zu wagen. Daraus entwickelte sich die thematische Gestaltung und die Frage nach dem tieferen Sinn, weshalb prähistorische Jäger bereits auf Berge kraxelten.
Mit Nicole Mölk und Thomas Bachnetzer kann man im Tirol-Panorama in die Sport-Geschichte Tirols eintauchen. ©Sonia Buchroithner
Nach dem Ende der letzten Eiszeit wagten sich Menschen in die Berge
Immer neue Funde belegen, dass sich Menschen bereits kurz nach dem Ende der letzten Eiszeit in die damals völlig unwirtlichen Berge vorgewagt hatten. Die Frage, weshalb sie ‚eisige Höhen‘ erklommen hatten wurde dann anhand konkreter Objekte behandelt.
Thomas Bachnetzer verstand es perfekt, wissenschaftliche Erkenntnisse der Hochgebirgs- und Gletscherforschung einfach und verständlich darzulegen. Menschen haben in prähistorischen Zeiten Berge nicht etwa aus Jux und Tollerei bestiegen. Sie verfolgten ganz konkrete Ziele. Wie etwa die Gewinnung jener Steine, aus denen sie dann ihren ‚Werkzeugkasten’ formen konnten.
Das prähistorische Bergkristall-Bergwerk im Zillertal
Nachdem der wohl bekannteste Mineraliensammler des Zillertales Walter Ungerank offenbar bearbeitete Splitter von Bergen im Bereich des Riepenkars entdeckte, brachten Nachforschungen der Uni Innsbruck ein sensationelles Ergebnis: Im Inneren Zillertal bestand bereits vor 7.000 Jahren eine Art ‚Bergkristall-Bergwerk‘. Aus den Kristallen formten die Jäger damals Pfeilspitzen und sogar ‚Kristallbeile‘, die vermutlich am Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit entstanden sind . Ich habe dazu auf meinem privaten Blog einen ausführlichen Bericht verfasst.
Didaktisch bemerkenswert: Bachnetzer hatte originale, bearbeitete Bergkristall-Splitter aus dem Zillertal zur Themenführung mitgebracht. Es war nicht nur für mich eigenartig, einen Bergkristall in der Hand zu halten, der vor Jahrtausenden von einem der ‚Steinschläger‘ kunstvoll bearbeitet worden war.
Vor tausenden von Jahren wurde dieser Bleikristall von prähistorischen 'Steinschlgern' bearbeitet und kann nun von Besuchern der Themenführung 'begriffen' werden. ©W. Kräutler
Hoch über dem Inneren Zillertal, konkret am Riepenkar, betrieben prähistorische Menschen ein regelrechtes 'Bergkristall-Bergwerk'. ©Thomas Bachnetzer
Werkzeuge, die aus Bleikristall 'geschlagen' worden sind. ©Thomas Bachnetzer
Ein Mineraliensammler entdeckte die Kluft aus Bergkristall, in deren Umgebung zahlreiche Funde gemacht werden konnten. ©Thomas Bachnetzer
Radiolarit-Abbau im Rofangebirge
Nicht nur im Zillertal wurden ‚Werkzeug-Steine‘ abgebaut. Das Tiroler Rofangebirge, konkret der Bereich der Rofanspitze und der Grubenlacke war vor Jahrtausenden schon einer jener Orte, die von den Steinzeitlern aufgesucht wurden, um Ressourcen abzubauen. In diesem Fall, um Radiolarit zu fördern. Da Silex, gemeinhin als ‚Feuerstein‘ bezeichnet, in den Alpen nur sehr selten vorkommt, stiegen sich die Tiroler Steinzeitler also in Richtung Rofanspitze auf. Radiolarit ist ähnlich gut zu bearbeiten wie Silex, also Feuerstein, weil er nach der Bearbeitung scharfe Kanten ermöglicht. Kaum zu glauben: im Bereich der Bergspitze fanden Archäologen sogar Abschläge von Radiolarit. Das lässt vermuten, dass sie sogar Bergspitzen bestiegen haben. Vielleicht auch wegen der besseren Aussicht.
Hier versorgten sich die Steinzeitjäger mit Radiolarit, einem harten und gut zu bearbeitenden Stein für ihre Werkzeuge. ©M. Staudt/Thomas Bachnetzer
Das 11.000 Jahre alte Jägerlager im Sellrain
Ein wissenschaftlich im Detail erforschtes Jägerlager im Fotschertal des Sellraintales wurde 11.000 Jahre vor heute auf 1.860 m Seehöhe eingerichtet und geschätzte 1.000 Jahre lang im Sommer immer wieder aufgesucht. Diese Menschen der Mittleren Steinzeit verbanden ihre Jagdausflüge (Archäologen sprechen gar von ‚Sommerurlauben‘) mit der ‚Gewinnung‘ von Fellen und Geweihen. Geweihe deshalb, weil deren Spitzen als ‚Schlagwerkzeuge’ bei der Herstellung von Steinwerkzeugen dienten. Mein Blog dazu: https://www.innsbruck.info/blog/de/menschen-geschichten/seit-11-000-jahren-waidmannsheil-im-sellrain/
Tirols Berge sind werden also schon seit mindestens 11.000 Jahren von Menschen aus unterschiedlichen Gründen aufgesucht und bestiegen:
- Entweder als Berg-Übergang in ein anderes Tal
- oder als Quelle von Ressourcen wie Radiolarit oder Bergkristall.
- Eine weitere Motivation waren Tiere, die sie auf den sommerlichen Bergeshöhen weiden ließen, wie das im Inneren Ötztal heute noch immer der Fall ist. Weshalb auch das ‚Alter‘ der ‚Transhumanz‘ - des Schaftriebes vom Vinschgau ins Ötztal - auf mehrere tausend Jahre geschätzt wird.
Auf der Felsnase des 'Ullafelsens' im Fotschertal saßen bereits vor 11.000 Jahren steinzeitliche Jäger. ©W. Kräutler
Die Menschen sind schon vor tausenden von Jahren mit ihren Tieren in die Berge gezogen. Wie hier auf der berühmten Transhumanz, die vom Südtiroler Vinschgau aus auf die Weiden des Inneren Ötztales führt. ©W. Kräutler
Themenführungen sind eine wunderbare Idee
Weshalb ich solchen Themenführungen viel Zuspruch wünsche? Durch die Herausarbeitung von geschichtlichen Hintergründen wird das Wissen und das Verständnis der Teilnehmer für einzelne Themen geweckt und vertieft. In diesem Fall - Objekte schreiben Sportgeschichte - gesellt sich auch noch jener große Respekt hinzu, den wir den ersten Bergsteiger*innen zollen sollten, die die Berge aufgesucht hatten, als es weder Landkarten noch GPS und schon gar keine Skilifte gab.
Das restliche Programm im Herbst 2025 - "Objekte schreiben Sportgeschichte - auf Entdeckungsreise durch das Tirol Panorama"
Einmal im Monat führen die beiden Archäologen Nicole Mölk und Thomas Bachnetzer durch die Dauerausstellung des Museums. Erfahren Sie mehr über Traditionen und skurrile Ereignisse, die die Entwicklungen des Berg- und Wintersports in den Tiroler Alpen prägten.
Do, 30.10.2025, 16 Uhr, Tirol-Panorama: „In eisigen Höhen - die ersten Bergsteiger*innen Tirols
Do, 27.11.2025, 16 Uhr, Tirol-Panorama: „Am Limit - Tiroler auf 8000ern: Buhl, Kammerlander, Messner & Co.
Do, 18.12.2025, 16 Uhr, Tirol-Panorama: Let it Ski - zur Entwicklung des Skisports in Tirol
Infos unter [email protected] oder T +43 512 59489-111. Eintritt + 2 € Führungsbeitrag
Alle Veranstaltungen der Tiroler Museen sind hier nach Datum aufgelistet: https://www.tiroler-landesmuseen.at/besuch/veranstaltungen/
Links:
https://www.tiroler-landesmuseen.at/terminreihe/fuehrungen-im-tirol-panorama/
https://www.tiroler-landesmuseen.at/besuch/veranstaltungen/
https://www.tiroler-landesmuseen.at/instagram/
instagram: @tirolerlandesmuseen
https://www.facebook.com/TirolerLandesmuseen
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