Wenn manchertags die Sonne durch die süßen Altstadtgässlein glüht, ist in Innsbruck jedes schattige Platzl eine gute Empfehlung. Zum Glück liegt aber sogar echte Sommerfrische hier nur etwas weiter südlich. Konkret: Eine Handvoll kleiner Bergdörfchen, bestens erreichbar mit Bus, Bahn, Bike oder Bergschuh. Jedes spontane Abenteuer ist anpassbar je Witterung und Wanderlust: Unterwegs gibt’s da etwa ein Schloss, zwei Seen, zwei Moore, einige Spielplätze und Sportstationen, und manchmal sogar ein paar Schwammerln (= Pilze). Auch anders kulinarisch lohnt ein Ausflug, denn gefühlt ganz einerlei, wo einen Wald und Wiesen wieder ausspucken, wartet dort oben eine Küche mit Falstaff-Siegel. Im Folgenden: Drei Tiroler Traditionsgasthäuser samt Sommerfrische, nur etwas weiter südlich und einfach so ab Innsbruck.
Bergauf hinterm Bergisel
Grundsätzlich erreicht man das Naturidyll südlich der markanten Bergisel-Schanze wohl am schönsten durch die Waldwege (zb. Poltenweg) oberhalb des Schloss Ambras. Die bezwingen sportliche Eltern sogar mit Bikes samt Kinderwägen, auch Hunde sind dort gern willkommen. Vom Innsbrucker Marktplatz besteigt man sonst einfach die märchenhafte 6-er Waldbahn nach Lans oder die „Peak-to-Peak“ Linie J in Richtung Patscherkofl und kürzt die Wegstrecken nach oben beliebig ab. Für den Rückweg empfiehlt sich übrigens fast immer der Bus – einerseits weil die Waldwege nachts sehr dunkel werden, andererseits weil man hierher zum Genießen kommt und die Gemütlichkeit so von Anfang bis Ende sanft steigern kann.
Wunderschöne "Wegelen" führen durch die Wälder nach Lans.
Südlich von Innsbruck sind die Bedingungen oft sehr gut zum "Schwammerln suchen".
Die schönsten "Platzln" für Pilze sind immer ein gut gehütetes Geheimnis.
Unterwegs gibt's unzählige Panoramablicke und Postkartenmotive - wer soll sich denn so aufs Pilze finden konzentrieren!
Serviervorschlag 1: Waldig bis Isserwirt
Am Innsbrucker Marktplatz oder beim kleinen Bimmel-Bahnhof in Wilten unterhalb der Schanze steige ich in die Waldbahn. Irgendwo bei Tantegert (Waldmoor & Spielplatz) steige ich meist wieder aus und nehme einen der schattigen Waldwege über den Lanserkopf. Via Lanser See, Seerosenweiher (bzw. Lanser Moor) und Mühlsee geht es dann gemütlich bis zum Isserwirt im Herzen von Lans - leicht erkennbar am üppigsten Begonien-Wasserfall der ganzen Dorfstraße. Drinnen erwartet mich altehrwürdiger Alpen-Chic und die Hausherrin Theresia, die jeden Gast persönlich begrüßt. Selbstverständlich ist man hier am Dorf ganz eng per Du und natürlich darf ich auch kurz mal in die Küche schauen! Ganze 16 Generationen wurde der Isserwirt seit 1313 alt, die „Thresi“ hält er zwar bis heute jung, in der Küche steht aber längst „da Bua“ (=Junior) Andreas. Zudem sei sie ja ohnehin nur „zugeheiratet“, zwinkert die herzliche Gastgeberin.
Die dicksten Begonien - hat der Isserwirt!
Eher unscheinbare Festung von außen.
Feingliedrige Holzbalkone Richtung Westen.
Die strahlend sympathische Hausherrin Theresia nimmt sich immer Zeit für einen schnellen "Ratscher".
Die hellen und offenen Holzstuben - natürlich gibt's auch einen Holzofen.
Anderes Stüberl, anderer Style - je nach Tag und Stimmung passend.
Der "neue" Saal 1905 wurde einst von Opa Josef erbaut.
Heimischer Kräutersaitling vom Grill mit Karamell-Marillen und Ziegenfrischkäse.
Die 26 Zimmer konnte ich nur deswegen nicht sehen, weil sie fast immer gut belegt sind.
Dafür den alten Erdkeller - die edelste Form der Speisekammer.
Küchenchef Jupp, die Gastgeberin und ihr Nachwuchs.
Das Inspirationsbankl im Garten - vielleicht mein Lieblingsort dort.
Kulinarisch, optisch und persönlich ein Hit
Für die Babyelefanten (bzw. 1,5m - Abstandsregel) unter Kaiserin Corona wurde damals der Speisesaal renoviert, einst erbaut vom Opa Josef anno 1905. „Das hat uns die Gogl Moni schön gemacht, sehr puristisch, sogar das Goetheglas und die alten Fenster erhalten. Da schauen die Berge immer so schön bewegt aus - im Winter ist‘s zwar kalt, da stellen wir halt Kerzen auf.“ Senior-Küchenchef Jupp serviert das Essen persönlich, die Karte ist klein und wertvoll, immer mit ein paar Spinnereien auch. Etwa die karamellisierten Marillen mit Ziegenfrischkäse zum Risotto vom Kräutersaitling, natürlich seine Idee. Auch sein „Bua“ Tobias steht längst in der Küche. Ich staune, denn ein Gastro-Betrieb, den selbst die Angestellten gern vererben, ist sehr, sehr selten. Auch die Gastfreundschaft ist so herzhaft echt, dass ich sogar noch eine Führung durch die holzgeschnitzten Stuben und den mittelalterlichen Erdkeller bekomme – jeder Winkel bestens gepflegt, bis heute. Am Panoramabankl im Garten gelobe ich still meine Wiederkehr, dann kommt mein Bus ins Tal.
Serviervorschlag 2: Radl bis Grünwalderhof
Zum Grünwalderhof am Fuße des Patscherkofel geht’s diesmal mit dem Bike. Von der Kneippanlage am Igler Dorfplatz (auch via Buslinie J) sind‘s über den Panoramaweg Gletscherblick nur noch 20 Minuten bis Patsch. Begeistert(en) bietet der Gastgeber Hansjörg beim Rundgang durch das angrenzende Naturschutzgebiet Rosengarten übrigens ausgebildete Birdwatching-Begleitung an – sofern er etwas Zeit findet. Sonst muss man die märchenhaften Waldwege um den „Kofl“ (=Patscherkofel) selbst erkunden, kann hinten von der alten Römerstraße durch die Täler bis nach Italien blicken oder sich im Garten vom Grünwalderhof entspannt ins Panorama schaukeln. Das opulente Frühstück der Frau Gräfin (bis 11 Uhr) habe ich heute verpasst, die großformatige Jagdszene zu Thurn und Taxis wacht drinnen über das leere Buffet.
Der Grünwalderhof an der alten Römerstraße zu Patsch.
Die Waldwege um den Patscherkofel lohnen hier genauso...
...wie das Naturschutzgebiet Rosengarten gleich nebenan.
Auch mit Ausblicken geizt die Gegend nicht.
Der einst adelige Grünwalderhof kocht seit 1929 für das Volk.
Es wird verführerisch zu Tisch gebeten - auch das Frühstück klingt verlockend.
Man zeigt viel Herz für Natur und bietet Kost und Logis auch für Insekten.
Eine Gräfin wacht mit Hundestaffel über das Frühstücksbuffet.
Geradezu beläufig werden Schätze der Geschichte gezeigt.
Das Gedeck überwindet liebevoll die Ländergrenze.
Die Tiroler Erdäpfelblattln - ganz daheim.
Ossobuco alla Milanese - köstliche Kultur von jenseits des Brenner.
Und dann wieder daheim: Moosbeernocken mit einem Kugerl Vanilleeis.
Zum Schluss noch ein Gruß ins Stubaital - danke für so ein Schnapserl!
Schöner Platz zum Draußen sitzen
Ich nehme ohnehin die Falstaff-prämierte Terrasse, auf Platz drei in ganz Österreich und Gastgeberin Christine stellt mir ihren „Bua“ Christoph servierend zur Seite. Mit Bruder Hendrik schmückte er im Frühjahr schon ein Nachwuchs-Feature der Pachtfamilie Ribis im Tirol Magazin - die next Gen wird schon flügge. Zu den wahnsinnig seltenen Tiroler Erdäpflblattln mit Kraut empfiehlt er dann so sympathisch wie „ganz ehrlich, a Bier“. Die Karte überrascht mit durchwegs liebevoller Austro-Italo-Fusion, wo zum Gedeck schonmal Grammelschmalz mit Zirbensalz und Olivenöl gereicht wird. Das Ossobuco alla Milanese ist allein die Reise wert, und dann noch die Moosbeernocken nach Art des Hauses! Die Portionen sind fürstlich, hungrig geht niemand und zum Mitnehmen gibt’s im Fall eine so schöne wie schlaue Aufwärmverpackung aus Recyclingpapier. Die "alte Waldhimbeere ausm Stubai“ (ein selten gutes Schnapserl) wird auf dieser Terrasse übrigens mit dem passenden Talblick serviert, und - wäre ich nicht mit dem Bike dagewesen - weitere womöglich auch noch. Den edlen Abritt nach Innsbruck, im Sonnenuntergang und bei lauem Abendlüftchen, wollte ich mir nur echt nicht entgehen lassen.
Serviervorschlag 3: Einfach so zum Wilden Mann
Ein abendlicher Ausflug bringt mich schon bald wieder nach Lans, diesmal zum Wilden Mann. Der liegt eigentlich genau gegenüber vom Isserwirt, sei mit seinen drei Falstaff Gabeln aber vornehmlich bei Besuchern aus der Stadt und von weiter her beliebt (so erzählt man sich im Dorf). „Essen auf dem Lande“ verspricht eine alte Inschrift, und Preise in Schilling – drinnen sieben Tage Haubenküche und Service in feinster Tiroler Festtagskleidung. Küchenchef Michael (frische 29, fragt zur Sicherheit aber nochmal nach) setzt mich in seine „Hausstube“ direkt neben der Küche, sodass ich alles sehen kann und wirklich jedes Gericht einmal an mir vorbeiduftet.
Der Wilde Mann liegt direkt an der Lanser Dorfstraße - und genau gegenüber vom Isserwirt.
Die Fassade erzählt Geschichten - schon seit dem Mittelalter.
Der schmucke Landgasthof lädt gleich nebenan zum Übernachten ein.
Dorfbrunnen, Bauernhof und Friedhof - Dorfidyll für Romantiker.
Die schmucken Stuben laden zum "Verhocken" ein.
Die beiden Küchenchefs in ihrem Element.
Das Sevice vom Seesaibling - frühlingshaft frisch.
Angus Beef mit Eierschwammerl - wenn ich schon keine gefunden habe...
Die glückliche Dreifaltigkeit im Wilden Mann von links: Der Armin, der Michael und der Peter.
Köstlichkeiten aus Küche und Weinkeller
Weil er wahnsinnig gerne zeigt, was er alles kann, bekomme ich von meinen Favoriten kleine Portionen, auch Sonderwünsche zaubert er sehr gern. Wie gut er – und Armin – in der Küche können, schmeckt man schon am Sevice vom Seesaibling, dann beim Black Angus mit Schwammerln und die knusprigen Kasspatzln sind sowieso geheim. Oberkellner- und Kellermeister Peter lässt aus dem Handgelenk noch einen Schluck Primitivo kommen (eigentlich gar nicht mein Wein, aber dieser…) – auf der ganzen Karte wird mit vollen Kanonen geschossen. Sein tut’s ja eine „Weiberwirtschaft“, verrät der Wilde Mann Michael das Erfolgsrezept augenzwinkernd aus der Küche – Oma Schatz, Mutter Regina und Tochter Lisa führen den Betrieb. Mit ähnlich bodenständiger Selbstverständlichkeit strotzen das gedrechselte Mobiliar, der Service, die schmucken, alten Stuben - als „Stadtler“ verstehe ich eigentlich ganz gut, warum man hier gern „verhockt“ (genüsslich länger sitzenbleibt).
Ich schließe vor dem Gewitter aber lieber noch einen verträumten Dorfspaziergang an - Brunnen, Friedhof, Bauernhof, Wiese, Wald, dann der See. Gerade rechtzeitig holt mich dort der Bus ein, ich verfolge von drinnen die Tropfenspuren am Fenster und bin eh fast schon wieder zuhause.
Bilder: Christian Weittenhiller
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Kleiner Schreiberling mit großen Leidenschaften. Geboren, aufgewachsen und veredelt in Tirol, liest gern und kocht fast wie Oma. Am liebsten immer irgendwo unterwegs und auf der Suche nach neuen Horizonten.
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