Wenn Sie durch die Stadt spazieren, haben Sie vielleicht schon einige Schriftzüge oder grafische Zeichen an Wänden und Gebäudefassaden bemerkt. Vielleicht haben Sie sie bemerkt, vielleicht auch nicht. Es sind werke des österreichischen Künstlers Heinz Gappmayr. Geradlinig und leicht, fügen sie sich in den sie umgebenden Raum ein, mit dem sie interagieren können, ohne sich aufzudrängen. Sie haben gleichzeitig die diskrete Eleganz und die Kraft eines Gedankens.
Im Jahr 2025 wäre Heinz Gappmayr 100 Jahre alt geworden. Die Tiroler Landesmuseen nehmen dieses Jubiläum zum Anlass, einen der bedeutendsten Künstler der österreichischen visuellen Poesie mit der Ausstellung "Heinz Gappmayr. 100" im öffentlichen Raum Innsbrucks. Vom 4. Juli bis 28. September 2025 sind Werke des Tiroler Künstlers an zehn verschiedenen Orten in der Stadt zu bewundern. Machen wir einen Spaziergang und schauen sie uns gemeinsam an.
Erste Etappe: Museum im Zeughaus
Es gibt keinen festen Startpunkt für diese Tour. Ich habe mich für den Start in der Zeughausgasse 1 vor dem Museum im Zeughaus entschieden, aber Sie können sich natürlich auch für einen anderen Rundgang entscheiden...
Heinz Gappmayr arbeitet mit Worten und Zeichen und reduziert sie auf ein Minimum. Das Ergebnis sind Werke, die dem Betrachter viel Raum zum Nachdenken lassen. Der Schlüssel zum vollen Genuss seiner Werke liegt darin, sie zu betrachten und dann den Gedanken freien Lauf zu lassen, ohne sich durch a priori ästhetische Urteile blockieren zu lassen. Sind Sie bereit? Los geht's!
Auf dem Rasen vor dem Museum im Zeughaus steht ein weißer Würfel, auf dessen Seiten die Folge der ersten vier Zahlen geschrieben steht, die wir alle auswendig kennen: eins, zwei, drei, vier. Die Zahlen sind jedoch nicht in Ziffern, sondern in Worten geschrieben. Und zwar Wörter in vier verschiedenen Sprachen. Wir lesen: eins, deux, drei, vier. Was passiert, wenn wir durch die Änderung einiger Elemente das "Spiel" einer Folge verändern, die wir auswendig kennen? Vielleicht bekommen die Wörter der Sequenz eine andere Bedeutung?
Das Werk "Eins, deux, three, quattro" von Heinz Gappmayr vor dem Museum im Zeughaus in Innsbruck. Foto © Laura Manfredi.
Zweite Etappe: das historische Zentrum
Von der Zeughausgasse gehen wir in Richtung Altstadt und halten an der Universitätstraße 1, gegenüber der Hofkirche. Über dem Kirchenportal lesen wir auf einem Transparent '= wird'.
Wird ist die dritte Person Singular des Verbs werden, das im Deutschen werden bedeutet, aber auch zur Bildung des einfachen Futurs verwendet wird. Ein interessantes Verb, denné die Vorstellung von Verwandlung und Werden vermittelt und gleichzeitig in die Zukunft projiziert wird. Hier gibt es eine Kombination aus dem mathematischen Zeichen für Gleichheit und einem Verb, das, obwohl es in seiner gegenwärtigen Form verwendet wird, irgendwie auf die Zukunft hindeutet. Dieses Werk evoziert die Zeit, die Gegenwart und die Zukunft, indem es verschiedene Sprachen zusammenfügt.
Wir gehen durch die Altstadt, vorbei am Goldenen Dachl, in Richtung Inn, bleiben aber auf dieser Seite des Flusses, ohne ihn zu überqueren. Wir biegen nach rechts ab und erreichen die Herzog-Otto-Straße Nr. 8. An der Fassade eines Gebäudes steht die Aufschrift "Alles nicht sichtbare", was man mit "Alles, was nicht sichtbar ist" übersetzen könnte. Dieses Werk lässt uns an das Sehen denken, unser privilegiertes Organ. Wie viel "Nicht-Sichtbares" gibt es außerhalb unseres Blickfeldes, aber auch außerhalb dessen, was wir mit unseren Augen wahrnehmen können? Und was ist der Unterschied zwischen dem Sichtbaren und dem Nicht-Sichtbaren?
Das Werk "Alles nicht sichtbare" von Heinz Gappmayr in der Herzog-Otto-Straße 8, Innsbruck. Foto © Laura Manfredi.
Dritte Etappe: entlang der Maria-Theresien-Straße
Sie können nun die Richtung ändern und den Marktgraben entlang gehen, bis Sie die Maria-Theresien-Straße erreichen. Gehen Sie bis zur Hausnummer 34 und betreten Sie den Innenhof. Auf der Treppe, die zum Kunstraum führt, finden Sie ein weiteres Werk von Gappmayr. Diesmal gibt es keinen Text, sondern "nur" Zeichen. Auf drei nebeneinander liegenden Tafeln sieht man einen Strich, einen senkrechten Strich und wieder einen Strich. Dieses Werk mit dem Titel 'Vergangenheit Gegenwart Zukunft' spielt mit einfachen grafischen Zeichen, in denen wir uns einen zeitlichen Raum vorzustellen pflegen.
Das Werk "Vergangenheit Gegenwart Zukunft" von Heinz Gappmayr im Eingangsbereich des Kunstraums Innsbruck. Foto © Laura Manfredi.
Das nächste Werk befindet sich vor dem Taxispalais, in der Maria-Theresien-Straße 45. Hier ist das kleinformatige Werk an einem Pfahl rechts neben der Eingangstür des Taxispalais angebracht. In der Arbeit"Vektoren" zeigen vier Pfeile auf die Ecken des Blattes. Es entsteht ein Gefühl von Dynamik und die Mitte des leeren Blattes vibriert, als ob sich eine Spannung in einem unbestimmten, nicht greifbaren Zentrum konzentriert.
Das Werk "Vektoren" von Heinz Gappmayr am Eingang des Taxispalais Kunsthalle Tirol in Innsbruck. Foto © Laura Manfredi.
Vierte Etappe: von der Stadt zum Bergisel
In dieser Phase beginnen sich die Distanzen zu verlängern. In der Nähe des Hauptbahnhofs steht die Arbeit "Linie" am Eingang von aut.architektur und tirol(Lois Welzenbacher Platz 1). Was, wenn eine Linie nicht gezeichnet, sondern durch das Wort dargestellt wird, die in verschiedene Richtungen verläuft?
Das Werk 'Linie' von Heinz Gappmayr im Eingangsbereich von aut.architektur und tirol, Innsbruck. Foto © Laura Manfredi.
Wir fahren weiter hinauf zum Bergisel, wo das Werk "Klammern" am Museum"Das Tirol Panorama"(Bergisel 1-2) installiert ist. Große Klammern ragen aus den Glasfenstern des Museums heraus, aber es gibt nichts zwischen den Klammern, nur Raum, der von links nach rechts allmählich zunimmt. Der Inhalt der Klammern liegt in der Phantasie des Betrachters und kann daher mehrere Bedeutungen annehmen. Ein Ratschlag: Gehen Sie entlang des Fensters, um das Werk besser zu verstehen.
Wenn Sie bis hierher gelaufen sind, haben Sie sich eine Pause im Park vor dem Museum verdient. Und bevor Sie gehen, genießen Sie den Blick auf die Stadt und die Berge!
Das Werk "Klammern" von Heinz Gappmayr im Museum Das Tirol Panorama in Innsbruck. Foto © Laura Manfredi.
Fünfte Stufe: Aus dem Zentrum heraus
Drei weitere Werke sind noch zu besichtigen, aber um sie zu Fuß zu erreichen, braucht man einige Zeit. Wer sie nicht verpassen will, nimmt sich am besten ein gemietetes Fahrrad und macht einen Ausflug. Die Werke sind in der Stadtbibliothek Innsbruck(Amraser Straße 2), im GEIWI-Turm der Universität Innsbruck(Innrain 52) und im Studio 3 - Institut für experimentelle architektur(Technikerstraße 21) installiert.
Bei einigen dieser Stationen (z.B. bei der Hofkirche oder dem Museum Das Tirol Panorama) finden Sie auch eine kleine Broschüre mit einem Werkverzeichnis und einer Karte, die Ihnen bei Ihrem Rundgang helfen kann. Viel Spaß bei Ihrem Besuch!
Das Werk "Raum um einen Gegenstand" von Heinz Gappmayr vor der Stadtbibliothek Innsbruck. Foto © Laura Manfredi.
Nützliche Informationen
"Heinz Gappmayr. 100"
Freiluftausstellung in Innsbruck
vom 4. Juli bis 28. September 2025
Die zehn sehenswerten Werke:
"Eins, deux, three, quattro", 1990, Zeughaus, Zeughausgasse 1, Innsbruck
"Ist wird", 1969, Hofkirche, Universitätsstraße 2, Innsbruck
"Alles nicht sichtbar", 2005, obermoser + partner architekten, Herzog-Otto-Straße 8, Innsbruck
"Vergangenheit Gegenwart Zukunft", 1992, Kunstraum Innsbruck / Galerie Elisabeth und Klaus Thoman, Maria-Theresien-Straße 34, Innsbruck
"Vektoren", 1993, Taxispalais Kunsthalle Tirol, Maria-Theresien-Straße 45, Innsbruck
"Linie", 1966, aut.architektur und tirol / Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, Lois Welzenbacher Platz 1, Innsbruck
"Klammern", 1966, Das Tirol Panorama, Bergisel 1-2, Innsbruck
"Raum um einen Gegenstand", 1978, Stadtbibliothek Innsbruck / Plattform 6020, Amraser Straße 2, Innsbruck
"Gedanke", 1969, GEIWI-Turm / Universität Innsbruck, Innrain 52, Innsbruck
"Echo", 1995, ./studio3 - institut für experimentelle architektur, Technikerstraße 21, Innsbruck
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Eine bildende Künstlerin aus Mailand, die sich nicht nur mit Pinseln und Leinwänden beschäftigt, sondern auch gern über Kunst, Kultur, Musik, Design und Kreativität schreibt.
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