Kaum zu glauben: Dreieinhalb Jahrzehnte lang habe ich kaum einen Ton gesungen. Nicht im Chor, nicht unter der Dusche und schon gar nicht vor anderen Menschen. Die Einladung zu einem ‚Advent-Jodelkurs’ von Margie Sackl, einer Bekannten von mir, reizte mich dann doch. Als Mitbegründer der ‚Schule der Alm im Valsertal‘ sollte ich eigentlich Jodel-Grundkenntnisse besitzen. Ich konnte mir bisher nicht vorstellen, wie man Jodeln lernen kann. Jetzt weiß ich es: Per Jodelkurs. Vorbei die Zeit, in der allein schon das Wort ‚Jodelkurs‘ auf mich ziemlich erheiternd wirkte. Verband ich es doch mit dem Sketch 'Jodeldiplom' des legendären deutschen Comedy-Großmeisters Loriot, in dem er seine ‚Schülern‘ Jodeltexte rezipieren lässt. 

Jodelkurs in der Erwachsenenschule Völs

Natürlich hatte ich auf der Alm im Valsertal schon insgeheim versucht zu jodeln. Aber es gelang mir partout nicht. Ich war sehr gespannt, ob mir ein Jodelkurs quasi ‚auf die Sprünge‘ helfen konnte. Sieben weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer meldeten sich wie ich bei der Erwachsenenschule Völs an um hinter das Geheimnis dieses alpinen Gesangs zu kommen. Im Gegensatz zu mir waren die Jodelschüler allesamt jung und mit intakten Stimmbändern ausgestattet.

Jodeln ist wie einen Lichtschalter betätigen

Alle haben wir’s doch schon ausprobiert, einen Ton zwischen Brust- und Klopfregister ‚springen‘ zu lassen. Dieser abrupte Wechsel, der im Gegensatz zum normalen Singen einen typischen, hellen Klang erzeugt, nennt man Jodeln. Da ‚springt‘ der Ton ohne Zwischentöne auf eine höhere Ebene. Bei mir waren es zu Beginn des Kurses eher Krächzlaute, die da zum Vorschein kamen. Ich möchte Jodeln mit dem Betätigen eines Lichtschalters vergleichen: Wenn man ihn drückt, erstrahlt das Licht sofort. Ein Dimmer, bei dem das Licht erst langsam erstrahlt, kann mit dem ‚normalen Singen‘ verglichen werden.

Adventjodler mit feinen Melodien

Margie Sackl gestaltete die drei Übungsstunden mit viel Geduld. Wir konzentrierten uns auf vorweihnachtliches Gesangsmaterial, Adventjodler waren angesagt. Dann wurde erst einmal aufgelockert. Gesang erfordert lockere Muskeln, vor allem im Brust- und Kieferbereich. Dann erst folgten erste Jodelversuche.

Erkenntnis Nummer 1: es braucht schon etwas Mut und vor allem die Bereitschaft, sich selbst und damit seine eigene Stimme zu hören. Denn Jodeln ist ein Gesang, bei dem eher laute Töne von sich gegeben werden. Das macht ihn kantig, irgendwie roh und birgt die Gefahr, tonal ‚total daneben‘ zu liegen. Sprich, falsch zu singen.

Dann ist da noch die Sache mit den Worten. Welchen ‚Text’ singt man beim Jodlen? Welche Worte verwendet man wann? Irgendwie bekannt ist ja die Buchstabenfolge ‚Hollareitullio‘. Aber kommt man damit wirklich weit?

Erkenntnis Nummer 2: die Worte, mit denen Jodelgesang unterlegt werden, ergeben sich irgendwie von selbst. Oder sie werden, wie im Jodelkurs der Fall, von der Lehrerin quasi vorgesprochen und nachgemacht. Das Erlernen eines speziellen Textes entfällt also. Jodeln ist somit nicht mit Hirnakrobatik verbunden.

Margie stellte dann die einzelnen Stimmen vor, die die Gruppe nachsingt. Hier ein Audio-Beispiel: 

Keine Angst vor ‚Fehlern‘

Mit konkretem Singen nähert man sich dann Schritt für Schritt dem Ziel, die Technik des Jodelns zu erahnen. Bei den Adventjodlern mit ihren innigen Melodien ist’s relativ einfach, die Technik zu üben. Eine Herausforderung ist es nun, seine eigene Stimme in der Vielzahl der Stimmen zu hören und permanent zu versuchen, den ‚Jodelsprung’ zu schaffen. Dass man auch komplett falsch liegen kann - geschenkt. Unsere Jodel-Lehrerin verweist auf eine alte Tatsache: „Fehler machen wir alle“, sagt sie.

Ich hatte ja keine Ahnung, ob meine Stimme auch nur annähernd das tun würde was von ihr verlangte. Jahre lang hatte ich nicht gesungen, meine Stimmbänder schienen anfangs quasi eingerostet. Aber die Unsicherheit legt sich bald, weil man mit Menschen gemeinsam singt, die vor denselben Problemen stehen. Ein Umfeld, in dem Fehler gemacht werden dürfen, macht es noch leichter. Und schließlich fasst man Vertrauen zu sich selbst - und schon geht’s viel leichter mit dem Singen.

Da man keine Worte benötigt trägt der Klang die Botschaft. So entsteht eine vokale Ausdrucksform, die weniger erzählt und mehr ruft, antwortet und schallt. Jodeln ist Musik, die keine Bühne braucht, sondern nur eine Stimme und einen Raum für das Echo.

Und so übten wir im Mehrzwecksaal der Völser Mittelschule gleich vier Jodelgesänge, deren Melodien innig sind und die in den Advent passen: den ‚Marienjodler‘, den ‚Allerseelner‘, den ‚Juchizer von den Stiererbauern vom Dachsteingebirge’ und den ‚Besinnlichen‘. Klar, wenn man den vierten mehrstimmigen Jodelgesang eingeübt hat ist der erste beinahe vergessen.

Jodeln für den Hausgebrauch

„Ein Meister ist noch nie vom Himmel gefallen“ meint Margie Stackl. Der Kurs in ist sozusagen eine Einführung in diese Gesangstechnik. „Wir haben ja meistens die erstaunlichen, gesanglichen Leistungen der Kunstjodler im Kopf“, meint sie. „Dafür braucht es eine jahrelange, konsequente Ausbildung, eigentlich ein Gesangsstudium.“ Ihr persönliches Ziel als Jodellehrerin ist es, ‚Jodeln für den Hausgebrauch‘ zu vermitteln.

Für all jene, die Gefallen am Jodeln finden bietet Margie Sackl Weiterbildungsmöglichkeiten an. Wie zum Beispiel den ‚Jodlerei-Semesterkurs‘ an acht Abenden, den sie in Hall anbietet. Oder die Jodel-Workshops, die sie in passender Umgebung durchführt, wie etwa dem Tiroler Höfemuseum oder in Maria-Waldrast.

Links:

Die Website von Margie Sackl:  https://www.margiesackl.at/jodeln/

Erwachsenenschule Völs: https://www.voels.at/Erwachsenenschule_Voels

Schule der Alm: https://www.schulederalm.at

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