Klingende Teilchen im KG17: Die Titel der Stücke lauten etwa „Movimento zigzag”, „Galassia mormorante” oder „HERCanum”. – Insgesamt 13 Stücke ergeben jene Partitur, die im Turbinenraum des ehemaligen Kraftwerks in der Kirchgasse 17 in Mühlau erklingt. Das Besondere: Datensätze aus Neutrino-Observatorien im antarktischen Eis und in der Tiefsee des Mittelmeeres lieferten das Ausgangsmaterial für das Klanglaboratorium „ULTRA | memoria cosmica” von Tim Otto Roth. Der Künstler macht Töne mikroskopisch kleiner Teile hör- und sichtbar.
„ULTRA | memoria cosmica” ist das vierte Projekt, das der Verein KG17 in der Turbinenhalle des Kraftwerks in der Kirchgasse 17 in Mühlau durchführt.
Aus dem All
Folien an den großen Fenstern des Industriedenkmals tauchen den Raum in ein sphärisch-blaues Licht. Von der Decke hängen kugelförmige leuchtende Lautsprecherskulpturen, befestigt an Konstruktionen aus Alurohren und Stahlseilen.
Sie machen die von oben nach unten, vom All auf die Erde, verlaufende Bewegung der Teilchen für uns erlebbar. Denn sekündlich prasseln Millionen für uns unsichtbare Teilchen aus dem Universum auf die Atmosphäre, treffen auf Luftmoleküle und fallen in Kaskaden weiter. Der sogenannte „Lichtschauer“ durchdringt die Oberfläche der Erde, unsere Haut.
Wir sehen sie nicht, wir hören sie nicht, wir riechen und wir spüren sie nicht. Und trotzdem sind sie da.
Mit seiner Installation „ULTRA | memoria cosmica” erinnert der Künstler Tim Otto Roth an die Entdeckungsgeschichte der kosmischen Strahlung.
Roth hat eine Methode entwickelt, dieses Phänomen für unsere Augen sichtbar für unsere Ohren hörbar zu machen. Ich schreite durch die Turbinenhalle, vorbei an den in den Spektralfarben leuchtenden Lautsprechern, die einprägsame Melodien von sich geben – lausche und staune. Magisch. Atemberaubend.
Tim Otto Roth ist Komponist und Konzeptkünstler, promovierter Kunst- und Wissenschaftshistoriker. Foto: © Miriam Seidler
Kraftwerk mit Geschichte
Wie für diesen Schauplatz gemacht, so harmonisch wirkt die Installation „ULTRA | memoria cosmica” von Tim Otto Roth. Und tatsächlich hat der aus dem Schwarzwald stammende Komponist und Konzeptkünstler sein Projekt auf den Turbinenraum abgestimmt. Seit 2022 führt der Verein KG17 hier ganz besondere kulturelle Veranstaltungen durch: Immer sind das denkmalgeschützte Industriegebäude und seine Geschichte Ausgangspunkt für Lesungen, Konzerte, Performances und Ausstellungen.
Einführende Worte von Kuratorin Helga Madera, Künstler Tim Otto Roth und Gastgeber Gerhard Kerschbaumer anlässlich der Eröffnung der Ausstellung, Foto: © KG17
Und so haben der Ziviltechniker Gerhard Kerschbaumer und die Kulturvermittlerin Helga Madera anlässlich „100 Jahre Quantenmechanik“ für diesen Herbst nach einem Projekt gesucht, das dieses Jubiläum mit dem Thema Wasser, Wassermoleküle, verbindet. Sie brauchten nicht lange, um fündig zu werden.
Zentrum der Astrophysik
Tim Otto Roth befasst sich in seinen Arbeiten intensiv mit Forschungen im Bereich Astro(teilchen)physik. Dazu kommt: Innsbruck ist nicht erst in der Gegenwart ein bedeutendes Forschungszentrum auf diesem Gebiet. Schon vor dem 2. Weltkrieg war die Universität Innsbruck diesbezüglich weltbekannt. Damit verknüpft ein sehr bekannter und ein – zu Unrecht – weniger bekannter Name.
2022 wurde die komplett renovierte und erweiterte Victor-Franz-Hess-Messstation am Hafelekar wieder eröffnet.
Ersterer ist Victor Franz Hess (1883–1964), Entdecker der kosmischen Strahlung und Physik-Nobelpreisträger. Der Wissenschaftler folgte einem Ruf an die Universität Innsbruck und baute 1931 ein Labor für „Ultrastrahlungsforschung” am Hafelekar, das noch heute in Betrieb ist (hier geht’s zum Blogbeitrag anlässlich der Neueröffnung der adaptierten und erweiterten Messstation).
Marietta Blau
Gewürdigt wird dort auch Marietta Blau (1884–1970). Die heute nur noch Eingeweihten bekannte Wissenschaftlerin war nicht eine herausragende Forscherin und machte eine Entdeckung, die ebenso bahnbrechend und nobelpreiswürdig war, wie die von Hess. Aber wie so oft in der Geschichte: Auch in der Wissenschaft wurden Frauen lange übergangen, selbst wenn sie Höchstleistungen erbrachten und in neue unbekannte Felder vordrangen. Und das taten Marietta Blau und ihre Mitarbeiterin Hertha Wambacher (1903–1950). Machten sie doch die unsichtbare Strahlung sichtbar.
Auch die Ausstellung in der Victor-Franz-Hess-Messstation am Hafelekar erinnert an die Physikerin Marietta Blau.
Blau, die an der Universität Wien Physik und Mathematik studiert hatte, schloss ihr Studium 1919 ab. Ihr Forschungsschwerpunkt, die radioaktive Strahlung, sollte sie auch weiterhin intensiv beschäftigen. In der Zwischenkriegszeit als Physikerin u.a. in Berlin, Frankfurt und Göttingen und schließlich am Radiuminstitut in Wien tätig, stellte sie 1925 ein Verfahren vor, mikroskopische Spuren von geladenen Wasserstoffkernen (Protonen) in fotografischen Emulsionen festzuhalten. Zudem betreute sie wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten, wodurch es zu einer Zusammenarbeit mit Hertha Wambacher kam.
Kernzertrümmerung am Hafelekar
Im Jahr 1937 stellte Blau am Hafelekar elf silberbeschichtete Fotoplatten auf. Vier Monate verblieben diese dort in vertikaler Ausrichtung. Bei der Auswertung am Institut für Radiumforschung in Wien machte Blau eine schier unfassbare Entdeckung: Die Strahlung hatte nicht nur – die erwarteten – gerade Spuren in der Silberemulsion der Platten hinterlassen.
Mittels spezieller Folien an den Fenstern wird der gesamte Raum in ein atmospärisch blaues Licht getaucht.
Es fanden sich auch sternförmig in einem Punkt zusammenlaufende Spuren.
Ein klarer Hinweis darauf, dass die Teilchen der kosmischen Strahlung Atomkerne direkt in der Emulsion zertrümmerten. „Diese Zertrümmerungssterne waren eine wissenschaftliche Sensation”, erklärte Roth anlässlich der Vernissage, Marietta Blau also ein „echter Gamechanger” auf diesem Gebiet.
Insgesamt 70 leuchtende Lautsprecher hängen an speziellen Konstruktionen von der Decke des Turbinenraums.
Wie Hess musste Blau vor den Nazis fliehen. Auf Empfehlung Albert Einsteins zunächst in Mexiko tätig, übersiedelte die Physikerin 1944 in die USA, wo sie unter anderem an der Entwicklung eines Teilchenbeschleunigers mitarbeitete. Trotz ihrer sensationellen Entdeckung blieb Blau der Nobelpreis verwehrt.
ULTRA | memoria cosmica
Wunderbar, dass die Ausstellung im Kraftwerk in Mühlau auch eine Hommage an diese großartige Wissenschaftlerin, an ihre Leistungen darstellt. „Gleichzeitig ist ULTRA eine Aufforderung an das Publikum sich auf Vorgänge einzulassen, die zwar omnipräsent sind, sich der beschränkten menschlichen Wahrnehmung jedoch entziehen”, so Roth.
So stellt das Projekt im KG17 anlässlich 100 Jahre Quantenphysik eine überaus spannende Verbindung zwischen der Messstation am Hafelekar, der Wissenschaftlerin Marietta Blau und dem Klanglaboratorium von Tim Otto Roth, zwischen Kunst und Wissenschaft her. Umgeben von Turbinen tritt man in Kontakt mit Klängen aus dem Weltall, aus dem Teilchen für uns nicht wahrnehmbar auf die Erde prasseln – ihre Geräusche, für unsere Ohren adaptiert, zu hören ist atemberaubend.
Die Ausstellung „ULTRA | memoria cosmica” läuft bis 24. Oktober 2025.
KG17
Kirchgasse 17, 6020 Innsbruck / Mühlau
Mail: [email protected]
Tel.: +43 699 11357508
Öffnungszeiten:
Fr und So 16–19 Uhr; Infos zum Rahmenprogramm unter: www.kg17.at
Im Veranstaltungskalender von Innsbruck Tourismus finden sich weitere spannende Events in und um Innsbruck.
Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler
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Innsbruck ist ihre Herzensstadt, der Blick auf die Nordkette ihr Seelenschmeichler. Journalistin, Sachbuchautorin, Bücherwurm, Hobbyfotografin, Hundebesitzerin, BergGeherin #ghostsofinnsbruck
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