Die geistreichen Leserinnen und klugen Leser meiner Blogs wissen es bereits: ich bin ein Bewunderer des alten Handwerks in Innsbruck und verehre unsere einzigartigen, historischen Gebäude. Vor allem dann, wenn sie nach Jahrhunderten noch immer einer zeitgemäß-modernen Nutzung dienen. Nach der fabelhaften Sanierung des Hauses in der Hofgasse 5 entdeckte ich ein weiteres Gebäude mit einer hochinteressanten Vergangenheit in dem handwerkliche Nutzung in denkmalgeschützter Umgebung praktiziert wird. Ich bin nämlich einem Hinweis über ein erstes ‚Tiroler Landhaus’ nachgegangen, das sich ab 1613 in der Herzog-Friedrich-Straße 29 befunden haben soll.

Das Haus war zur Zeit seines Baus Anfang des 16. Jahrhunderts einst das mächtigste am Platz. Die Außenansicht ist bei genauem Hinschauen nahezu monumental. Die später veränderte Fassade in barockem Stil erstrahlt in einem wunderbaren roten Farbton. Einst waren auch Stallungen im Gebäude untergebracht, wie es in einer alten Baubeschreibung heißt. Das ‚weit in die Tiefe reichende Gebäude, fünfgeschossig mit Lauben, Erker und Giebel’ sticht heute noch aus der Vielzahl mittelalterlicher Häuser in der Altstadt heraus. Interessant ist auch die Tatsache, dass der Stiegenaufgang im Inneren des Gebäudes in alle fünf Stockwerke um einen ‚Lichtschacht’ herum führt, also mit Tageslicht beleuchtet wird.

Tirols erstes Landhaus

Selbst ‚alteingesessene‘ Innsbrucker wissen wenig über die Rolle, die das Haus Nr. 29 in der Herzog-Friedrich-Straße einst gespielt hatte. Urkundlich erwähnt wurde es erstmals 1572 als Gasthaus „Zum gulden Engel“, das 1603 in den Besitz des Hans von Freysing kam. 1613 kauften es die Tiroler Landstände die es bis 1666 als erstes, ständiges Tiroler Landhaus benützten. Als rund 50 Jahre später die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten, erwarben die Tiroler Stände das ehemalige Harnischhaus in der Neustadt, das an der Stelle des heutigen Alten Landhauses stand. Harnisch deshalb, weil hier die Prunkharnische, die aufwändig verzierten Brustpanzer der Ritter für Kaiser Maximilian ‚geschneidert‘ worden waren.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam das Haus in den Besitz der Familie Riss. Eine Erinnerung daran ist heute noch in den Lauben mit den spätgotischen Sterngewölben sichtbar: ein kunstvolles Schild, das vor dem Eingang von der Laubendecke hängt und den Namen ‚Riss‘ nennt. Mit viel Liebe zum Detail gestaltet, stellt es meines Erachtens einen ‚Wilden Mann‘ dar. In der Neuzeit wurde das Haus dann als ‚Frankhaus‘ bekannt, so benannt nach der Kaufmannsfamilie des Theodor Frank. Der alte Schriftzug ziert heute noch immer die Fassade.

Vom Goldenen Engel zur Goldwerkstatt

Dass hier einst ein Gasthaus ‚Zum Goldenen Engel’ betrieben worden war ist ein wunderbarer Zufall. Was ich nämlich bei einer Besichtigung nicht erwartet hätte: in diesem spätgotischen Haus gibt es 450 Jahre später einen gewerblichen Namensvetter, nämlich die Goldschmiede-Werkstatt Schröder. Gewissermaßen eine historische Kontinuität, sicher aber eine ideale Nutzung des  historischen Baukerns.

Historische Balkendecke samt Holzpfeiler

Der Aufgang ins Atelier führt die Besucher zuerst zu einem Atrium mit Lichteinlass. Das Atelier des Innsbrucker Goldschmieds Christian Schröder im 1. Stock ist in jenen Räumen untergebracht, die einst mit größter Wahrscheinlichkeit das Landhaus beherbergten. Eine massive, durchgehende  Balkendecke und ein frei stehender Holzpfeiler sind bestens erhalten und bilden eine Art Patina für das uralte Handwerk des Goldschmieds.

Als das Atelier 1987 hier eingerichtet wurde, dienten die Räume als eine Art Lagerhaus. Bei der Renovierung des Gebäudes kam eine wunderbar erhaltene, originale Balkendecke zum Vorschein, die unter Dutzenden von Farbschichten verborgen „von Hand gereinigt und freigelegt wurde“, wie mir Schröder erzählt. Wir sitzen in der Kundenecke des ‚Meisterateliers‘, dessen wuchtige Holzdecke und dem wuchtigen, spätgotisch freistehenden Holzpfeiler diesem Raum eine ganz besondere Aura verleiht.

Atelier im ‚Tonnengewölbe‘

Schröder begann hier 1991 eine Goldschmiedelehre, 2001 schon wurde er Teilhaber der Werkstatt. Seit 2023 führt er sie allein. Gemeinsam mit sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in einem wunderbar sanierten uralten Tonnengewölbe arbeiten, werden hier edle Schmuckstücke aus Gold, Platin, Palladium und Silber kreiert. Da wird geschliffen, gelötet, gehämmert, gefeilt, graviert und geschmolzen wie ‚in alten Tagen‘. Mit dem Unterschied, dass elektrischer Strom und Gasbrenner zum Einsatz kommen. Auch das Gravieren hat sich grundlegend verändert: es wird mit einem modernen Laser ausgeführt.

In diesen historischen Räumen wird aber auch ‚geschmolzen‘, das heißt, Gold wird hier mit Kupfer auf hundertstel Gramm genau in verschiedene Karatgrößen verschmolzen. „18 Karat Gold muss zum Beispiel mindestens 750 Teile Gold von 1000 Teilen enthalten. Wenn da ein Teil weniger wäre käme ich in arge Schwierigkeiten“ erzählt Schröder. Der mit seiner Meisterpunze neben der Karatangabe quasi die Garantie für den Goldgehalt gibt.

Ausschließlich Einzelstücke

Die Tatsache, dass im Atelier Schröder keine ‚Handelsware‘ angeboten wird, mit Ausnahme zugekaufter, bereits geschliffener Edelsteine, hat mich doch einigermaßen überrascht. „Wir entwickeln gemeinsam mit unseren Kunden individuelle Stücke, quasi Einzelstücke“ sagt Christian Schröder nicht ohne Stolz. Handelsware könne also dem Prinzip der Werkstatt nicht entsprechen, ausschließlich individuelle und handgefertigte Schmuckstücke herzustellen. Die Kunden des Meisterbetriebes kommen zum Großteil bereits mit konkreten Vorstellungen, die dann so ausgeführt werden, bis dass die Kunden vollauf zufrieden sind.

Die ‚Ehering-Zufriedenheitsgarantie‘

Das Atelier knüpft offenbar an eine alte Tradition der Goldschmiede an, die Mundpropaganda für sich werben zu lassen. Ein gutes Beispiel dafür sind Eheringe, die für Schröder einen wichtigen Anteil der Aufträge bilden. „Unser Prinzip, die Ringe solange gemeinsam zu entwickeln, sie abzuändern und anzupassen, bis die Kunden völlig zufrieden sind, ist eigentlich unsere Geschäftsgrundlage, da sind wir unschlagbar“, erzählt er und nennt das ‚Ehering-Zufriedenheitsgarantie‘. Und Zufriedenheit löst Mundpropaganda aus, das ist eine unumstößliche Erkenntnis.

Dass sich Goldschmiede im Mittelalter vor allem in Residenzstädten ansiedelten hat auch damit zu tun, dass dort reiche Adelige und Mitglieder der Herrscherfamilien für Aufträge sorgten, die über reichlich finanzielle Mittel verfügten. Wie ist das heute? „Individuell angefertigte Schmuckstücke sind eigentlich für alle Einkommensschichten möglich“, meint Schröder. „Da gibt’s Hebel, unterschiedliche Preise für Schmuckstücke zu gestalten. Angefangen bei den Karat, also dem Goldanteil eines Schmuckstücks bis hin zu seinem Gesamtgewicht. Wir finden immer eine Lösung.“

Und da sind dann noch die Spezialaufträge. Wie jener, bei dem von einem Schmuckstück nur noch ein Foto vorhanden war: eine kleine Brosche mit einer Mariendarstellung. Sie wurde von einer Frau in ihrer Kindheit getragen, die sich an das Atelier wandte. „Es war ein beträchtlicher Aufwand, den ich aber gerne in Kauf genommen habe. Mir war wichtig, der Kundin dieses Stück quasi wieder zu geben, da ist mir die benötigte Zeit egal.“ Änderungen führte er solange durch, bis die Kundin zufrieden feststellte, dass sich das Stück vor dem Einschlafen ‚wieder so anfühlte wie früher‘.

Architektonische Schönheit geht eine ideale Verbindung mit handwerklicher Meisterschaft ein

Dass dieses Haus heute noch mit Gold zu tun hat ist ein wirklich schöner Zufall. Vielleicht waren die Gaststuben des ‚Goldenen Engel’ des Jahres 1572 sogar dort, wo heute kunstvolle Schmuckstücke hergestellt werden. Jedenfalls ist das Haus in der Herzog-Friedrich-Straße 29 für mich ein herausragendes Beispiel dafür, wie architektonische Schönheit und handwerkliche Meisterschaft eine ideale Verbindung eingehen. Das ist es genau, was unsere Innsbrucker Altstadt nicht nur für mich sondern auch für uns Einheimische und Touristen attraktiv macht.

 

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