Mitte Mai war es so weit, zum 28. Alpenregionstreffen rückten sie (wieder) an: Über 12.000 stolze Schützen samt Marketender*innen und Musikant*innen folgten dem kameradschaftlichen Ruf nach Innsbruck. Hin zum höchst historischen Bergisel, wo sich manche der Bergregions-Battallione anno 1809 eigentlich sogar gegenüberstanden. Ihre Söhne und Töchter aber sind Freunde geworden und marschieren heute lieber gemeinsam, statt gegeneinander. Und so gipfelte das 28. Regionstreffen in einem prächtigen Festzug durch die Stadt – für den Frieden, die Freundschaft und die Ahnen. Aber auch für unzählige schaulustige Festgäste, von denen ich nur einer war. Für alle, die untenschuldigt gefehlt haben, folgt hiermit und nachstehend ein bildreicher Rückblick.
Der Startschuss: Kaiser Maxl’s Landlibell
Früher war alles ein bisschen anders. Tirol erinnert sich solcher Traditionen bekanntlich sehr gerne. Wer das diesjährige „Alpenregionstreffen“ der Tiroler Schützen in Innsbruck sohin etwas besser verstehen möchte, muss dafür eine kurze Geschichtsrunde drehen. Zum Beispiel durch das Tiroler Kaiserjägermuseum und das Tirol Panorama (aka Riesenrundgemälde) am Bergisel, wo die fraglos legendäre Geschichte der Tiroler Schützen nacherzählt wird.
So etwas sieht das Bergisel-Stadion selten - tausende prachtvolle Tiroler Paradeuniformen.
Im Tiroler Kaiserjägermuseum wird die wendungsreiche Geschichte der Tiroler Schützen nacherzählt.
Das Tirol Panorama heißt auch Riesenrundgemälde - hier kann man selbst in den Tiroler Freiheitskampf eintauchen.
Wenn in Innsbruck: Ein Erinnerungsfoto mit dem großen Andreas Hofer.
Viel lieber als die Waffen, lässt man die Instrumente sprechen.
Die Marketenderinnen tragen Blumen, für den Frieden und die Gefallenen.
Schon seit dem frühen Mittelalter organisieren sich lose Bürgerwehren zur Verteidigung ihrer Ländereien. Mit dem sogenannten „Landlibell von 1511“ erlässt Kaiser Maximilian I. (der mit dem Goldenen Dachl) schließlich den hochoffiziellen Befehl zur „eigenständigen Tiroler Landesverteidigung“. Man könnte sagen, der große Startschuss der stolzen Tiroler Schützenregimente. Die Geschichte gipfelte schlussendlich in den vier Tiroler Freiheitskämpfen gegen die bayrischen und französischen Besatzungstruppen am Innsbrucker Bergisel anno 1809/10. Angeführt von eben jenem Südtiroler „Sandwirt“ Andreas Hofer, der hier nur wenige Meter vom Museum überlebensgroß über die Stadt wacht.
Nach dem brutalen Ende des Volksaufstandes samt Hinrichtung Hofers werden die Schützen entwaffnet, zwei grausliche Weltkriege folgen. Ab 1950 gründen sich die Tiroler Schützen als Kulturverein(e) (Bund der Tiroler Schützenkompanien BTSK, heute über 200 Regionsgruppen mit mehr als 17.000 Mitgliedern) neu und üben sich seither in friedlicher Brauchtumspflege und festlichen Parademärschen.
Männer, die auf Hüte starren
17. Mai, nur 217 Jahre später, so sieht man sich wieder: Pünktlich um 10 Uhr läuten die Kirchenglocken der Wiltener Basilika zur Festmesse im Bergisel-Stadion. Von oben donnert eine Kanonensalve durchs Tal. Gut 12.000 Kamerad*innen aus Tirol, Südtirol & Welschtirol/Trentino (heute beides Norditalien) sowie Bayern sind in strahlender Paradepolitur angerückt, fast wäre ich noch zu spät gekommen. Hätte mich da nicht unterwegs ein freundlicher Trupp Südtiroler Senior-Schützen mit ihrem „Kutscher“ aufgelesen und nach kurzem Gallopp beim Presseflügel abgesetzt. Schon beim Platznehmen beneide ich die versammelten Battalione um ihre breitkrempigen Federhüte, denn auch der Himmel hat sich in Kaiserblau herausgeputzt und lässt im schattenfreien Stadion seine Muskeln spielen. Andererseits: Wie viel sieht einer eigentlich, wenn rundum nur Hüte und Federn sind? Womöglich hat man eben darum zumindest die Fahnenträger in ein eigenes Eck sortiert. Über uns begleitet das ferne Surren einer Drohne die Predigt, und wäre da nicht dieses ganze Technik-Dings, man könnte sich ja wirklich in der Zeit vergriffen haben. (Hier das offizielle Video zur Drohne.)
In Axams soll es damals begonnen haben, am Bergisel endete es. Der Sandwirt wacht dort noch heute.
Ein Hut schöner als der andere, wer hat die längste Feder?
Alle Farben spielt der Schützen-Regenbogen im Stadion. Alle Hüte, Uniformen sind aufwändig handgemacht - und in der Sonne sehr warm.
Die Fahnenträger halten oberhalb der Predigt die schwere Stellung - zumindest dort ein wenig Schatten.
Ihren modischen Schneid haben die Schützen seit damals sogar noch verbessert - eine Paradeuniform ist ja auch nicht zum Kämpfen da.
In die Wiltener Basilika hätten nicht alle hineingepasst - und auch der Himmel zeigt sich gnädig.
Perfekt organisiert und durchgeführt - mit sowas hat man hier ja Erfahrung.
Ob man bei so vielen Hüten im Theater noch was sieht?
Der blaue Marketender-Mann
Nach der Messe ist vor dem Marsch und die Marketender*innen haben alle Hände voll zu tun, die trockenen Oblaten mit einem Schnapsl wieder vom Gaumen zu lösen. An dieser Stelle sei noch eine knappe Geschichtsrunde erlaubt: Weil den Tiroler Schützen laut Landlibell 1511 keine militärische Versorgung zustand, mussten mitreisende Marketenderinnen (von ital. Mercantante, Handelnde) sämtliche Verpflegung, Handel und Heildienste übernehmen. Und während beispielsweise Musikkapellen ihre Besetzung längst nach Talent statt Geschlecht sortieren, stimmten die Schützen erst kürzlich mittels geheimer Grundsatzabstimmung gegen Frauen am Gewehr. Offiziell um der alten Rollen-Tradition treu zu bleiben. Es wird aber auch gemunkelt, dass die Frauen längst schon besser schießen und man(n) sich dafür womöglich einfach nur geniert. Der adrette Marketender-Mann einer kaiserblauen Tiroler Musikkapelle schenkt mir am Fuße des Bergisel kopfschüttelnd ein Schnapserl ein, ich stecke ihm zwei Euro zu und trinke auf den Hausverstand. Nun aber hurtig, man hört schon die Trommeln!
Auf historischem Boden auf die Kameradschaft anstoßen - den Hofer Andi hätte das sicher gefreut
Die Marketender und Marketenderinnen kümmern sich um die Mannschaftsmoral - kleine Spenden helfen der Vereinskasse.
Kleiner Hut, großes Erbe - auch der Nachwuchs nimmt die Sache ernst.
Der Eindrucksvolle Marsch der Schützenkompanien vom Bergisel in die Altstadt - wie damals.
Ganz vorne gehen immer die Frauen - der wohl schützenswerteste Schatz der Schützen.
Wie malerisch: So viele Klänge und Farben kennt sonst wohl nur der Frühling in Tirol.
Die Treue zu Tirol steht hier völlig außer Frage - und genau darum auch nochmal auf der Fahne.
Jede Paradeuniform ist Schneiderwerk, jeder Hut von Meisterhand. Passender Shopping-Tipp: Hutmacherei Held!
Mama, da marschiert er: Der kaiserblaue Marketender-Mann.
Museum zum Mitklatschen: Parademarsch aufs Goldene Dachl
Und wirklich: Ein schier endloser Zug an Hüten und Federn, Fahnen, Blasinstrumenten und Marschtrommeln, Gewehren, glänzenden Säbeln, Äxten, Heugabeln, Spießen und Schnapsfassln passiert die Innsbrucker Landmarks. Wiltener Basilika, Triumphpforte, Annasäule, Altstadt und Goldenes Dachl, wieder hittet die Zeitreise hart. Als wäre das leibhaftige Museum los! Die Schaulustigen klatschen euphorischen Beifall und die ganze Stadt glänzt festlich herausgeputzt. Wahrscheinlich genau wie damals, als die siegreichen Schützen den gleichen Weg in die Hofburg marschierten. Man spürt, wie wichtig den Tiroler*innen ihre Heimat, ihre Kultur und ihre Traditionen sind und wie ärgerlich die Politik in gewissen Fragen doch manchmal das Leben bestimmt(e). Aber: „Tirol isch lei oans“ heißt längst schon europäische Kameradschaft über die Staats- und Landesgrenzen. Auch die Blasmusik verbindet jenseits jeder Dialekt-Barriere. Und notfalls macht sonst ein Schnapsl den Rest. Wozu man zur Völkerverständigung bei so viel Kultur überhaupt noch Waffen braucht, sei hier einfach mal dahingefragt. Spätestens zum großen Durstlöschen bei der Messehalle sind die klobigen Kleinkaliber den Herrschaften eher im Weg.
Die wuchtigen Prunkfahnen wiegen schwer - und werden von einem Mann getragen.
Jeder Trupp tanzt im eigenen Trommel-Takt. Grob gezählt brachte das Zillertal die allermeisten Trommler mit.
Das geht aufs Kreuz: Ein stabiler Ledergurt lädt die Fahnenlast auf den Rücken. Aber wehe da kommt ein Windstoß.
Die wertvollen Fahnen kennzeichnen die unzähligen Regimente und Kompanien aus ganz Tirol - so wie ihre Uniformen.
Neben den Säbeln und Schießeisen bringen die Schützen auch allerhand Stangenwaffen mit.
Die Blumenhörner werden frühmorgens frisch geschmückt.
Hand an der Blume, statt an der Waffe - für den Frieden die bessere Wahl.
Schießen tun die Schützen wohl noch, sogar fleißig und gut - gefochten wird aber wirklich nicht mehr.
Die Hitze mörderisch und weder Hut noch Uniform darf während der Parade abgelegt werden. Da hilft nur noch viel Trinken!
Von der einen Messe zur anderen: Endlich etwas Schatten und eine willkommene Labstelle!
Lautstark sehenswert: Wo Schützen sonst?
Als gemeinhin Brauchtum-Pflegende und Festkundige sind die Tiroler Schützen, die Marschmusizierenden und ihre Marketender-Menschen bei den allermeisten Tiroler Traditions-Happenings anzutreffen – und weithin mit ihren Salutschüssen zu hören: Etwa zu hohen Kirchentagen und Dorffesten, Hochzeiten und Begräbnissen, an gewissen Feiertagen, für wichtige Firstfeiern oder bei festlichen Umzügen, Sportereignissen, Eröffnungen, großen Ehrungen und – natürlich – bei Schützenfesten. Hier der Eventkalender zum Vormerken.
Apropos Ehrungen und Schützenfest: Die vielen Auszeichnungen an den Paradeuniformen zählen seit dem 28. Alpenregionstreffen jedenfalls ein funkelndes Festabzeichen mehr (6 Euro für Mitglieder*innen). Das Maximiliankreuz ist übrigens das höchste Ehrenzeichen der Tiroler Schützen und wird für besonders hervorragende Verdienste um die länderübergreifende Begegnung und Zusammenarbeit verliehen. Seit dem Fest am Bergisel schmückt es auch den Gastgeber und dreifachen Tiroler Landeskommandanten Major Thomas Sauerer. Und Hand aufs Herz: Ein gemeinsames Fest ist viel schöner, als eine Schlacht.
Schaulustige klatschen den Takt, Kinder machen große Augen - kostenloses Kulturprogramm.
Die Trommler on fire, das Outfit on fleek. Nur "Schützen" ist auf Englisch ein schwieriges Wort.
Nur ganz kurz halten die Schützen vor dem Goldenen Dachl inne. In Stille. Dann geht es weiter.
Wenn vorne kein Platz mehr ist, hängen die Orden halt hinten. Zu jedem gibt es eine Geschichte. Mindestens.
Abrüsten: Nach mehreren Stunden Marsch dürfen die Beine endlich etwas rasten.
Am Heimweg teilt man sich die schwere Fahne - echte Kameraden eben.
Auch was für Vogelfreunde: Federn bestimmen. Auerhahn, Habicht, Falke vielleicht?
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Kleiner Schreiberling mit großen Leidenschaften. Geboren, aufgewachsen und veredelt in Tirol, liest gern und kocht fast wie Oma. Am liebsten immer irgendwo unterwegs und auf der Suche nach neuen Horizonten.
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