Vor sechs Jahren ging eine Website online, die heute zu den absoluten Stars der digitalen Kulturmedien in Österreich, wenn nicht sogar in Europa zählt: Innsbruck-erinnert. Als ‚Kind der Pandemie’ hat dieser Bilderblog des Innsbrucker Stadtarchivs vor sechs Jahren zu einem Höhenflug angesetzt, dessen Erfolg in diesem Ausmaß völlig unerwartet war. Und das, obwohl schon das Wort ‚Archiv‘ bei vielen Zeitgenossen nur ein müdes Lächeln ins Gesicht zaubert.
Der Begriff scheint ‚verstaubt’ zu sein. Er wird wohl noch immer mit Aktenfriedhöfen gleich gesetzt, in denen fleißige Beamte angeblich Dokumente, Handschriften oder was auch immer aus der Vergangenheit akribisch sammeln, katalogisieren und aufbewahren. Diese Außensicht hat sich in Innsbruck seit sechs Jahren fundamental geändert. Da wurde - verkürzt ausgedrückt - dem Wort ‚Archiv‘ das Adjektiv ‚digital‘ hinzugefügt und eine Entwicklung eingeleitet, die ich als einmalig bezeichnen möchte.
Spaziergänge für Sofa-Surfer
„Unsere Website ist eigentlich aus der Not heraus entstanden“, erzählt mir Niko Hofinger, Digitalisierungsexperte der Stadt Innsbruck. „Wir hatten eine Homepage für das Stadtarchiv geplant, die wir für das Thema ’75 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg’ nützen wollten. Urplötzlich standen wir im März 2020 vor dem Problem, dass alle Veranstaltungen, Ausstellungen und Führungen aufgrund der Pandemie schlagartig abgesagt wurden.“
Guter Rat war nicht wirklich teuer, meint Dr. Lukas Morscher, engagierter Leiter des Stadtarchivs, denn „das Team wollte die digitalen Möglichkeit einer Website auf alle Fälle nutzen." Die Kurzformel: "'Sofa-Surfer‘ und ‚Couch-Potatoes‘ sollten animiert werden, mit uns gemeinsam auch in Zeiten der Pandemie fotografische Spaziergänge durch Innsbruck zu machen.“ Innsbruck-erinnert wurde erweitert und erhielt zusätzlich zur Subpage ‚Kriegsende 1945‘ acht weitere 'Unterseiten': 'Stadtleben', 'Bilderalbum', 'Arbeit und Alltag', 'Häuser', 'Menschen', 'Verkehr', 'Rätsel' und 'Stadtplan'.
Die vielleicht mutigste Aktion zu Kriegsende findet natürlich auch im Stadtarchiv viel Beachtung. Die Operation Greenup verhinderte die brutale Zerstörung Innsbrucks kurz vor Kriegsende durch die Nazi-Verbrecher. Hans Wijnberg, Maria Hörnagl, Fred Mayer, vorne Anni Niederkircher und Franz Weber wendeten sie mit dem Einsatz ihres Lebens ab. Mein Blog darüber: https://www.innsbruck.info/blog/de/menschen-geschichten/operation-greenup-die-errettung-innsbrucks/
Das Erfolgsrezept: Fotos und Geschichten
„Wir alle lieben Fotos", sagt Niko Hofinger. "Wie oft haben wir intern darüber geredet, sie einem größeren Personenkreis zugänglich zu machen. In der Pandemie bot sich dann für uns die einmalige Möglichkeit dazu.“ Es sollte jedoch kein digitales Fotoalbum im Stil der sattsam bekannten, nicht beschrifteten familiären Fotoalbums werden. Auch Ähnlichkeiten mit den sogenannten ‚Sozialen Medien‘ wollte man strikt vermeiden. „Es war von Anfang an unsere Absicht, positive Innsbrucker Geschichten zu erzählen, die mit Fotos transportiert werden." Das war aber noch nicht alles. "Wir wollten auch die Gelegenheit beim Schopf packen, das Wissen unserer User anzuzapfen.“
Das Ergebnis: großformatige Fotos werden mit kurzen und prägnanten, leicht lesbaren und höchst unterhaltsamen Texten versehen und in lesetechnisch 'mundgerechten Häppchen' serviert. Der Kommentarbereich steht dann für alle offen. Hier ist Raum für die aktive Mitarbeit der User, die oft ergänzendes Wissen um das Fotomotiv einbringen. Oder - wie so oft - lustige Bemerkungen zur Bildgeschichte posten. Was komplett fehlt ist der rüde, oft beleidigende Umgangston, den wir aus den ‚sozialen Medien‘ kennen.
Die 'Helden der ungeteerten Landstraßen' beteiligten sich an der 1. Tiroler Straßenmeisterschaft 1895. Sie führte von Bruneck nach Toblach und zurück über 50 km. https://innsbruck-erinnert.at/ein-radpionier-nachtrag/ Bild: Stadtarchiv Innsbruck
Eine Rätselecke mit Suchtpotential
Der Erfolg basiert auf einigen pragmatischen Grundsätzen. Das beginnt mit dem Format der Postings. Ein großes Foto wird mit einer meist exzellent geschriebenen Kurzgeschichte präsentiert. Es sind kurze Blogtexte, die das Bild einerseits erklären und die Leser meist auffordern, ihr Wissen zum Bild in den Kommentaren anzufügen. Täglich erscheinen vier solche neue Bildblogs, deren Autoren allesamt Mitarbeiter des Stadtarchivs sind.
Wer sich entspannt der Betrachtung der Fotos und dem Lesen der Texte hingibt sollte seine Uhr weglegen. Denn selten ist die Versuchung größer, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen wie auf Innsbruck-erinnert. Die Website ist quasi ein Fass ohne Boden.
Der Hauptbahnhof Innsbruck Ende des 19. Jahrhunderts. Der Südtiroler Platz wird eben bepflanzt und 'eingerichtet', im Hintergrund wird sogar noch Gemüse in Gärten gezogen. https://innsbruck-erinnert.at/adieu-legenden-schaetze-5/ Bild: Stadtarchiv Innsbruck
Der Erfolg in Zahlen
Einer der Maßstäbe bei der Erfolgsmessung im Internet sind die Zugriffszahlen auf eine Website. Viele ‚Besucher’ und massenhaft ‚Kommentare’ sind der eigentliche Treibstoff dieses digitalen Erfolgsmodells. Die Zahlen des 1. Quartals dieses Jahres verdeutlichen die unglaubliche Beliebtheit von Innsbruck-erinnert. Sie lassen selbst abgebrühten Web-Spezialisten das Wasser im Mund zusammenlaufen:
- Allein in den drei ersten Monaten 2026 haben 139.533 unterschiedliche Besucher insgesamt 1.620.755 Seiten der Website betrachtet.
- In Summe waren es in dieser Zeit 5.374.377 Zugriffe.
- Allein im März dieses Jahres besuchten rund 3.000 Menschen täglich die Website.
Zahlen, die von Niko Hofinger in Relation gesetzt werden. „Wenn man bedenkt, wie sehr man sich anstrengen müsste, um 2.000 Menschen in eine Ausstellung zu locken und sieht, wie unsere Website diese Zahl quasi mühelos und täglich erreicht, erkennt man die immensen Möglichkeiten.“
Rätsel aus der Vergangenheit
Mit der Subpage ‚Rätsel‘ verfügt Innsbruck-erinnert darüber hinaus über eine echte ‚Geheimwaffe‘, die manch User zu 'Stammkunden' der Website macht. Ich bin sogar überzeugt, dass diese digitale ‚Rätselecke’ ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotential birgt. Hier werden nämlich Fotos präsentiert, deren Aufnahmeorte und Objekte entweder nicht bekannt sind oder vom Bildblogger mit einer Rätselfrage verbunden werden. Da füllen sich die Kommentarspalten schon Minuten nach der Veröffentlichung. Und - was sehr wichtig ist - es sind im Gegensatz zu vielen Social-Media-Plattformen ausnahmslos wertschätzende, bisweilen sogar lustige Kommentare.
Die Hallerbahn auf der Maria-Theresien-Straße um 1930. Man beachte den Mann im Vordergrund mit der damals modischen Knickerbockerhose. https://innsbruck-erinnert.at/ein-fast-schon-intimes-foto/ Bild: Stadtarchiv Innsbruck
Niko Hofinger erzählt von einem ‚Stammkunden‘ der Website, der ein „phänomenales Gedächtnis hat und vermutlich jedes Haus der Stadt kennt“. Eine Ressource, die vom Stadtarchiv gerne dann angezapft wird, wenn Fotos nicht mehr bestehender Häuser ‚benannt‘ werden sollten. „Ich gehe anders durch die Stadt, seit unser Bilderblog existiert“, gibt er zu. „Sei es die Entwicklungsgeschichte einer Straße oder eine Häusergeschichte, das Wissen verändert die Sichtweise.“ Und so fördert der Bilderblog nicht nur das Wissen der User über die Stadt Innsbruck, sondern auch die permanente Weiterbildung der Mitarbeiter des Stadtarchivs.
Eine Neujahrsentschuldigungskarte aus dem Jahre 1849 stand vor geraumer Zeit im Mittelpunkt eines Rätsels: welche Heiligen stehen links und rechts des Bilderrahmens? Hier die Antworten: https://innsbruck-erinnert.at/ein-alt-neu-jahrs-raetsel/
Schulterschluss zwischen Bevölkerung und Stadtarchiv
Was die Website auf unnachahmliche Weise geschafft hat: sie wurde in den sechs Jahren zu einem organischen Bindeglied zwischen der Stadtbevölkerung und dem Stadtarchiv. Da wird niemand mehr verdächtigt, 'nur' sammelnd und katalogisierend im ‚elfenbeinernen Archivturm‘ zu sitzen. Im Gegenteil: die Wertschätzung der Arbeit des Archivteams wird durch die tägliche Einladung zur aktiven Mitarbeit stetig erhöht. Tausende Hinweise sind in den letzten sechs Jahren eingegangen und vor allem wurden viele - auch dem Archiv unbekannte - Fotoobjekte benannt. Das ist meiner Meinung nach ein Meilenstein in der historischen Stadtforschung. Zu dem sich noch ein riesiger Unterschied zu den 'Social-Media' gesellt: Innsbruck-erinnert 'bettelt' nie um ‚likes‘ sondern lädt die Leserschaft zur Mitarbeit ein.
In der Krisenzeit nach dem 1. Weltkrieg wurde im Viller Moor Torf für Heizzwecke abgebaut. Die Igler Bahn spielte dabei eine Rolle. https://innsbruck-erinnert.at/als-die-stadt-das-viller-moor-verheizte-und-was-die-waldbahn-damit-zu-tun-hat-teil1-3/ Bild: Stadtarchiv Innsbruck
Stadtforschung per Suchfunktion
Eine eher unscheinbare Funktion der Website sollte nicht unterschätzt werden: die Suchfunktion. Damit kann man innsbruck-erinnert.at auf der Suche nach Bildern und Themen regelrecht ‚durchkämmen‘. Einerseits ist das ein Grund, weshalb auch Studenten diese Möglichkeit der Recherche sehr schätzen. Andererseits laufen 'normale' User Gefahr, stundenlang auf der Website zu verharren.
Eine weitere, wichtige Funktion des Stadtarchivs wurde durch die beharrliche Arbeit via Internet so richtig aktiviert, nämlich das Sammeln von Fotos und Dokumenten. Das Vertrauen in Innsbrucks Stadtarchiv ist offenbar proportional zum Erfolg der Website gestiegen. Was sich darin zeigt, dass vermehrt private Fotosammlungen den Weg ins Archiv finden. Mit anderen Worten: die fotografischen ‚Gedächtnislücken’ in der Stadtgeschichte werden zunehmend geschlossen. Aus einer dieser ‚Foto-Schenkungen‘ stammt auch jener Satz, den ich als Titel verwendet habe. Eine Dame hatte ihre Fotos übergeben, deren Rückseite jeweils mit dem Satz: „Zur freundlichen Erinnerung“ versehen war. Also genau das, was die Autoren der Website tagtäglich meisterhaft anbieten.
Eine 'freundliche Erinnerung' an eine Familie Winkler. Man beachte die Wespentaille der Frau in der Bildmitte, die wohl Kaiserin Sissi nacheifern wollte, deren Taillenumfang 48 cm betragen hatte. Mehr zum Bild hier: https://innsbruck-erinnert.at/atemberaubende-schoenheit/ Bild: Stadtarchiv Innsbruck
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Alm-Freiwilliger in der 'Schule der Alm', Kultur-Pilger, tirol-Afficionado, Innsbruck-Fan.
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