Wenn der Sommer sich langsam verabschiedet und die klare Herbstluft in die Täler zieht, beginnt in Tirol eine der schönsten Traditionen des Jahres: Der Almabtrieb. In dieser Folge vom Innsbruck Podcast durften die Stubnhocker und ich gleich zwei verschiedene Varianten dieses besonderen Ereignisses miterleben – mit Schafen im Sellraintal und mit festlich geschmückten Kühen in Mutters. Außerdem durften wir einen Blick hinter die Kulissen werfen: Beim Kopfschmuck-Basteln. Wir haben nicht nur allerhand rund um den Almabtrieb gelernt, wir haben auch immer wieder gestaunt und waren mehr als einmal emotional bewegt von dem Herzblut, das alle Beteiligten an den Tag legen. In dieser Folge hören wir von Hirten, Bäuerinnen und all den anderen Menschen, die diese jahrhundertealte Tradition mit Leidenschaft weitertragen.

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Auf Schafsuche im Fotschertal 

Meine erste Almabtriebserfahrung in diesem Jahr führt mich ins hintere Sellraintal und hoch hinauf ins Fotschertal. Hier beginnt der Abtrieb nämlich schon einige Tage vor dem eigentlichen Fest. Noch bevor die Schafe durch die Dörfer ziehen können, müssen sie überhaupt erst einmal von der Alm geholt werden – und das ist leichter gesagt als getan. Denn die Tiere bewegen sich über den Sommer in weiten Höhenlagen frei im Gebirge.

Zusammen mit Thomas Brecher, dem Obmann des Axamer Schafzuchtvereins, und einer Gruppe engagierter Helfer:innen wird diese besondere Mission - "Schafe finden und zusammentrommeln" früh am Morgen gestartet. Mehrere Stunden lang werden die Tiere aus dem unwegsamen Gelände zusammengetrieben. Zusammen mit dem Kamerateam der Stubnhocker erwarte ich die Schaftreiber:innen bei der "Hintra-Alm", wo die Schafe schlussendlich in ein Gehege kommen und durchgezählt werden. So viel ist beim Zuschauen klar: Bei dieser Mission handelt es sich um echte Teamarbeit und manchmal auch ein bisschen Detektivarbeit. Mit speziellen Lockrufen, die über Generationen weitergegeben wurden, machen sich die Hirt:innen und Helfer:innen bemerkbar – und es funktioniert tatsächlich! Eine der Helferinnen, Lea Singer aus Sellrain, bringt mir sogar ihren ganz eigenen Ruf bei. Ich sag nur so viel: Übung macht den Meister. Oder die Meisterin.

Thomas Brecher hat als Obmann des Axamer Schafzuchtvereins auch die Verantwortung über die Tiere im Sommer. Er ist am Tag des Schafe-Treibens, genauso wie alle anderen, seit den frühen Morgenstunden unterwegs, um die Schafe vom Hochgebirge zur Alm zu bringen. Jedes Jahr fiebert er mit, hofft und betet, dass alle Tiere gesund und wohlauf zurückkommen, wie er uns im Gespräch erzählt. Herausforderungen gibt es viele: Jungtiere, die erst ein paar Tage alt sind, Raubtiere, Verletzungen oder die Wetterbedingungen. 

Der große Tag in Axams

Zwei Tage später ist es dann soweit: Der große Almabtrieb der Schafe in Axams. Anfang September, wie jedes Jahr. Und das ganze Dorf ist auf den Beinen. Überall gespannte Gesichter, die Straßen gesäumt mit Schaulustigen – viele davon Urlauber:innen, die dieses Spektakel zum ersten Mal erlebten.

Die Schafe werden von der Alm schließlich durchs Dorf geführt – ein beeindruckender Marsch, begleitet von stolzen Hirt:innen, viel Applaus und echter Feststimmung. Der feierliche Abschluss findet auf einer großen Wiese mit Festzelt mitten im Dorf statt. Dort gibt es nicht nur was zu trinken und zu essen, sondern auch Gelegenheit für viele persönliche Gespräche mit Menschen, die diese Tradition am Leben halten.

Glanz und Glöckchen in Mutters

Fast zeitgleich wird auch im Nachbardorf Mutters gefeiert – dort allerdings mit Kühen. Der Almabtrieb in Mutters ist genauso ein echtes Highlight im Jahreskalender. Und das liegt nicht nur an den majestätisch geschmückten Tieren. Die Vorbereitung beginnt hier schon Tage zuvor. Exklusiv dürfen wir dabei sein, als eine Gruppe Bäuerinnen und Freundinnen gemeinsam den Kopfschmuck für die Kühe bastelt – mit bunten Blumen, kunstvoll geflochtenen Zweigen und ganz viel Fingerspitzengefühl.

Dani, eine der Frauen, erzählt mir, wie sie diesen Brauch schon seit vielen Jahren mitgestaltet. Eines fällt mir auf: Alle nehmen dieses Brauchtum sehr ernst, trotzdem wird viel gelacht – und man spürt die Liebe zum Detail und zur Tradition. Denn in Tirol ist der Schmuck der Kühe Ausdruck von Dankbarkeit: Dafür, dass der Sommer gut verlaufen ist und alle Tiere wohlbehalten ins Tal zurückkehren.

Am großen Tag selbst startete alles am Nockhof bei Thomas Riedl, dem Bauern. Früh am Morgen wird der Schmuck angelegt, letzte Vorbereitungen getroffen – und dann geht es los. Mit Kuhglocken, Stolz und einer ordentlichen Portion Emotion. Am Nockhof selbst dürfen wir dann noch mit Thomas Riedl selbst über den Almabtrieb in Mutters und seine Leidenschaft der Viehhaltung sprechen. 

Ein Fest für alle Sinne

Es ist für mich nicht nur ein ganz neues Erlebnis, sowohl bei einem Almatrieb von Schafen, als auch bei einem von Kühen - und dann noch hautnah - dabei sein zu dürfen. Was mir bei beiden Almabtrieben besonders auffällt und berührt: Diese Tradition lebt von großem Zusammenhalt und einer ganz besonderen Gemeinschaft. Ob beim Schaf-Zusammentreiben im Hochgebirge oder beim gemeinsamen Basteln der Blumengestecke – es geht immer um das Miteinander. Und natürlich auch um Genuss: Auf den Festen gibt es Kiachl, Krapfen und andere typische Tiroler Schmankerln 😉

Am Ende eines langen Tages – wenn alle Tiere wieder bei ihren Besitzer:innen und im Stall sind – kehrt Ruhe ein. Eine Mischung aus Zufriedenheit, Stolz und Vorfreude auf den nächsten Sommer auf der Alm.

Ich hoffe, euch hat dieser tierische Ausflug vom Berg ins Tal gefallen und vielleicht wollt ihr euch ja selbst mal einen der vielen, traditionsreichen Almabtriebe in Tirol anschauen. 

Bis zum nächsten Mal 🙂 

Eure Sandra mit Stubnhocker 

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