Dies ist die romantische Geschichte eines kleinen Mädchens, das kurz nach dem 2. Weltkrieg auf 1.905 Metern Seehöhe im Hotel- und Restaurantbetrieb auf der Seegrube aufwächst. Quasi in einer Nebenfunktion wird die Bergstation auch zum höchst gelegenen Bauernhof im Inntal. Die wunderbare Natur prägt die ersten Lebensjahre des Kindes genauso wie die Tiere, die ihre Mutter hält: Schweine, Hühner und Ziegen. Zu alldem gesellt sich noch Susi, eine Dackeldame, die zum Stadtgespräch werden sollte.

Die ‚Heidi‘ von der Seegrube

Es war ein Hinweis, der mich aufhorchen ließ. Demnach existierte auf der Seegrube hoch über Innsbruck einst eine Art Bauernhof. Davon hatte ich bis dato noch nie gehört. Ich ging dem 'Gerücht' nach und nahm Kontakt mit jener Dame auf, die davon erzählen würde. Und in der Tat: Sie hat als Kleinkind ein Leben geführt, das dem der berühmten Schweizer Romanfigur ‚Heidi‘ sehr nahe gekommen sein dürfte. Ihr Name: Monika Abentung. Ich besuchte die ehemalige Mitarbeiterin in der Presseabteilung der Tirol Werbung in Kranebitten, wo sie mir auch bereitwillig vom ‚Bauernhof‘ und den damit verbundenen prägenden Kindheitserinnerungen auf der Seegrube erzählte.

1943 geboren, verbrachte sie ihre ersten zwei Kindheitsjahre allerdings in Zürs, konkret im dortigen Hotel Alpenrose. Der Grund: ihre Eltern waren beide im Tourismus tätig. Ihr Vater sprach mehrere Fremdsprachen und war deshalb als Mitarbeiter in der Rezeption sehr gefragt. „Offenbar war aber die Stelle in Zürs für ihn zu wenig herausfordernd“, erzählt Monika Abentung. „Er hat dann eine Stelle in Bad Gastein angenommen, während meine Mutter noch in Zürs geblieben ist.“

Das änderte sich grundlegend bei Kriegsende, als ihre Eltern beschlossen, gemeinsam das Restaurant auf der Innsbrucker Seegrube zu übernehmen. Für die kleine Monika begann nun ein völlig neuer, ein einmaliger Lebensabschnitt.

Restaurant und Hotel Seegrube mit Landwirtschaft

„Meine Mutter Margrethe ist auf einem großen Vierkanthof in Oberösterreich aufgewachsen“ erzählt sie weiter. „Deshalb hatte sie zeitlebens einen Hang zur Landwirtschaft.“ Und so kam es, dass sie im hinteren Bereich des Seegruben-Restaurants, das damals auch als Hotel geführt wurde, eine regelrechte Landwirtschaft installierte. Mit kleinen Ställen für Schweine, Hühner und Ziegen. Kurz nach Kriegsende mit Sicherheit eine perfekte  Entscheidung. Denn Lebensmittel waren wertvoll.

Die Tierhaltung auf knapp 2.000 Metern Seehöhe war perfekt organisiert. „Bevor die ersten Gäste in der Früh eingetroffen sind, haben wir alle Tiere frei laufen lassen. Um sie dann, wenn die erste Gondel angekommen war, wieder in die Ställe zu treiben“.

Tiere sind für ein Kleinkind immer eine höchst willkommene, ja eine spannende Sache. Wenn sie nicht auf ihrer Schaukel hoch über Innsbruck saß spielte Monika also mit Hühnern, fütterte kleine Ziegen oder ritt auf einer ziemlich großen Sau mit dem Namen ‚Herr Direktor‘. Es war genau dieses Schwein, dessen Schicksal sich tief in ihre Kindheitserinnerungen eingegraben hat.

Eines Tages machte sich der ‚Herr Direktor‘ auf, das leicht ansteigende Pultdach des Seegrubenrestaurants zu besteigen. „Vielleicht, um einen bessern Ausblick auf Innsbruck zu haben“ vermutet Monika Abentung lachend. Der Kletterausflug des ‚Direktors‘ sollte jedoch in einem Desaster enden. Das  Schwein verlor offenbar das Gleichgewicht und stürzte vom Dach auf die darunter liegende Terrasse ab. Dort blieb es schwer verletzt liegen. Nun war guter Rat teuer, musste doch jede Schlachtung von den französischen Besatzern genehmigt werden.

Als ihre Mutter in der Kommandantur der Franzosen den Vorfall schilderte, wollte man ihr erst gar nicht glauben. „Die haben gedacht, meine Mama sei narrisch [verrückt, Anm.] geworden“ lacht sie. Erst nach der Genehmigung durch die Nachkriegsbehörde durfte der ‚Herr Direktor‘ notgeschlachtet werden.

‚Tischlein deck dich‘ auf der Seegrube

A propos französische Besatzung in Tirol. Die perfekten Französischkenntnisse ihres Vaters waren Ausgangspunkt für eine höchst vorteilhafte Bekanntschaft. „Mein Vater hat den Hochkommissar der französischen Besatzungsmacht Émile Béthouart kennen gelernt. Wie und wann weiß ich nicht mehr“ erzählt Monika. Sie glaubt, dass Béthouart die Sprachkenntnisse ihres Vaters sehr geschätzt hatte. „Jedenfalls haben die Franzosen in der Folge viele ihrer Veranstaltungen und Versammlungen im Seegrubenrestaurant abgehalten. Das hatte weitreichende Konsequenzen, wir wurden mit damals raren Lebensmitteln in Hülle und Fülle versorgt.“ Ein ‚Tischlein deck dich‘, quasi.

Dackel Susi, ein "Wanderhund"

Ein Bauernhof ohne Hund ist kaum denkbar. Wenngleich das Seegrubengebäude nicht als Bauernhof gelten konnte, so war der Hund dennoch vorhanden: eine Dackeldame mit Namen Susi. Und die hatte es faustdick hinter den Ohren.

„Susi hatte einen Spleen. Sie hat alle Wanderer ganz genau taxiert, bevor sie mit ihnen gemeinsam ins Tal abgestiegen ist“ erinnert sich Monika. „Wenn sie Gefallen an den Leuten gefunden hatte, ließ sie sich nicht davon abhalten. Sie ging bis zur Talstation der Nordkettenbahn mit.“ Nun war guter Rat teuer: wie kommt der Hund mit den kurzen Beinen wieder auf die Seegrube hinauf? Dafür sorgten die Wandersleute, die Susi meist gleich in der Polizeistation Hungerburg abgegeben hatten. Dort war sie denn auch sattsam bekannt. Die Polizisten setzten die Dackeldame in die nächste Gondel, der sie in der Bergstation Seegrube stolz entstieg.

Nicht nur Tiere prägten die Erinnerung von Monika Abentung. Denn ihr jüngerer Bruder Egon war eine bekannte ‚Größe‘, vor allem bei den französischen Besatzungssoldaten. Da damals noch die Meinung herrschte, Kinder sollten nicht in großen Höhen aufgezogen werden, fuhren Monika und ihr Bruder täglich mit der Bahn und in Begleitung ihres Kinderfräuleins ‚Else’ nach Innsbruck ins Tal. Dort promenierten die drei  den Rennweg hinauf und hinunter.

„Mein Bruder war ein extrem schönes Kind“, erinnert sich Monika heute. „Er hatte blonde Löckchen und war ein im wahrsten Sinn des Wortes ‚goldenes Kind‘. Die französischen Besatzungssoldaten waren jedenfalls von Egon hingerissen. „Er hat gewusst, dass sie immer Süßigkeiten dabei hatten und strahlte sie an. Viele stoppten ihre Citroens, schraubten das Fenster hinunter und gaben ihm Bonbons.“ Was Monika heute noch wundert: Egon hat die Soldaten gleich gebeten, auch ihre Schwester mit den Bonbons zu beschenken.

Die Schulpflicht beendete das Seegruben-Abenteuer

Die kindliche Idylle war abrupt zu Ende, als Monika eingeschult werden sollte. Die Familie brach ihre Zelte auf der Seegrube ab und zog in die Stadt. Als Erinnerung an diese Zeit sind viele Fotos in zahlreichen Alben geblieben.

Bemerkungen zu den Fotos

Die im Blog verwendeten schwarz-weiß-Fotos sind von auffallend guter Qualität. Das hat einen einfachen Grund: Monikas Vater Egon Gerö war ein Hobbyfotograf der die Fotos auch selbst entwickelt hat. Ich danke ihr ganz herzlich, dass sie mir deren Verwendung in diesem Blogpost erlaubt.

Bemerkenswert ist weiters, dass sie dem Stadtarchiv Innsbruck erlaubt hat, die Fotos ihrer Alben zu digitalisieren. Damit gehen sie quasi in das 'digitale Gedächtnis' der Stadt Innsbruck ein. 

Mehr über Innsbrucks Geschichte im Podcast

Noch mehr zur Geschichte Innsbrucks und dem Stadtarchiv gibt es im Innsbruck Podcast nachzuhören.

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