Tiroler Abend – Totale-136

Um uns Tiroler ranken sich manch wilde Legenden: ein derbes und stures Bergvolk, misstrauisch und introvertiert, mit seltsamer Sprache und eigenwilligen Umgangsformen. So weit, so wahr? Wer wir sind und wie wir leben, wissen wir hierzulande schon ganz genau. Andernorts hingegen staunt man über gewisse Eigenheiten, die bei uns „dahoam“ ganz selbstverständlich sind. So sind in Tirol schon mal alle per Du, auch wenn man sich noch gar nicht kennt. Wir lachen, tanzen und musizieren gern, pflegen altes Brauchtum und leben unsere Traditionen, lieben gutes Essen und Trinken, sind offenherzig und lassen den Tag abends gern noch gemeinsam ausklingen. Wie eindrucksvoll so ein urtypischer Tiroler Abend dann wirklich sein kann, durfte ich in der „größten Stubn Tirols“ unlängst selbst erleben - gemeinsam mit der Gruppe Gundolf und zahlreichen Gästen aus aller Welt.

Ein Abend wie damals

Die elementare Frage also gleich vorweg: Was macht so einen authentischen Tiroler Abend eigentlich aus? Weil unter uns Tirolern ja irgendwie jeder Abend ein echter Tiroler Abend ist, blieb ich meinem Besuch aus Berlin eine Antwort hier doch etwas länger schuldig als gedacht. Zu empirischen Recherchezwecken finde ich mich darum nur Tage später und samt Berliner Begleitung zum Happy-Nightskate-Termin mit dem Motto „Tiroler Abend“ ein (zu den Eventfotos).

Tiroler Gemütlichkeit à la Gundolf

Und ohne Überraschung wird das Tiroler Kulturerbe hier gewissermaßen derbe durch den Kakao gezogen: Knallbunte Trachten(-badehosen) und Tirolerhüte zwischen Schnapserln und Skistecken im Sommer, dazu Gabalier-Geballer und nur die besten Après-Ski-Hits vom DJ-Truck. Vor uns ein anmutiger Langläufer auf Skirollern im Skating-Schritt, hinten drängeln irgendwo Kuhglocken, eine spaßige Tiroler Kulturlawine zum Schmunzeln – nur authentisch ist sie halt nicht. Einen echten Tiroler Abend muss man da wohl doch andernorts suchen, stellen Berlin und ich amüsiert fest. Gesagt, getan: Also buchen mein Besuch und ich im Alpensaal der Messe Innsbruck die wohl exklusivste Tirol-Experience, die Innsbruck so zu bieten hat.

Die wahrscheinlich „größte Stubn Tirols“ erreicht man bequem fußläufig oder mit der 1er-Tram. Schon beim Eingang begrüßt uns ein Banner zum „Tiroler Abend der Gruppe Gundolf“. Eigentlich ein waschechter Tiroler Traditionsbetrieb, denn die Familie Gundolf zeigt ihr Kulturprogramm schon seit 1967. Heute heißen zwar längst nicht mehr alle Gesichter Gundolf, doch das stört hier wirklich keinen. Langsam trudeln die ersten Gäste ein, alle sprechen andere Sprachen, und mancher bleibt noch kurz stehen, um die gerahmte goldene Schallplatte im Herrgottswinkel zu bestaunen. Im rustikalen Alpensaal flackert indes ein Almabtrieb über die Leinwand, man findet Platz an wuchtigen Massivholztischen, geschmückte Festkränze hängen von der Decke, gehüllt in warmes Licht und das vertraute Brummen einer Ziehharmonika. An der Westwand plakatiert sich unverkennbar eindeutig die Innsbrucker Nordkette, im Eck steht sogar ein kleiner Souvenirshop und auf der Bühne eine Almkulisse, man fühlt sich hier tatsächlich gleich „dahoam“.

Die Welt zu Gast bei Freunden

Wer auch das Abendessen dazugebucht hat, bekommt Frittatensuppe, dann wahlweise Schweinsbraten oder Schlutzkrapfen und im Anschluss einen Apfelstrudel serviert. Schwester Gundolf hilft heute an der Schank, kennt aber auch auf der Bühne jeden Schritt: „Wo wir schon überall aufgetreten sind – zu Weihnachten waren wir einmal in Südafrika, eine echt harte Zeit war das, aber eh auch wunderschön, es war dem Papa halt wichtig.“ Ein Satz von der Schwester, in dem die ganze Geschichte Gundolf steckt: das generationsübergreifende Lebenswerk einer Tiroler Familie, der enge Zusammenhalt und die wilden Zerwürfnisse, der kollektive Arbeitsfleiß und die harten Entbehrungen, der in Tirol allgegenwärtige Tourismus, die Heimatliebe und die weite Welt. Und genau so erzählt die Gruppe Gundolf auf der Bühne dann auch vom Leben in den Alpen: Mit dem Marsch „Dem Land Tirol die Treue“ erlischt das Licht, nun beginnt das Abendprogramm. Papa begrüßt die Gäste, er wird heute 78.

Nostalgie zum Niederknien

Sofort folgt ein schnellfüßiger Schuhplattler, dann ein Tiroler Paartanz. Die Musik ist übrigens echt, da wurde vorher sogar noch die Säge gestimmt! Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht man zwar allesamt mit herzigem Tiroler Akzent, doch schon beim „Chanson à deux“ von Martin Gundolf und (wir nennen sie einfach) Oma Rosi gesellt sich frech ein kleines französisches Mädchen mit auf die Bühne, ignoriert dort selbstsicher sämtliche Sprachbarrieren und lässt zu Rosis kristallklarem Jodler mit großen Kinderaugen ausnahmslos alle Herzen schmelzen. Dann folgt eine Kreuzpolka, ein Harfensolo, dann ein Glockenspiel, schließlich Bernadett am Hackbrett und Martin an der Zither. Letztere wird dabei völlig korrekt als „difficult Tyrolean Country Harp“ vorgestellt, als „schwierige Tiroler Landharfe“ also, ich muss grinsen und Berlin neben mir auch.

Spätestens als dann drei g’standene Tiroler Mannsbilder ihre meterlangen Alphörner zusammenstecken, werde ich etwas sentimental. Es ist nämlich schon gut 30 Jahre her, dass ich in Inzing den seltenen Alphörnern lauschen durfte, wenn der schon fast blinde Instrumentenbauer Ludwig Walch im Nebengarten seine Meisterstücke stimmte. Doch Holzhackertanz, Müllertanz, Eifersuchtstanz, Schellentanz und Knappentanz reißen mich schnell wieder raus: Da wird im Takt gehackt und um eine Windmühle getanzt, sich gegenseitig beim Fingerhakeln über die Bühne gezogen oder unter Tage ein Stollen gesprengt. Das Programm ist straff, aber nie zu schnell, und mehr als einmal werden bei mir eigene Erinnerungen an die Heimat wach. Als die Gundolfs sich schließlich in sämtlichen Sprachen singend verabschieden, hält es die Anwesenden nicht mehr auf ihren Sitzen: Es wird geklatscht, mitgesungen und getanzt, man liegt sich lachend in den Armen und wischt vielleicht sogar ein Tränchen weg.

Jucheza: Sag zum Abschied lauthals Servus

Den authentischsten Ausdruck echter Tiroler Glückseligkeit nehmen wir an diesem Abend alle mit nach Hause: den Jucheza. Ein spontaner Freudenschrei, dem wir Tiroler bei diversen Gelegenheiten lauthals Luft machen. Wer sich darunter aktuell noch nichts vorstellen kann, dem sei ein Besuch des Tiroler Abends der Gruppe Gundolf an dieser Stelle besonders dringlich ans Herz gelegt. Als uns Schwester Gundolf zum Abschied dann noch ein Schnapsl (Willi-Birne) vom Draxl in Inzing serviert, ist der Abend perfekt, und sogar Berlin singt am Heimweg ein bisschen mit: Tirol isch lei oans, isch a Landl a kloans, isch a liabs und a feins, und des Landl isch meins.

Die Tickets und alle Termine für den Tiroler Abend der Gruppe Gundolf bekommt man hier. Mit der Welcome Card und der Innsbruck Card gibt’s übrigens 25 Prozent Ermäßigung. Und wer einen Gutschein bestellt oder verschenkt, bekommt obendrauf noch eine CD der Gundolfs gratis dazu. Ganz unverbindlich reinlauschen kann man sonst aber auch hier auf Spotify. Wer auch den kunterbunten Tiroler Abend beim Happy Nightskate erleben möchte, hat am 26. Juni 2024 wieder die Gelegenheit.

Fotos: Die Bilder stammen vom Berliner Fotografen Sascha Jakubenko und dem Autor des Beitrags.

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