© Werner Kräutler
Das Mieminger Plateau ist eine überaus eindrucksvolle, uralte Tiroler Kulturlandschaft. Es erstreckt sich am Fuß der aufragenden Kalkspitzen der Mieminger Kette, dem tief unten liegenden Inntal und den gegenüberliegenden Ausläufern der Stubaier Alpen. Zwischen Telfs und Maria Locherboden führt ein eher unscheinbarer Weg an der Südkante des Plateaus entlang durch Wald und Flur. Benannt nach Tirols ‚Volksbischof’ Alois Kothgasser, wurde diese wunderbare, uralte Pilgerstrecke als ‚Besinnungsweg‘ reaktiviert und mit insgesamt 12 Kunstinstallationen ausgestattet. Sie prägen den meditativen Charakter des rund zehn Kilometer langen Weges auf ganz wundervolle Weise, der besonders im Frühling an Schönheit kaum zu überbieten ist.
Der Finger Gottes
Seit Jahrtausenden machen sich Menschen auf den Weg, um dem Göttlichen zu huldigen. Das Christentum macht dabei keine Ausnahme: Wallfahrtskirchen - nicht selten auf den Überresten einstiger Kultplätze errichtet - gelten noch immer als Kristallisationspunkte des Glaubens. Die Wege, die zu diesen Zentren führen, sind meist schon sehr alt. Der vielleicht schönste Kultur- und Frühlingsspaziergang im Oberinntal führt auf einem der Wege zur weithin sichtbaren Wallfahrtskirche, die bei Mötz vor einem majestätischen Gebirgszug wie ein Finger Gottes in die Höhe ragt: Maria Locherboden. Und hier beginnt (oder endet) der ‚Besinnungsweg‘, der den Höhenrücken zwischen Telfs und Locherboden überquert.
Ein Erzbischof mit Hang zur Malerei
Der vor zwei Jahren verstorbene einstige Bischof von Innsbruck und spätere Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser, hatte die Idee zur Reaktivierung dieses historischen Weges. Liegt doch Maria Locherboden erhaben auf einer Kuppe über dem Inntal, die schon vor Jahrtausenden ein Zentrum prähistorischer Kulte gewesen war. Letzte Reste prähistorischer Tätigkeiten lassen sich heute noch vom Boden aufheben. Mein Tipp: Bei genauem Hinsehen auf die Maulwurf-Haufen der Kirchenwiese in Locherboden findet man mit etwas Glück noch Keramikfragmente aus der Bronze-, Eisen- oder Römerzeit.
Kothgasser war selbst ein begnadeter Aquarellist und der Kunst sehr zugetan. Deshalb schlug er vor, Kulturspaziergänger und Wallfahrer auf dem alten Weg zwischen der Heilig-Geist-Kirche in Telfs und Locherboden mit Kunstinstallationen zu erfreuen. Sie sollten die meditative Seite der Menschen ansprechen. Was als durchaus gelungen bezeichnet werden kann. Auf der Grundlage von 12 Bibelzitaten haben junge Künstler an ausgewählten Plätzen die Botschaften der Bibelzitate und der Natur in Kunstwerke ‚gegossen‘.
Meine Empfehlung: Maria Locherboden als Ausgangspunkt
Es ist ratsam, den Besinnungsweg in Maria Locherboden zu starten. Denn der Aufstieg von Mötz dürfte einem einstigen raetischen 'Prozessionsweg' entsprechen. Diese Annahme ist naheliegend, denn ein umgefallener 'Menhir', der einst als 'stehender Stein' entweder Teil eines Steinkreises oder Erinnerungsstein für Verstorbene gewesen ist, liegt direkt neben dem Aufstieg von Mötz zum Locherboden.
Dabei passiert man auch eine Steinspirale, die vor einigen Jahren als Symbol für den Weg des Menschen nach innen gestaltet worden war. Sie versinnbildlicht die Suche nach dem Zentrum.
Eine Wunderheilung begründete den Gnadenort
Die Wallfahrt nach Locherboden entsprang auch der fanatischen Suche nach Erz im 16. Jahrhundert. Der Kulthügel in Locherboden wurde nicht verschont: Heute noch sind hier zahlreiche ‚Knappenlöcher‘ zu sehen. Und so geht denn auch die Wallfahrt ganz offiziell auf die wundersame Errettung eines verschütteten Bergknappen im Jahre 1740 zurück. Ein Gebet zur Gottesmutter hätte ihm überraschende Hilfe gebracht. Das damals von ihm am Stolleneingang aufgestellte Mariahilf-Bild wurde zur Pilgerstätte. Einer bemerkenswerten ‚Gebetserhörung‘ führte dann zu einem regelrechten Ansturm auf den Locherboden. Denn eine todkranke Frau aus Rum wurde am 12. September 1871 auf wundersame Weise geheilt und begründete die noch immer anhaltende Verehrung dieses Gnadenortes, die sich konkret in der Mariengrotte manifestiert. Auch Maria selbst soll ihr - glaubt man den Legenden - erschienen sein.
Der Ausgangspunkt - ein Labyrinth
Der Besinnungsweg beginnt mit einem künstlerischen Labyrinth, das am Fuß der Marienkapelle in Form eines großen Metallrohres steht. Mäandernde Verschlingungen stellen das Labyrinth des Lebens dar, dessen Ausweg die ‚Ordnung‘ darstellt. Was wiederum dem Bibelzitat enspricht: „Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen!“ aus dem Brief an die Galater, 5,25. Der nun beginnende ‚Abstieg‘ nach Telfs führt durch wunderbare Föhrenwälder mit ihren Wacholderbüschen, aufgelockert von Lichtungen, die nicht nur den Blick auf die majestätischen Bergriesen der Mieminger Kette freigeben sondern auch mit Kunstinstallationen überraschen.
Imposante Ausblicke
Entlang des Weges laden Rastplätze, Bänke und Aussichtspunkte zum Verweilen. Die Kunstinstallationen laden Wallfahrer und Kunst-Spaziergänger gleichermaßen zum Nachdenken ein. Oder zum Genuss einer absolut einmaligen Aussicht auf den tief unter den Pilgersleuten vorbeirauschenden Inn. Die Installation „Geist führt in die Weite“ basiert auf eine Bibelstelle im Brief an die Galater „er führt mich hinaus in die Weite“. Sie wurde von drei Künstlern metaphorisch umgesetzt, in dem sie den Bibelpsalm mit dem imposanten Ausblick auf Stams mit seinem Stift interpretierten. Ein wunderbarer Ort zum Verweilen.
Die Station 4 mit dem Namen „Früchte des Geistes“ ist für mich die eindrucksvollste Installation auf dem Weg. Hier setzte die Künstlerin Sonja Erler das Bibelzitat mit den neun Tugenden auf eine innovative Weise um. Neun Holzsäulen symbolisieren im Schatten einer wunderbaren Eiche nicht nur an die neun menschlichen Tugenden „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“. Die Säulen erinnern auch an die ‚Heiligen Kreise‘ prähistorischer Kulturen.
Die Mieminger Kette als fantastische Inszenierung
Der Kultur- und Besinnungs-Spaziergang führt nach dieser Station durch das offene Feld, entlang der wahrhaft atemberaubenden Mieminger Kette. Vorbei an einer Kapelle mit dem Bild einer ‚schwarzen Madonna‘, einem gläsernen Labyrinth hin zu einem ‚Jakobsbrunnen‘. Denn der Weg ist auch gleichzeitig die Route des Jakobsweges, der von Deutschland kommend über die Leutasch und Telfs nach Locherboden und weiter nach Stams führt.
Mariahilf als Schwarze Madona in einer Kapelle am Wegesrand.
Die St. Georgskirche in Obermieming vor dem monumentalen Hintergrund mit den Bergen der Mieminger Kette.
Das gläserne Labyrinth als Kunstinstallation.
Der Jakobsbrunnen ist ein Verweis auf den Umstand, dass man sich auch auf dem Jakobsweg befindet.
Bemerkenswert ist auch eine Installation in Form eines gläsernen Dreiecks, in dessen Mitte ein Bäumchen wächst. Sie interpretiert die Bibelstelle „Ich bin der Weg und die ‚Wahrheit und das Leben“ und soll die Freiheit des Menschen symbolisieren, seinen eigenen Weg im Leben zu wählen, das wiederum durch das Bäumchen dargestellt wird. Eine Freiheit, die für den materiellen wie auch den geistigen Bereich gilt.
Ein prähistorischer Kultplatz 'überlebt' in einer Sage
Bevor der Besinnungsweg in der Heilig-Geist-Kirche endet passiert man noch eine sagenumwobene Stelle: die Bötlerkapelle. Sie liegt am einstigen Fahrweg auf das Mieminger Plateau und diente als Unterstand für Bettler, Boten, Kranke und Arme. Diese Gegend um St. Moritzen ist Schauplatz von Sagen, von denen die bekannteste jene des ‚Moritzenschimmels’ ist, ein Bote aus der fernen Vorzeit. Der Schimmel erschien hier einst einem Fuhrmann, der mit Pferd und Wagen hier rastete und, etwas berauscht vom Wein, eingeschlafen war. In der Nacht tauchte das legendäre Tier mit dem goldenen Schlüssel im Maul auf, der den Schlüssel-Besitzer zu einem reichen Mann machen konnte. (Der damit verbundene Schatz kann durchaus als Hinweis auf den archäologisch erforschten prähistorischen Kultplatz am Schloßbühel sein. Ich habe einen Teil der Geschichte bereits in einem Blog verarbeitet. Wie die Sage endet könnt ihr hier lesen: https://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/tirol/telfs/dermoritzenschimml.html
Meine Tipps für Kuilturwanderer, Pilger und Wallfahrer
Die Anreie per Öffi (öffentlichem Verkehr) ist sehr empfehlenswert. Der gut beschilderte Besinnungsweg kann von Telfs oder von Mötz aus gestartet werden. Ich empfehle eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, um eine umständliche ‚Rückkehr’ zum Auto-Parkplatz elegant zu vermeiden.
Wer nach Mötz anreist kann dies mit der ÖBB (Österreichische Bundesbahnen) oder mit dem VVT-Bus bis zur Haltestelle ‚Mötz-Kirche’ tun. Von dort beginnt der Weg mit Wegzeichen versehene Aufstieg auf den Locherboden.
Wer von Telfs aus startet, beginnt im Bahnhof Telfs-Pfaffenhofen mit dem Aufstieg zur Heilig-Geist-Kirche, die weithin sichtbar über der Marktgemeinde thront.
Eine digitale Wanderkarte mit allen Daten zur Strecke findet ihr auf unserer Website: https://www.innsbruck.info/wandern/m/besinnungsweg-zur-wallfahrtskirche-maria-locherboden.html
Ratsam ist es, Stofftaschen mit zu nehmen, um Kräuter, Pilze oder die reifen Wacholderbeeren zu ernten und mit zu nehmen.
Alle Fotos: ©Werner Kräutler
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Alm-Freiwilliger in der 'Schule der Alm', Kultur-Pilger, tirol-Afficionado, Innsbruck-Fan.
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