Wer 2019 die Uraufführung des Dramas „Verkaufte Heimat“ bei den Tiroler Volksschauspielen miterlebt hat, wird beim Betreten des Areals ein vertrautes Gefühl verspüren: Erneut dient ein Abbruchhaus (das letzte) in der Südtiroler Siedlung im Norden von Telfs als Freiluftkulisse.

Spektakuläre Bühne

Mit „Feuernacht“ bringen die Tiroler Volksschauspiele heuer die Fortsetzung dieses historischen Epos auf die Bühne. Das Stück basiert auf dem 3. Teil des TV-Mehrteilers „Verkaufte Heimat” von Felix Mitterer und wurde vom Tiroler Autor und Regisseur Peter Lorenz für die Bühne adaptiert.

Dabei könnte die Wahl des Ortes symbolträchtiger nicht sein: In ganz Österreich wurden während des Zweiten Weltkriegs Südtiroler Siedlungen aus dem Boden gestampft. Hier sollten die „Optanten” unterkommen, also jene Südtiroler, die das von den Faschisten regierte Land verlassen wollten. Als Abbruchhaus (es weicht einem sozialen Wohnbauprojekt), steht das Gebäude für den Verlust der Heimat, eine brüchig gewordene Welt, den Identitätsverlust derer, die das Land verlassen und nicht ins Land zurückkehren konnten.

Die Feuernacht

Während „Verkaufte Heimat” die Zeit ab den 1930er Jahren in Südtirol und die Folgen der Italianisierung, des Faschismus und des Nationalsozialismus behandelte sowie die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg, fokussiert „Feuernacht“ auf die dramatischen Ereignisse Anfang der 1960er Jahre. Im Zentrum steht die Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961, in der Aktivisten des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) im ganzen Land Strommasten sprengten, um ihrer Forderung nach Selbstbestimmung Nachdruck zu verleihen.

Die Geschichte ist komplex: Es geht um völkerrechtliche Ansprüche auf Selbstbestimmung und eine Spirale der Gewalt, die in Folter und lebenslangen Haftstrafen für die so genannten „Bumser” mündete.  Und während der Aufführung fragt man sich immer wieder, ob Zuschauer ohne fundiertes historisches Vorwissen bei den insgesamt 30 Szenen immer den Überblick behalten.

Familiengeschichten

Im Mittelpunkt stehen drei Familien: die Rabensteiner mit Vater Sepp (Lukas Lobis) und Mutter Kathi (Brigitte Jaufenthaler), sowie den Söhnen Alfons (Lenz Moretti) und Peter (Daniel Klausner) zerbrechen ebenso an den Folgen der Feuernacht wie Familie Tschurtschentaler. Während Sepp verhaftet und schwer gefoltert und Alfons zum Verräter wird, gelingt Hermann Tschurtschentaler (Markus Oberrauch) die Flucht über den Brenner. Zu lebenslanger Haft verurteilt, kann er nicht mehr nach Südtirol zurückkehren. Sein Sohn Toni (Freddy Redavid) stirbt durch Verrat. Zurück bleibt auch hier die Ehefrau Paula (Lisa Laner) mit der kleinen Tochter (Anna-Lena Mair).

In der Familie Magalone, stehen die deutschsprachige Anna (Lisa Hörtnagl) und der Carabiniere Ettore (Lukas Spisser) zwischen den Stühlen und zwischen den Fronten: Ihr Sohn Andrea (Fabian Mair Mitterer) schlägt sich auf die Seite des „italienischen Vaterlandes” und ist als Spitzel für den Geheimdienst tätig.

Die Geschlechterrollen sind klar definiert: Während die Männer die Handlung durch Sabotageakte und Radikalisierung vorantreiben, bleibt für die weiblichen Mitglieder meist nur der Part der Mahnerinnen vor den Folgen des gewalttätigen Wiederstands.

Zwischen Trümmern und High-Tech

Dazu kommt eine ganze Reihe weiterer Figuren – vom Pfarrer über eine arme Italienerin bis zu Schützen und Bauern. Mit über 30 Darstellern und wechselnden Schauplätzen dauert es etwas, bis man Rollen, Verwandtschaftsverhältnisse und Beziehungen der Personen untereinander einwandfrei identifizieren kann.

Um dem vielschichtigen Stoff gerecht zu werden, nutzt Regisseur Thomas Gassner das gesamte Umfeld des Gebäudes, baut einen Baukran ebenso ein wie ein Kranelement, um die Anschläge und die daraus resultierenden Ereignisse effektvoll in Szene zu setzen. Angesichts der weitläufigen Kulisse für die Zuschauerinnen und Zuschauer besonders hilfreich ist der Einsatz einer Live-Kamera, die das Geschehen auf eine riesige Leinwand projiziert und dramatisch verstärkt.

Die Fetzen fliegen

Sprachlich verlangt das Drama zumindest rudimentäre Italienischkenntnisse: Neben Tirolerisch wird viel Italienisch gesprochen. Aber keine Sorge: Die Bedeutung erschließt sich meist aus dem Kontext – inklusive des einen oder anderen bekannten Kraftausdrucks.

Nach der Pause zieht das Tempo zwar deutlich an, Längen sind trotzdem auszumachen. Insgesamt wandelt sich die Inszenierung hier schon fast in ein „Wild-West-Spektakel“, in dem hauptsächlich geschossen und gesprengt wird.

Bald kann sich keiner der Protagonisten mehr sicher sein, wer Freund, wer Feind, wer Helfer, wer Verräter ist. Das sorgt für Action, lässt aber keinen Raum für Zwischentöne oder feinere Nuancen.

Ein Highlight ist die musikalische Untermalung von Herbert Pixner mit Band, darunter Manu Delago. Pixner, der die Stücke extra für „Die Feuernacht” komponiert hat, beweist ein großartiges Gespür für den richtigen Sound und sorgt mit seinem kurzen Auftritt als Arzt für einen amüsanten Rollentausch.

Fazit

Am Ende des Theaterabends bleibt die Erkenntnis, dass es bei derartigen Konflikten viele Verlierer, aber keine Sieger gibt.

Alle Aufführungen der „Feuernacht” sind bereits ausverkauft. Wer Glück hat, ergattert noch Restkarten in der von den Tiroler Volksschauspielen auf Instagram eingerichteten Ticketbörse. Ansonsten heißt es nur, auf eine Wiederaufnahme im nächsten Jahr zu hoffen.

Tiroler Volksschauspiele
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Alle Infos unter www.volksschauspiele.at

Informationen zu weiteren Kulturveranstaltungen in und um Innsbruck finden sich auf innsbruck.info.

Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Susanne Gurschler

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