© Susanne Gurschler
Seit 2013 präsentiert Innsbruck International Biennial of the Arts alle zwei Jahre prägnante künstlerische Positionen zu aktuellen Themen. Jedes Mal ist Innsbruck International ein Ereignis, eine Entdeckungsreise, auf die ich mich freue.
Heuer schaffte ich es zwar nur zu ausgewählten Veranstaltungen, aber das Tolle an dieser Biennale ist, man muss nicht an allem teilgenommen haben, um den Spirit aufzunehmen.
Headquarter von Innsbruck International 2026 waren zwei Container am Innsbrucker Marktplatz. © Susanne Gurschler
Innsbruck International
Die siebte Ausgabe von Innsbruck International stand unter dem Motto „Rendez-Vous”. Womit Gründerin Tereza Kotyk und ihr Team um die Kuratoren Franziska Heubacher und Chris Clarke die Begegnung zwischen Kunst beziehungsweise Künstler:innen und Besucher:innen selbst ins Zentrum stellten: das Zusammenkommen als Impulsgeber, die Versammlung als Feld der Auseinandersetzung. Oder mit den Worten der Festivalverantwortlichen: „Die Biennale lädt dazu ein, individuelle Handlungsspielräume, Verantwortung und Formen des Zusammenlebens neu zu denken.”
Bereits zum siebten Mal fand heuer Innsbruck International Biennial of the Arts statt. © Susanne Gurschler
Bemerkenswert auch der Untertitel, der einem Buch über Oktopusse entnommen ist, „Schmerzen schmecken, Träume sehen” verwies auf die außergewöhnlichen Überlebensstrategien dieser Meeresbewohner, verwies darauf, dass wir Menschen neue Strategien entwickeln müssen, um angesichts der großen Herausforderungen der Zeit nicht unterzugehen.
Herausforderungen
Neben der größten, dem Klimawandel und seinen Verwerfungen, sind es die zahlreichen Kriege, die Zunahme an autokratischen bis diktatorischen Regierungen, die immer offensichtlichere Macht weniger Tech-Bros über Entwicklungen von ganzen Gesellschaften. Dazu kommt, dass die Ressourcen auf der Erde schwinden, die territorialen Ansprüche zunehmen. Die Liste ließe sich fortsetzen. „Stehen wir am Abgrund und überlassen anderen das Spiel mit der Zukunft – oder erkennen wir die Chancen, die sich gerade jetzt auftun?“ – Dieser Frage stellte sich Innsbruck International heuer.
Die diesjährige Ausgabe von Innsbruck International stand unter dem Motto „Rendez-Vous”. © Susanne Gurschler
Schaltzentrale des Festivals, das vom 25. April bis zum 3. Mai stattfand, war der Marktplatz. Zwei blitzblaue Container mit wehenden Fahnen, Liegestühlen und rotem Teppich luden zum Rendezvous. Eines, das von hier an verschiedene Schauplätze in der Innsbrucker Innenstadt führte, wie etwa zum Musikpavillon des Hofgartens, die Neue Galerie der Künstler*innen Vereinigung Tirol in der Hofburg, oder ins Leokino.
Keiner Nation zugeordnet, wirken die Botschaften der „Raising Flags” die Grenzen hinweg. © Susanne Gurschler
Raising Flags
Ein besonderer Blickfang waren die sechs Flaggen, die am Festival-Container wehten. Bei den „Raising flags” handelt es sich um ein Langzeitprojekt der Kuratoren Kaspar Mühlemann Hartl und Alois Herrmann. Keiner Nation zugeordnet, wehen sie sozusagen über Grenzen und regen zu einer Auseinandersetzung mit anderen Inhalten an, wie etwa „Movement is always at Rest” von Sun Xun oder Agnieszka Kurants „Flag of stateless Nations” oder „The Future was Yesterday” von Minerva Cueva.
Paneldiskussion „Where do we go from here” mit Ekaterina Degot, Katalin Erdödi und Aleksei Borisionok sowie Chris Clarke (Moderation), v.l.n.r. © Susanne Gurschler
Ungemein spannend auch die Frage, welche Rolle das Format Biennale im gesellschaftlichen Diskurs spielt, was Kunst bewirken kann. Sie wurde in der Paneldiskussion „Where do we go from here?” gestellt. Am Podium saßen Ekaterina Degot, Direktorin und Chefkuratorin des steirischer herbst in Graz, sowie Katalin Erdödi und Aleksei Borisionok, Kuratoren der Biennale Matter of Art 2024 in Prag. Bei herrlichem Sonnenschein – und entsprechender Hitzeentwicklung am Platz – gingen sie auf die Entstehung und Entwicklung dieser Festivals ein, befassten sich mit deren Einfluss auf Politik und Gesellschaft.
200 Sekunden
Bevor ich zur Ausstellung in der neuen Galerie weiterwanderte, schaute ich mir noch die Cinématons an. Seit 2013 werden damit Tiroler Künstler:innen in Form von One-shot-Filmen in Super-8-Format porträtiert: ein einziges Take von exakt 200 Sekunden. Ohne Worte, allein in der Handlung sollen die Cinématons eine Art tiefere Wahrheit sichtbar machen. Heuer fügte der Filmemacher Guillermo Tellechea die Musikerin Valerie Fritz, die Künstler Alexandra Kontriner und Roland Maurmair dem Archiv hinzu.
Seit 2013 porträtiert Guillermo Tellechea Tiroler Künstler:innen in Form von One-shot-Filmen in Super-8-Format. © Susanne Gurschler
Dann zog es mich in die Neue Galerie zur Ausstellung „where heaven where hell” der gebürtigen Südtirolerin Julia Frank, die heuer mit dem Special Recognition Award von Innsbruck International ausgezeichnet wurde. Frank verwandelte die Räume der Neuen Galerie auf grandiose Weise in eine begehbare künstlerische Arbeit.
Wer hat Angst?
Mit dem ersten Schritt – vorbei am Bild zweier geöffneter Münder, zweier Zungen, die miteinander spielen – ist man bereits Teil der Ausstellung, hört eindringlich die Frage „Wer hat Angst?” Ebenso klar kommt „Niemand!” als Antwort. In Raum zwei wird man ins bekannte Himmel-Hölle-Spiel gezogen. Diese von Kinderhänden gefaltete Wahrheitsmaschine, die nur Ja oder Nein, richtig oder falsch zulässt, wird durch KI zum neuen Orakel der Menschheit: Ein binäres System, das alle Lebensbereiche durchdringt, uns zu überrollen droht. Ihre Wirkmacht steht in Kontrast zu den Schriftzeichen, den feinen Linien an den Wänden des Raums, bis der Blick auf eine Installation fällt, die sich wie ein kleines filmisches Fenster öffnet: Die bekannte Figur des „hässlichen Entleins” verschwimmt mit verschiedenen Zeichen, wird von diesen überlagert, verschwindet, taucht wieder auf.
Bereits mit dem Betreten von „where heaven where hell” in der Neuen Galerie sind Besucher:innen Teil des Geschehens. © Susanne Gurschler
Wie ein kleines Fenster in eine andere Welt: die Videoinstallation im zweiten Raum der Neuen Galerie. © Susanne Gurschler
Rendez-Vous
Nicht nur Beobachtende, sondern Teil des Geschehens ist man in der Ausstellung „where heaven where hell“ von Julia Frank in der Neuen Galerie. © Susanne Gurschler
Ebenso intensiv der Übergang in den dritten Raum, betreten wie durch eine halb geöffnete Tür. Auf Rückseite findet sich ausschnitthaft eine Videoarbeit, deren Protagonist unschwer als Dirigent auszumachen ist, mit dem Rücken zum Betrachtenden, an den klassischen Gesten erkenntlich, und der Raum selbst in Dunkelheit getaucht.
Die Künstlerin Julia Frank erhielt heuer den Innsbruck International Special Recognition Award; Ausstellungsausschnitt „where heaven where hell”. © Susanne Gurschler
Eine eindrückliche und nachwirkende Arbeit im Rahmen von Innsbruck International, ein Rendezvous der besonderen Art, das übrigens noch bis zum 23.05.2026 zu sehen ist. Wer sich also beeilt, schafft es noch „where heaven where hell” in der Neuen Galerie zu sehen.
Ansonsten: Innsbruck bietet übers ganze Jahr tolle Ausstellungen (zum Veranstaltungskalender geht es hier). Und: die nächste Ausgabe von Innsbruck International Biennial of the Arts kommt bestimmt!
Zeige mir den Ort auf der Karte
Innsbruck ist ihre Herzensstadt, der Blick auf die Nordkette ihr Seelenschmeichler. Journalistin, Sachbuchautorin, Bücherwurm, Hobbyfotografin, Hundebesitzerin, BergGeherin #ghostsofinnsbruck
Ähnliche Artikel
Wunderschöne Musik an einem atemberaubenden Ort – die Promenadenkonzerte in Innsbruck sind wieder da
Promenadenkonzert in Innsbruck, 4.
Einsteiger:innen, ambitionierte Läufer:innen oder bereits erfolgreich-abgeschlossene Marathon Athleten:innen - einmal im Jahr werden alle Laufbegeisterten Rund um…
Die Stadt die wir lieben aus einer anderen Perspektive betrachten. Ein bisschen mitgestalten. Und mit neuem Blick…
Beeil dich! Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist die Teilnahme an den Rollerdiscos am Samstagmorgen, als ich in…