Niemand wird ernsthaft behaupten, auf der Hungerburg sei nix los gewesen. Im Gegenteil: Die Entwicklung seit der ‚Gründung‘ des heutigen Stadtteils, vor allem aber in den letzten 120 Jahren kann nur als aufregend und rasant bezeichnet werden. Und überhaupt: Die Innovationen in Planung und Aufbau der Hungerburg waren eine Art Blaupause für die Entwicklung des Tiroler Tourismus. Aus einer ehemaligen Hochweide wurde zuerst ein ‚Luftkurort’ mit angeschlossenem Villenviertel samt Bergbahnanschluss. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich die Hungerburg dann zu einem echten touristischen ‚Hotspot’ und einem wunderbaren Naherholungsgebiet für die Innsbrucker Bevölkerung. Diese Geschichte wird auf höchst unterhaltsame und faktenreiche Weise in einer Veröffentlichung des Innsbrucker Stadtarchivs erzählt: ‚Hungerburg - Architektur, Kultur, Natur’, herausgegeben von Matthias Egger und Johann Holzner.

Warum eigentlich Hungerburg?

Die Sache mit der Burg und dem Hunger war und ist heute noch immer verwirrend. Ich hatte ja auch lange angenommen, dass da oben irgend ein Gemäuer existiert haben musste.  Woher sollte denn der Namen sonst kommen. Völlig falsch, wie ich heute weiß. Auf der 250 m oberhalb von Innsbruck gelegenen ebenen Fläche hat nie eine Burg oder auch nur ein burgähnliches Gebäude existiert. Der Name ist eine freie Erfindung, über dessen Urheber allerdings noch immer spekuliert wird. Allerdings verleitet ein ehemaliger Aussichtsturm aus dem 20. Jahrhundert ahnungslose Zeitgenossen zu allerlei Fehldeutungen.

In starkem Verdacht der Namensgebung steht Tirols bedeutendster Dichter, Geologe und Naturforscher des 19. Jahrhunderts, Adolf Pichler. Er soll dereinst nach einem Erkundungsgang angesichts der kargen Bewirtung im einstigen Gasthaus Mariabrunn (auf dem Foto oben ersichtlich) seinem Ärger über Miniportionen Luft gemacht haben. Sein kolportierter Ausruf „dös ischt ja die reinste Hungerburg“ wäre dann die Geburtsstunde jenes Begriffs, der damals bei den Bewohnern alles andere als populär gewesen ist. Trotzdem hat er über all die Jahrzehnte hinweg den verschiedensten Versuchen getrotzt, ihn zu ersetzen. Selbst die wohlwollende Wortschöpfung ‚Hoch-Innsbruck’ ist längst vergangen und vergessen.

Der Hungerburgverwandler

Der heutige Stadtteil Hungerburg ist eigentlich aus dem ‚Nichts’ heraus entstanden. Auf einem wunderbaren Hoch-Plateau gelegen, war er lange ein mit Mühe und viel Schweiß erreichbares, bewaldetes  Ausflugsziel der Innsbrucker Bevölkerung. Ein nördliches ‚Mittelgebirge’ quasi. Bis ein Gastronom namens Sebastian Kandler seine Uniform als Kantinenwirt der Innsbrucker Klosterkaserne an den Nagel hing und zum ‚Hungerburgverwandler‘ wurde. Er kaufte 1903 den herabgekommenen Gasthof ‚Mariabrunn’ samt einem beachtlichen, dazugehörenden Grundbesitz. Es war der Beginn einer unvergleichlichen Metamorphose des Plateaus. Kandler wollte dem Beispiel von St. Moritz nacheifern und einen Höhenluftkurort schaffen, der 'alle Stückln spielte', mit einer Seilbahn von den Stadtteilen Mühlau oder Hötting aus erreichbar war und den Gästen luxuriöse Aufenthalte garantierte. Sein Traumziel war es, mit dem Umbau des Gasthofs eine Art Grandhotel zu schaffen, das sich international sehen lassen konnte. Zudem hatte er eine für damalige Verhältnisse kühne Vision, nämlich einen künstlichen ‚Teich‘ anzulegen, in dem man sogar ‚Schifflfahren‘ konnte.

Anreise der Festgäste mit Schlitten

Im Abschnitt ‚Streifzüge durch die Geschichte der Hungerburg‘ der Hommage an diesen Stadtteil schildert der Historiker Matthias Egger als Herausgeber des Buches diese spannende Geschichte der Hungerburg. Ausgehend von den Aktivitäten des umtriebigen Tourismuspioniers Kandler erzählt Egger die aufregenden Vorgänge, wie eine eher menschenleere Einschicht-Gegend in eine frühe alpin-urbane Tourismuszone verwandelt wird und Kandler für sein Hotel ‚Mariabrunn’ die Hauptrolle plante. Schon im Jänner 1905 war dessen Umbau so weit gediehen, dass das Restaurant eröffnet werden konnte. Der große Konzertsaal hingegen wurde erst im Februar 1906 mit einem rauschenden Fest eingeweiht. Eine Schnurre am Rande: für die rund 300 geladenen Gäste wurde damals ein Schlittenverkehr zwischen der Stadt und der Hungerburg eingerichtet. Auf einer Straßenverbindung, die wir heute als steilen Wanderpfad bezeichnen würden.

Mit der Hungerburgbahn ins Villenviertel

Dann ging es Schlag auf Schlag. Mit der Eröffnung der bereits elektrisch betriebenen Hungerburgbahn in Form einer Standseilbahn der Stadt Innsbruck am 10. September 1906 wurde das größte Problem des Sebastian Kandler gelöst: die unkomplizierte Anreise von zahlender Kundschaft aus der Stadt. Immerhin bewältigte sie eine Höhendifferenz von 287,7 m bei Steigungen zwischen 18,5 % und 55,5 %. Mit der Erstellung der Konzertveranda und des kleinen Aussichtsturms war die Mariabrunn-Hotelanlage fertig. Ihr ließ der rastlose Kandler 1908 den pavillionartigen Karwendelhof folgen, in dem verschiedene Unterhaltungen angeboten wurden wie etwa ein Hausball mit Schrammel-Musik. Daneben errichtete er zwischen 1904 und 1908 nicht weniger als drei Wohnhäuser, nämlich die Villa Felsen, Villa Kandlerheim und Villa Karwendel.

Eine erste touristische Erlebnis-Welt

Stichwort Villen. Als das Brüderpaar Karl und Franz Schwärzler die Villa ‚Tiroler-Haus’ auf einem von Kandler erworbenen Grundstück errichteten, planten sie darin eine Kunstgewerbehandlung mit dem nobel klingenden Namen „Erstes Tiroler Spezialitätenhaus“ unterzubringen. Jetzt zogen auch Kunst und Kultur auf der Hungerburg ein. In ihrer ‚Kunst-Ecke‘ wurden ausschließlich Werke Tiroler Künstler gezeigt, die in einem strengen Auswahlverfahren auserkoren worden waren. Das überzeugte Maler wie Franz von Defregger, Mathias Schmid oder Anna Steiner-Knittel, Werke auf der Hungerburg auszustellen. Diese Qualität wiederum zog zahlungskräftige Sammler an.

Die Schwärzlers entpuppten sich überhaupt als frühe Tourismus-Investoren, die Sebastian Kandler durchaus das Wasser reichen konnten. Sie griffen dessen Idee eines Sees ‚zum Schifflfahren‘ auf. Aber ein Badesee allein war ihnen zu bieder. Da musste schon noch ein Hotel im Tiroler Stil namens Seehof her, ein Wiener Kaffeehaus und eine Waldschenke. Quasi eine erste Erlebnis-Hotelanlage. Zudem planten sie einen etwa 15 Meter hohen, mit Zinnen bewehrten Aussichtsturm. Da blinkte nun erstmals in Tirol eine Idee auf, die heute noch für Furore sorgen würde. Der Turm sollte nämlich zuerst einmal mittels einer Gondelfahrt über den See angesteuert werden. Ein 10 Meter langer beleuchteter unterirdischer Zugangsschacht führte dann - so die Idee - „zu einem senkrechten Auffahrtsstollen eines Personenaufzugs mittels elektrischer Kraft bis auf die Plattform des darüber befindlichen Turms.“ Der sensationelle Panoramablick dürfte damals eine nachhaltige Wirkung gehabt haben.

Ein künstlicher See auf der Hungerburg

Ein erster Versuch, den See mittels Wasser aus der Prantlschrofenquelle zu füllen, scheiterte kläglich. Das Wasser versickerte im Untergrund. Der wurde daraufhin mit einer Zementschicht ausgefüttert. Es war aber just dieser See, der die Hungerburg weit über die Grenzen der damaligen k&k Monarchie hinaus bekannt gemacht hatte.

Das Hotel Seehof wurde in der Folge zu einem ganz besonderen, luxuriösen Anziehungspunkt. Denn die Bauherren orientierten sich am Qualitäts-Standard der überaus vornehmen Dolomitenhotels. Ein Blick in die Getränkekarte verdeutlicht die Exklusivität des Hauses: nicht weniger als 25 Wein- und sechs Champagnersorten wurden da ausgewiesen.

Internationales Publikum

Die Besucher kamen denn auch aus allen Teilen der Monarchie, aus Europa und sogar aus Übersee, um dem alpinen Luxus zu frönen. Im Sommer konnten sie hier baden, im Winter eislaufen oder auf einer präparierten Rodelbahn sogar bis in die Mühlau abfahren. Ein mondäner Zauber, der jedoch schon nach einem Jahr vorbei war. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges setzte dem feinen Treiben ein jähes Ende.

Die Höhenstraße ließ auf sich warten

Bei all den Erschließungen, den Hotelbauten und dem Unterhaltungsangebot ließ die Anbindung der Hungerburg mittels einer ordentlichen Zufahrtsstraße auf sich warten. Eine ‚Fahrstraße auf den Hungerburgboden‘ sei unumgänglich, wurde jahrelang in der lokalen Presse gejammert. Weil sich ja ‚dort oben eine Villenkolonie mit dem stolzen Namen „Hoch-Innsbruck“ in rasantem Tempo entwickle'. Die Zufahrtsstraßen seien aber in einem Zustand, „der die Wagenfahrt als Wagnis erscheinen lasse“. Damit spiele man zudem noch der Hungerburgbahn in die Karten: Ohne Höhenstraße sei ‚jedes Kilo Speis und Trank mit dem Einfuhrzoll der Hungerburgbahn‘ belegt.

Es dauerte dann bis zum 20. September 1930, bis die Höhenstraße mit einer Länge von 3,55 km bei einem Höhenunterschied von 255 Metern dem Verkehr übergeben werden konnte.

Der Beitrag von Günter Denoth im Buch ‚Verkehrswege auf die Hungerburg‘ beleuchtet die verkehrstechnische Erschließung des Plateaus. Beginnend mit dem Bau der Standseilbahn im Jahre 1906 über die technische Erneuerung der Bahn bis herauf zur heutigen hochmodernen Anlage schildert er den Werdegang dieser einmaligen Anlage. Auch die Erschließung der Seegrube und des Hafelekars durch eine Seil-Schwebebahn wird detailliert geschildert.

Das Kapitel ‚Die Architektur der Hungerburg‘ von Wilhelm Schlenz wiederum ist eine Hommage an die Baugeschichte. Architekten verewigten sich hier mit ihren Entwürfen zu den prachtvollen Villen oder Bauten wie die der Talstation der Nordkettenbahn und der Stationen Seegrube und Hafelekar.

Dass auch Themen wie ‚Die Hungerburg in der Literatur‘ von Iris Kathan enthalten sind oder die  „Naturräumlichen Besonderheiten des Stadtteils" von Brigitta Erschbamer geschildert werden rundet dieses interessante Buchprojekt wunderbar ab.  

Es ist den Mitarbeitern des Stadtarchivs zu verdanken, dass die Bedeutung der Hungerburg für die  Tourismusentwicklung des Landes Tirol aufgezeigt wird. Erholungssuchenden und vor allem zahlungskräftigen Gästen sollte die grandiose Bergwelt auf eine abwechslungsreiche und spannende Art und Weise vermittelt werden.

Das einzigartige  Fotomaterial versetzt die Leser in eine Zeit zurück, in der Worte wie  'Sommerfrische' oder 'Grand Hotel' noch Bedeutung hatten und in der es sogar noch 'technische Wunderwerke' gab. Ein Buch, das in persönlichen Bibliotheken von Liebhabern der Stadt Innsbruck nicht fehlen darf.

Hungerburg
Architektur - Kultur - Natur

Facetten eines Stadtteils, umrahmt mit zahlreichen Fotografien. Herausgegeben von Matthias Egger und Johann Holzner, 244 Seiten mit vielen Bildern, ISBN 978-3-7030-6629-0, Universitätsverlag Wagner 2024, € 29,90.

Bestellungen können hier getätigt werden: https://www.innsbruck.gv.at/shop/publikationen-2026-2011/hungerburg

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