Als Naturparkführer darf ich regelmäßig Gäste durch den Naturpark Karwendel begleiten, ihnen spannende Einblicke in Flora und Fauna geben, Wissenswertes über die Geschichte des Naturparks sowie wichtige Themen wie Klimawandel und Biodiversität vermitteln. Mit diesem Beitrag möchte ich auch jenen Einblicke geben, die noch nicht die Möglichkeit hatten, den Naturpark persönlich zu erleben.
Zugänge zum Naturpark Karwendel
Besuchen kann man den Naturpark über verschiedene Zugänge. Einer der Hauptzugänge ist die Nordkette, die direkt von Innsbruck aus zuerst mit der Hungerburg- und dann mit den Nordkettenbahnen erreichbar ist. So kommen Besucher:innen binnen 30 Minuten bequem von der Innsbrucker Altstadt in die alpine Welt des Karwendelgebirges.
Hinauf mit der Bahn
Unsere Tour startet an der Station Congress der Hungerburgbahn in Innsbruck. Dabei fällt einem vermutlich sofort die interessante Form der Haltestelle auf, wie auch bei den anderen Haltestellen der Hungerburgbahn ließ sich die Architektin Zaha Hadid bei der Planung von den Eis- und Schneelandschaften der Region inspirieren. Mit der Bahn gehts etwa acht Minuten hinauf zur Station Hungerburg, wo man schon einen ersten schönen Blick über die Stadt hat. Weiter fahren wir mit der Nordkettenbahn zuerst auf die Seegrube und nach einem weiteren Umstieg ganz hinauf aufs Hafelekar. Mit etwas Glück kann man dabei schon den ein oder anderen Steinbock entdecken, der unterhalb der Bahn herumklettert.
Urban vs Alpin
Sobald wir die Bergstation verlassen, trifft uns ein kräftiger Wind mit frischer, kühler Luft. Von hier aus haben wir einen wunderbaren Blick über Innsbruck und können die ersten Alpenbewohner beobachten, die den Wind für ihre akrobatischen Flugmanöver nutzen und uns mit ihrer Leichtigkeit die Bedeutung von Freiheit vor Augen führen. Die Alpendohlen sind perfekt an die Bedingungen hier oben angepasst und haben gelernt, sich die Anwesenheit von Menschen zunutze zu machen. So kann es vorkommen, dass ein unbewachter Teller plötzlich leerer wird. Vor allem im Winter zieht es diese Überlebenskünstler immer wieder in die Stadt hinunter, wo sie auf Futtersuche gehen. Dabei kann man sogar beobachten, wie sie sich an senkrechten Hochhausfassaden festkrallen.
Zeitreise ins urzeitliche Meer
Wir machen uns auf den Weg zur Hafelekarspitze und folgen dann dem Geosteig. Während wir diesen Pfad entlang gehen, werfen wir einen Blick auf die geologischen Besonderheiten des Karwendels. Das Karwendelgebirge besteht hauptsächlich aus Wettersteinkalk, einem Gestein, das sich vor etwa 230 Millionen Jahren in einem urzeitlichen Meer bildete. Damals lagerten sich die kalkigen Überreste von riffbildenden Organismen am Meeresboden ab. Durch die Verschiebung der Kontinentalplatten wurden diese Sedimentschichten aufgefaltet und sind heute verantwortlich für die markanten Felsformationen und Gipfel, die wir nun bewundern können.
Größter Naturpark Österreichs
Nach dieser Begegnung wenden wir uns von der Stadt ab und gehen noch ein paar Meter weiter, bis wir endlich den wilden, felsigen Weiten des Naturparks Karwendel gegenüberstehen. Der Naturpark Karwendel ist das älteste und mit 739 Quadratkilometern das größte Tiroler Schutzgebiet und damit auch der größte Naturpark Österreichs.
Pflanzenwelt am Goetheweg
Wir verlassen den Geosteig und wechseln auf den Goetheweg, der dem namensgebenden Dichter sicher Freude bereitet hätte. Entlang des Steigs treffen wir immer wieder auf Pflanzen, die sich perfekt an die alpinen Bedingungen angepasst haben. Viele dieser Pflanzen haben Besonderheiten entwickelt, um in dieser rauen Umgebung zurechtzukommen. Spalier- und Rosettenpflanzen etwa nutzen die Speicherwärme des Bodens. Polsterwuchs hilft, Wärme und Feuchtigkeit zu halten. Andere haben eine filzige Behaarung oder eine wachsartige Schicht auf ihren Blättern, die sie vor Kälte und Austrocknung schützt und ihnen ermöglicht, Tau oder Nebel aufzufangen und direkt über die Blätter aufzunehmen.
Die Gams im Blick
Nach einem guten Stück Wanderung, bei der wir immer wieder den Blick zwischen Innsbruck und dem Naturpark wechseln, nehmen wir die Ferngläser zur Hand. Langsam suchen wir die unter uns liegenden Latschenfelder ab und entdecken bald die erste Gams. Mit etwas Übung wird aus einer Gams plötzlich eine Gruppe von etwa 50 Tieren, die sich gut getarnt zwischen den Latschen aufhalten. Außerdem mit im Gepäck: ein Spektiv, mit dem wir die Gämsen etwas genauer betrachten können. Gut zu erkennen ist der Unterschied der Hörner, die sich bei den Weibchen nur leicht nach hinten und bei den Männchen weiter nach unten krümmen. Es wirkt fast schon höhnisch, wie leicht sich diese Tiere durch das steile Gelände bewegen. Doch bei einem genauen Blick auf die Hufe wird klar, das war Evolution in Perfektion. Im Winter wandern sie in tiefere Lagen, wo sie sich gerne auf steilen und sonnigen Hängen aufhalten. Dort finden sie auch im Winter schneefreie Flächen zum Grasen. An sehr kalten Tagen hilft ihnen ihr dickes Winterfell.
Landschaftsformen und Klimawandel
Wir machen uns langsam wieder auf den Retourweg, doch zuvor schauen wir uns die umliegenden Berggipfel etwas genauer an. Was auffällt ist, dass einige spitzer und höher sind als andere. Aber was hat das mit Gletschern und dem Klimawandel zu tun? Während der Würm-Eiszeit, deren Höhepunkt vor etwa 25.000 Jahren war, prägten gewaltige Gletscher die Landschaft und formten sie auf beeindruckende Weise. Die Gletscher wirkten wie riesige Schleifmaschinen, die die Berge unter ihnen abrundeten. Gleichzeitig blieben die Berggipfel, die aus dem Eis ragten, spitz.
Ein faszinierender Aspekt ist der Unterschied in der Jahresdurchschnittstemperatur zwischen der Würm-Eiszeit und heute. Während der Würm-Eiszeit lag die Durchschnittstemperatur im Alpenvorland etwa 10 Grad Celsius niedriger als heute. Dieser scheinbar geringe Unterschied führte dazu, dass Innsbruck unter einer bis zu 1700 Meter dicken Eisschicht begraben lag. Heute, mit einer höheren Durchschnittstemperatur, ist dieses Gebiet eisfrei und bewohnbar.
Ein paar Grad machen den Unterschied
Dieser Vergleich zeigt eindrucksvoll, welche enormen Auswirkungen bereits geringe Temperaturveränderungen haben können. Eine Differenz von nur wenigen Grad kann den Unterschied zwischen einer eisbedeckten Landschaft und einer grünen, lebensfreundlichen Umgebung ausmachen. Betrachtet man den heutigen, menschengemachten Klimawandel, ist dies eine wichtige Erkenntnis, denn schon eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2 Grad Celsius kann tiefgreifende und weitreichende Folgen für unseren Planeten haben.
Diese Karte zeigt die Vergletscherung des Karwendels während der Würm Eiszeit ©GeoSphere Austria / CC BY 4.0
Schneehühner: bedrohte Spezialisten
Kurz bevor wir die Bahnstation erreichen, fällt uns eine Bewegung etwas unterhalb auf. Gut getarnt und zwischen den Steinen fast nicht zu erkennen, sitzt eine kleine Gruppe von Schneehühnern. Diese besonderen Alpenbewohner dienen uns leider auch als Beispiel für Klimawandel-Verlierer.
Doch wie ist das Schneehuhn vom Klimawandel betroffen? Die aktuellen klimatischen Veränderungen lassen nicht nur unsere Gletscher rasant schmelzen, sondern haben auch Auswirkungen auf die Lebensbedingungen von Flora und Fauna. Eine Konsequenz für die Pflanzenwelt ist etwa das Aufsteigen der Baumgrenze und die damit verbundene Veränderung bzw. das Verschwinden von darüber liegenden offenen und baumfreien Landschaften. Genau diese Landschaft ist der Lebensraum für das Schneehuhn. Es hat einige besondere Anpassungen hervorgebracht, wie etwa die Färbung und Isolierung des Gefieders, welches es dreimal im Jahr wechselt.
Auf ihre Tarnung verlassen sich die Schneehühner so sehr, dass sie bei Begegnungen mit Menschen oft so lange sitzen bleiben, bis man fast auf sie tritt. Erst im letzten Augenblick fliegen sie mit lautem Flügelschlag davon. Genau diese Tarnung wird ihnen jetzt zum Verhängnis. In manchen Regionen schneit es immer später, und es wird immer früher schneefrei. Doch die Schneehühner können sich an diese rasanten Veränderungen nicht schnell genug anpassen, was sie mit ihrem weißen Gefieder auf grauem Untergrund zu leichter Beute macht. Neben der Tarnung benötigen sie den Schnee, um sich im Winter vor Kälte zu schützen. Dazu graben sie sich binnen 15 Sekunden zwischen Sträuchern in Schneekammern ein, wo es schon mal um 20°C wärmer sein kann als draußen. Umso schöner ist es, diese Vögel hier anzutreffen.
Talfahrt und Ende
Mit vielen schönen Eindrücken und neuem Wissen bringt uns die Bahn nach einem letzten Blick ins Karwendel wieder nach Innsbruck. Ich hoffe, ich konnte den Leserinnen und Lesern einen kleinen Einblick in den Naturpark Karwendel geben und vielleicht begleitet mich ja der eine oder die andere bei meiner nächsten Tour.
Mehr über den Naturpark Karwendel
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