© Damiano Levati
Die zwei jungen Tiroler Alpinisten Benjamin Zörer und Lukas Waldner sorgten im Oktober 2025 zusammen mit den Italienern François Cazzanelli und Giuseppe Vidoni für Aufsehen, als ihnen die Erstbesteigung des 6781 Meter hohen Kimshung im Himalaya gelang. Damit konnten sie den Mythos der Unbezwingbarkeit dieses Berges im Langtang-Himal besiegen: In den letzten Jahren hatten sechs Expeditionen versucht, den Gipfel zu erreichen. Der siebte Versuch war nun erfolgreich!
Komfortzonen
Bisher habe ich für diesen Blog überwiegend über kulturelle oder historische Themen geschrieben, ab und zu über Veranstaltungen berichtet. Den Sport habe ich stets gerne meinen Kolleginnen und Kollegen überlassen, ganz einfach weil ich selbst nicht besonders sportlich bin. Mein Respekt und meine Bewunderung für sportliche Leistungen ist jedoch unermesslich und kaum in Worte zu fassen. Umso spannender finde ich es, jetzt über ein solches Thema zu schreiben.
Benjamin ist im Sommer 2026 auf Expedition in Pakistan unterwegs. So treffe ich Lukas allein in Innsbruck und bitte ihn, mir vom Kimshung zu erzählen. Er sprudelt drauflos, redet schnell und viel, und ich freue mich, denn sofort ist klar: Das hier ist eine besondere Geschichte von Menschen, die ihre Leidenschaft leben, Ziele konsequent verfolgen und Träume verwirklichen. Für beides – gleichermaßen für die Story und die Menschen dahinter – fällt mir nur ein passender Begriff ein: inspirierend.
Die jungen Vertreter des klassischen Alpinismus
Auf meine naive Frage „Wie wird man eigentlich Alpinist?“ antwortet Lukas sowohl geduldig als auch souverän. Natürlich gäbe es dafür keine Ausbildung, für ihn und Benjamin gelte jedenfalls „Learning by doing“ – und das von klein auf. Beide (Jahrgang 2001) sind mit Bergführer-Vätern quasi in den Bergen aufgewachsen. Das Bergsteigen liegt ihnen nicht nur im Blut, sie haben auch kontinuierlich gelernt, den eigenen Körper, Berg, Fels, Schnee, Eis und das Wetter einzuschätzen. Man merkt schnell, dass Lukas ein richtiger Profi ist, dabei sehr bodenständig und realistisch – auch was Risiken betrifft. Der Respekt vor Berg und Natur ist immer da.
Lukas und Benjamin am Gipfel des Olperers (Zillertaler Alpen) nach einer winterlichen „Trainingsrunde“ über die Fußstein-Nordkante. © Lukas Waldner
Er erzählt weiter, dass sich im Bergsport ja sehr viel tue und dass gewisse Sparten wie zum Beispiel Trailrunning oder Skitouring aktuell stark wachsen würden. Im klassischen Alpinismus sei das anders, es bleibe eine überschaubare Szene. Für ihn und seine Bergkameraden, das sind neben Benjamin vor allem Philipp Brugger und Martin Sieberer, übe das Alpinbergsteigen den größten Reiz aus. Für sie werde es immer spannender als kommerzielle Expeditionen sein: Mensch am Berg, ohne Fixseile, mit wenigen Hilfsmitteln und Informationen. Diesen Alpinstil nehmen sie auch mit, um ihn beispielsweise ins Himalaya zu übertragen.
Erfolgschancen von 10 bis 50 Prozent
Benjamin und Lukas sind in den letzten fünf Jahren viele Bergprojekte zusammen angegangen. 2024 waren sie bereits gemeinsam in Pakistan. Für Oktober 2025 planten sie eine Expedition ins besser erschlossene Nepal. Grundsätzlich stabileres Herbstwetter könnte dort für höhere Erfolgschancen sorgen. In der Vorbereitung schauten sie sich genau an, was in den letzten Jahren dort im Bergsteigen gemacht worden war, und so landeten sie schließlich beim Kimshung, einem „formschönen und freistehenden Berg“ (Zitat Lukas) und einem der interessantesten unbestiegenen Sechstausender.
Dank der Expeditionen der Vorjahre gab es relativ viele Informationen und außerdem Fotos für die Tiroler Abenteurer. Trotz dieser ungewöhnlich guten Vorbereitungsmöglichkeiten schätzte Lukas die Chance, den Gipfel zu erreichen, auf maximal 50 Prozent ein.
Kooperation am Dach der Welt
Der Name François Cazzanelli war mit dem Kimshung bereits untrennbar verbunden: Der italienische Profibergsteiger hatte schon mehrmals versucht, diesen Gipfel zu erklimmen, war jedoch aus unterschiedlichen Gründen daran gescheitert.
„Zuerst klettern, dann reden“ ist das strikte Motto von Benni und Lukas. In der Szene war trotzdem irgendwann klar, dass die beiden einen neuen Versuch am Kimshung starten würden, und so ergab es sich, dass eine italienische Expedition unter François zeitgleich mit den Tirolern im Langtang-Himal ihre Lager aufschlug.
Lukas betont, dass es zu keiner Zeit Konkurrenz zwischen den beiden Teams gab. Besonders schön finde ich seine Formulierung: „Die Berge sind für alle da.“ Also sprachen sich die Tiroler mit den Italienern ab, während sie sich getrennt voneinander akklimatisierten und bei stabilem Wetter auf die Tour vorbereiteten. Von Anfang an war es unter den Alpinisten sehr offen und freundschaftlich.
Schließlich prognostizierten die Wetterexperten beider Teams für Montag, den 20. Oktober 2025, perfekte Bedingungen für den Gipfel-Push. Danach würde sich das Wetter verschlechtern. Benjamin und Lukas hätten sich nach der Akklimatisierung zwar noch mindestens einen Erholungstag mehr gewünscht, doch es war klar: Montag würde DER Tag werden.
Die beiden hatten ihr Zelt samt Ausrüstung am Fuße des Gletschers bereits hergerichtet und stiegen also am Sonntag in dieses Lager auf. Es war klar, dass es nur eine kurze Nacht werden würde.
Showdown
Es wurde beschlossen, in zwei separaten Seilschaften auf der Nordostwand auf den Gipfel zu steigen. Die Teams wollten um ca. 2:30 Uhr starten. Da man für eine solche Tour viel Flüssigkeit braucht und das Schneeschmelzen bei der Kälte lange dauert, verzögerte sich der Start der Tiroler um ca. eine Viertelstunde, obwohl sie um kurz nach 1:00 Uhr schon den Kocher angeworfen hatten. Dem italienischen Team erging es ähnlich.
Nach rund zwei Stunden erreichten die Alpinisten den Zustieg zur Wand, hier begann die Kletterpartie über Eis, Schnee und Fels. Der Vorteil an Nordostwänden ist, dass die Sonne früh hinscheint. Die Bergsteiger hatten perfekte Bedingungen: Sonne und kein Wind – ein Glück bei einem extrem wetterexponierten Berg wie dem Kimshung.
Während Lukas erzählt, beeindrucken mich die vielen Details, die er – vermutlich für all seine Routen – im Kopf hat: Die Wand am Kimshung war bis zu 70 Grad steil, dabei weiß er genau, wie sich das anspruchsvolle Mixedgelände auf welcher Höhe änderte, wo das Spuren im Schnee besonders anstrengend war und welche (mobilen) Sicherungsgeräte oder Eisschrauben eingesetzt wurden. Man spürt: Hier sind Profis am Werk, bestens vorbereitet.
Am Kimshung kamen beide Seilschaften gut voran und gelangten zu einer Scharte, mit der Höhe wurde der Aufstieg immer anspruchsvoller. Die letzten dreihundert Höhenmeter ging es über eine steile Schneeflanke hinauf – das Gipfelschneefeld war erreicht. Lukas spricht hier von „Styroporschnee“ – und ich lerne damit eines von hundert Wörtern für Schnee. Dem Alpinisten zufolge kann man auf diesem Schnee zwar gut klettern, aber es ist schwierig, sich abzusichern. Deshalb mussten die Bergsteiger hier immer wieder den Fels ausgraben, um entsprechende Sicherungen setzen zu können.
12:30 Uhr: „DESTINY“ vollendet, Gipfel erklommen
Schließlich war es geschafft: Franz, Bepi, Benni und Lukas standen am 20. Oktober 2025 um ca. 12:30 Uhr am Gipfel des Kimshung auf 6781 m – als erste Menschen überhaupt. Die Route ihrer Erstbesteigung erhielt den Namen „DESTINY,“ 1300 m, 60°, AI4, M5.
Lukas beschreibt diesen Moment am Gipfel als „absoluten Höhepunkt“ nach ausdauerndem, durchgehendem Training und monatelanger, präziser Vorbereitung. Immerhin war ihnen damit die Bewältigung eines „großen und bisher ungelösten Problems“ geglückt. Doch er sagt weiter: „So richtig realisiert haben wir das am Gipfel noch nicht.“ Es folgt der Nachsatz: „Wir wussten natürlich auch, dass wir noch einen Abstieg über ca. 3000 Höhenmeter vor uns haben.“
Benjamin Zörer, Giuseppe Vidoni, Francois Cazzanelli und Lukas Waldner am Gipfel des Kimshung. © Lukas Waldner
Die Tiroler Seilschaft am Ziel: Lukas Waldner und Benjamin Zörer. © Lukas Waldner und Benjamin Zörer
Im Team seilten sich die vier Kimshung-Bezwinger 15 Mal ab und bewältigten den langen Abstieg. Um ca. 19:00 Uhr erreichten die Sportler das Advanced Base Camp (ABC) und um 21:00 Uhr waren sie zurück in ihrer Lodge. Der Triumph hatte sich bereits herumgesprochen und die Bergsteiger wurden von den Einheimischen wie Helden gefeiert. Schön langsam konnte die Erkenntnis sacken, dass hier etwas Großes gelungen war.
Erfolgsfaktoren: fast & light
Lukas ist bekannt dafür, nur mit möglichst leichtem Gepäck bergzusteigen. Als ich mir seine Erfolge, die erreichten Zeiten und Geschwindigkeitsrekorde ansehe, wird mir schnell klar, dass hier jedes Gramm zählt. Im Gespräch betont er, wie wichtig gute und leichte Ausrüstung sei, denn für ihn läge darin ganz klar einer der Erfolgsfaktoren für die geglückte Erstbesteigung.
Für die Kimshung-Expedition wurden sogar eigens „Pecker“ aus Titan mit nur rund 40 g pro Stück entwickelt, die damit deutlich leichter als herkömmliche Felshaken zum Sichern sind. Insgesamt konnte so einiges an Gewicht eingespart werden und Lukasʼ Rucksack wog am Gipfeltag zwischen vier und sechs Kilogramm.
Quasi vor der Haustür: Lukas auf der ersten Winterdurchquerung der Kalkkögel an einem einzigen Tag. © Martin Sieberer
Die Strategie „fast & light“ spielt bei den allermeisten Projekten von Lukas eine Rolle, wie zum Beispiel (Auswahl):
- Erstbesteigung des Shauè Sar (Pakistan) 6653 m, Nordwand (2000 m, 85°) im Single Push vom ABC, zusammen mit Philipp Brugger und Tomas Franchini (2022)
- Erstbesteigung des Didur Sar (Pakistan) 5600 m im Single Push aus dem Tal (Shimshal), zusammen mit Philipp Brugger (2022)
- Mont Blanc, „Freney über Peuterey“ in 34 Std. (Kombination aus der Peuterey-Integralüberschreitung und dem Freney-Pfeiler), zusammen mit Benjamin Zörer (2024)
- Eiger-Nordwand, Heckmair-Route in 4 Std. 50 Min. (und als Tagestour ab Innsbruck), zusammen mit Benjamin Zörer (2025)
- Erste Winter-Trilogie der drei Nordpfeiler des Piz Palü an einem einzigen Tag (8 Std. 59 Min.), zusammen mit Philipp Brugger (2026)
- Nordwand des Matterhorns, „Bonatti-Route“ im Winter in 8 Std. 15 Min. (schnellste Winterzeit), zusammen mit Philipp Brugger
- Erste Trilogie der Nordwände des Valsertals (Nordwände von Fußstein, Schrammacher und Sagwand) in unter 12 Std., zusammen mit Philipp Brugger (2025)
- Erste Winterbegehung der Nordwand des Sagwand, „Schutzengelweg“ (800 m, VI+/M7+) – erste Wiederholung seit 34 Jahren, zusammen mit Martin Sieberer (2026)
- Erste vollständige Winterdurchquerung der Kalkkögel an einem einzigen Tag, zusammen mit Martin Sieberer
- Erste vollständige Winterdurchquerung des Valsertals an einem einzigen Tag
Innsbruck als perfekte Homebase
Benni und Lukas wohnen in Innsbruck. Sie sind hier bzw. in der Nähe aufgewachsen, Lukas arbeitet auch in der Stadt, Benjamin ist wie sein Vater Bergführer geworden. Die beiden trainieren viel – und dafür bietet Innsbruck die idealen Voraussetzungen: Das Kletterzentrum Innsbruck zählt laut Lukas zu den modernsten und am besten ausgerüsteten Kletterhallen in Europa. Für Ausdauertraining setzt er aufs Laufen: mal schnell auf die Seegrube – allein auf dieser Strecke hat er viele Höhenmeter gesammelt.
Rundum gibt es genug interessante Optionen und Herausforderungen zum Bergsteigen, wie zum Beispiel Winterdurchquerungen der nahen Kalkkögel oder des Valsertals. „Tagesausflüge“ von Benni und Lukas können auch mal so aussehen: Sie kletterten die Eiger-Nordwand (Heckmair-Route) im April 2025 in unter fünf Stunden und waren spätabends wieder zurück in Innsbruck.
Weitere Ideen rund ums Alpinbergsteigen haben beide natürlich schon im Kopf. Für Lukas wird es im Herbst 2026 wieder nach Nepal und auf rund 6500 bis 7000 m gehen. Genaueres verrät er nicht, weil eh schon wissen: „Zuerst klettern, dann reden.“
Tiroler Jause fürs Bergsteigen
Wieder wird er den Alpinismus aus Innsbruck in die Welt hinaustragen – übrigens auch so: Bei Höhenexpeditionen ist es üblich, auf gefriergetrocknete Nahrung zu setzen und Kaloriendefizite mit Kohlenhydratpulver in Wasser oder Tee auszugleichen. Benjamin und Lukas sind keine Fans von ersterem und ernähren sich lieber von Schüttelbrot, Speck, Kaminwurzen und Fertig-Kartoffelpüree. (Charmant.)
Ich bin überzeugt, schon bald wieder von „Höhenflügen“ von Benjamin Zörer und Lukas Waldner zu hören, und dafür wünsche ich ihnen nur das Beste sowie ein immer sicheres Nachhausekommen. Es werden bestimmt wieder besonders spannende Geschichten sein und ich bedanke mich herzlich bei Lukas, dass er mir eine davon ausführlich erzählt und darüber hinaus viele Fotos zur Verfügung gestellt hat. Danke.
Titelbild oben: Abendstimmung am Kimshung, © Damiano Levati
Weitere Informationen
- Blogartikel von Benjamin Zörer zur Kimshung-Erstbesteigung
- Bericht im STANDARD zur Kimshung-Erstbesteigung
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Tiroler Madl, Grafikerin, Bloggerin und Fremdenführerin mit vielseitigen Interessen und Schwäche für nette Menschen, Kultur, Sternenhimmel, noch ein Bier und Berge.
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