Was konnte man tun, wenn die Bauchschmerzen unerträglich wurden oder ein Kind etwas lebensgefährdendes verschluckt hatte? Ganz zu schweigen von Unfällen, bei denen Roß und Wagen samt wertvoller Ladung in Gefahr gerieten? Vor 350 Jahren konnten solche Probleme weder von einer Versicherung noch von Medizinern gelöst werden. Also blieb nur die Anrufung himmlischer Mächte. Genau das war in Innsbruck seit der Mitte des 17. Jahrhunderts möglich, nachdem das Gnadenbild ‚Mariahilf‘ im Dom Einzug hielt. Die ‚Kundschaft‘ war illuster, sie reichte von Adeligen über Hofbeamte, Handwerker und Studenten bis zu einfachen, meist bitterarmen Menschen. Dass wir das heute wissen hat einen simplen Grund: die Gebetserhörungen wurden von den Betroffenen akribisch aufgezeichnet.
Da war beispielsweise ein Innsbrucker Hofbaumeister, der den Verfasser eines Drohschreibens dingfest machen wollte und dem Himmel quasi eine Belohnung in Aussicht stellte. Oder ein Fuhrwerker, der mit Ross und Wagen vom Inn erfasst und abgetrieben worden war und um sein Leben bangte. Ein Sattlermeister wiederum stürzte von einem Floß in den Inn und drohte zu ertrinken. Kinder, die aus hohen Stockwerken stürzten oder Sachen verschluckten, deren Eltern sich hilfesuchend an das Gnadenbild wandten. Menschen, die sich mit körperlichen Gebrechen aller Art an die himmlischen Kräfte, konkret an die Gottesmutter Maria wandten, um von ihrem Leiden geheilt zu werden. Frauen, die kinderlos waren oder an schweren Krankheiten litten. Allen ist eines gemein: sie bezeugten schriftlich, dass ihnen durch die Anrufung des Gnadenbildes ‚Mariahilf‘ geholfen wurde.
Die Anziehungskraft des Marienbildes
Das Bild entwickelte eine geradezu magnetische Wirkung auf die Menschen. So wurde der Dom zu Innsbruck ab der Mitte des 17. Jahrhunderts zum Ziel zehntausender Wallfahrer und Pilger, die sich zu den vielen Jakobspilgern gesellten. Das Bild des Malergenies Lucas Cranach, eine Darstellung der Muttergottes mit Kind wurde zu einem 'Gnadenbild'. Wie sehr es die Menschen in Tirol verehrten kann man nicht nur in der Innsbrucker Altstadt sehen: Da sind mehr als 25 Kopien des Bildes als Fresken auf den Außenmauern der Häuser zu sehen. In ganz Tirol dürfte die Zahl in die Hunderte gehen. (Am Rande sei bemerkt, dass das Gnadenbild Ende des 2. Weltkriegs vor den Nazi-Räubern gerettet und in einer einzigartigen Rettungsaktion hoch in den Bergen des Ötztales versteckt worden war.
So kam das Bild nach Innsbruck
Dass Cranachs Meisterwerk den Weg nach Innsbruck fand verdanken wir Leopold V., der 1619 zum Statthalter Tirols ernannt worden war. Als Sohn Erzherzog Karls II. wurde er im zarten Alter von 12 Jahren (!) zum Bischof von Passau gewählt. Eine Priesterweihe war erst gar nicht notwendig, ging es doch weniger um himmlische Belange als um menschliche Macht und Einfluss des Hauses Habsburg.
Im Zuge einer diplomatischen Mission nach Sachsen, die Leopold als katholischer Bischof durchführte, wurde der Knabe einst vom dortigen Kurfürsten Georg I. eingeladen, in dessen Gemäldegalerie zu stöbern. Er durfte sich ein Bild als Geschenk aussuchen. Seine Wahl fiel auf das Gemälde eines engen Freundes von Martin Luther, nämlich Lucas Cranach, das Leopold sogleich nach Passau verfrachten ließ.
Als Bischof gab er gleich einmal den Auftrag, eine Kopie anzufertigen und in einer Passauer Kirche für Andachten auszustellen. Es löste in der Inn-Donaustadt prompt ‚visionäre Erscheinungen‘ aus, wie es in alten Dokumenten heißt. Wenn schon die Kopie des Bildes ‚wirkte’, wie wirkungsvoll musste dann erst das Original sein. Bald schon war die Rede davon, dass vom Bild wundertätige Wirkungen, sogenannte Mirakel, ausgingen.
Leopold V. Herzog von Lothringen und Bar. Zum Vergrößern bitte klicken. Gemäldegalerie Schloss Ambras
Der Sohn Leopolds, Ferdinand Karl, ordnete dann als Nachfolger seines Vaters in der Funktion des Tiroler Statthalters im Jahr 1650 die Übertragung des Gnadenbildes von Passau in die damalige Stadtpfarrkirche Innsbruck an. Es sollte erst einmal nur ihm und seiner Familie zugänglich sein. Später wurde das Gnadenbild in einer Seitenkapelle der alten, damals noch gotischen Stadtpfarrkirche St. Jakob den Gläubigen präsentiert. Jetzt begann der Siegeszug des Bildes in die Herzen der Tiroler.
Social-Media des Barock
Es war dann der Jesuitenpater Wilhelm von Gumppenberg, der sich ab 1662 um das Marketing kümmerte und die Wallfahrt in die Stadtpfarrkirche Innsbruck begründete. Einerseits wollte er als Jesuit und Angehöriger des 'Stoßtrupps Christi' die Gläubigen Tirols gegen den aufkommenden Protestantismus ‚immunisieren‘. Andererseits ließen Wallfahrer und Pilger die Kassen der dem Luxus ganz und gar nicht abholden Kirchenfürsten klingen.
Erinnerungsbild aus dem Jahre 1630 anlässlich der Überbringung des Bildes nach Innsbruck. Bild: Propsteiarchiv St. Jakob
Dann hatte Pater Gumppenberg noch eine Idee, die sich als genial herausstellen sollte. Was wir heute ‚social-media’ nennen hießt damals Bekennschreiben. Er bat nämlich die Wallfahrer und Pilger, ihre Gebetserhörungen, also die Mirakel, schriftlich festzuhalten. Die Wunderkraft des Bildes wurde somit schriftlich dokumentiert und quasi ‚bewiesen‘ und der Nachwelt erhalten. Heute würden wir die rund 3.000 Mirakelberichte ‚Postings‘ nennen, vermitteln sie doch ein eindrucksvolles Bild der Sorgen und Nöte, Ängste und Hoffnungen der Menschen von der Mitte des 17. bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts. Diese schriftlichen Bekenntnisse erlauben einen unverfälschten Blick auf die Sorgen und Nöte der Tiroler Bevölkerung zur Barockzeit.
Die Innsbrucker ‚Mirakelbücher‘ zwischen 1662 und 1724
Über mehr als 60 Jahre hinweg wurden die Schilderungen der Gebetserhörungen in Form von 'Bekennschreiben'’ zu den sogenannten ‚Mirakelbüchern‘ zusammengetragen. Eine Art Erfolgsbilanz der Gebete.
Die Kulturwissenschaftlerin DDr. Aurelia Benedikt hat in einer überaus akribischen Arbeit rund 400 dieser Innsbrucker ‚Mirakelberichte‘ transkribiert und ausgewertet. In ihrem bemerkenswerten Buch sind diese Lobpreisungen himmlischer Gnade zitiert. Nachzulesen in den ‚Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs‘: „Die Mirakelberichte des Gnadenortes Mariahilf in der St.-Jakobs-Kirche in Innsbruck (1662-1724)“.
In der Hoffnung auf himmlische Hilfe machten sich also ab 1662 vor allem Menschen aus dem Umkreis von Tirol auf den Weg, der Jungfrau Maria ihre Sorgen und Nöte persönlich in Innsbruck vorzutragen. Hatten sie doch von den Mirakeln gehört, die das Bild bewirken konnte. Das Gnadenbild wirkte auch aus der Entfernung: es wurde immer dann angerufen, wenn die Not am größten war, egal wo man sich befand. Die Gläubigen 'verlobten' sich mit dem Bild und versprachen Gebete, Wachskerzen oder andere Gaben, sollte der Himmel helfen.
Dass viele Bittgänger Heilung oder Erlösung von starken Schmerzen erbaten ist kein Wunder. Es war noch immer jene Zeit, in der die Medizin eher das Gegenteil von Heilung erreichte. So wurde der Himmel, konkret die Jungfrau Maria in Gestalt des Gnadenbildes zu einer Art 'Überlebens-Hoffnung' vieler Menschen.
Was für mich überaus erstaunlich ist: die Menschen des ausgehenden Mittelalters schildern in ihren ‚Bekennschreiben’ auf Papier ganz offen ihre missliche Lage, geben Verfehlungen zu oder schildern blanke Angst. Und natürlich das Erhören ihrer Gebete. Wenig überraschend ist, dass schreibkundige Gläubige wie Hofbedienstete, Handwerker und Kleriker zu den ‚eifrigsten‘ Hilfesuchenden gehörten.
Wallfahrende Frauen
Noch eine Zahl ist interessant. Der Frauenanteil in den von Dr. Benedikt untersuchten Mirakelberichten ist höher wie der Anteil der Männer. Offenbar haben die Frauen in der Barockzeit die Möglichkeit beim Schopf gepackt, auf Wallfahrt zu gehen. War es ihnen doch ansonsten verwehrt, sich auswärts ohne männliche Begleitung zu bewegen.
Innsbrucks „Mirakelbücher“ gelten als eine der umfangreichsten Mirakelsammlungen im mitteleuropäischen Raum. Und: sie sind ein einzigartiges Zeitzeugnis der Tiroler Volksfrömmigkeit nach Reformation und 30-jährigem Krieg. Zudem sollten diese handgeschriebenen ‚Bekennschreiben‘, heute könnte man sie als Postings bezeichnen, die ungebrochene Wirkung des katholischen Glaubens belegen. Der helfende Himmel war in diesem Fall eindeutig katholisch. Damit wurde Rom in der Auseinandersetzung mit den Protestanten quasi der Rücken gestärkt.
Einige interessante Bekennschreiben aus dem Mirakelbuch
Ich will zum Abschluss die Inhalte einiger weniger Bekennschreiben vorstellen, die von Frau DDr. Benedikt in mühevoller Transkriptionsarbeit ins Hochdeutsche gebracht worden sind.
Mit himmlischer Hilfe wurden die Täter gefasst
Ein außergewöhnliches Bekennschreiben stammt vom berühmten Innsbrucker Hofbaumeister Christoph Gumpp. Der machte im Augenblick einer Gefahr - jemand warf einen Stein in sein Schlafzimmer und schickte ein Drohschreiben - ein Gelübde, ‚vor dem Mariahilf-Bild zu beten und Opfer zu bringen‘ sofern die Täter ausfindig gemacht würden. Die Täter wurden tatsächlich gefasst und gaben die Tat zu, er absolvierte zum Dank ein neuntägiges ‚Ave Maria‘ vor dem Gnadenbild.
Nach dem Gelübde Alleinerbe geworden
Matthias Waid ‚verlobte sich zum Mariahilf-Bild‘ - man könnte das auch als Gelübde bezeichnen - um den Prozess in einer Erbstreitigkeit gegen seine Schwester zu gewinnen. Der Himmel war hier radikal: die Schwester verstarb, er wurde zum Alleinerben.
Pferde gerettet, nachdem sie "bay der Schießhitten in das Wasser des Ynn" gefallen waren
Pferde stehen mehrmals im Mittelpunkt von Anrufungen des Gnadenbildes. Ein neuntägiges Ave-Maria-Beten vor dem Gnadenbild gelobten Andreas Stolz, ein reitender Kammerbote und seine Frau, als ihre Pferde ‚Bay der Schießhitten zu Ynnsprugg in das Wasser, genannt der Ynn gefallen’ waren und unrettbar verloren schienen. Am 24. Juni 1665 bekennt er, dass durch die Fürbitten der Muttergottes die Pferde unverletzt aus dem Inn gerettet worden seien.
Doktor und Pferd aus Grube gerettet
Wolfgang Reiter, Doktor der Theologie und Pfarrer aus dem Stubai bedankte sich mit mehreren Bekennschreiben für die vielen Gnadenbeweise. Vor allem aber dafür, dass er durch die Gnade von Mariahilf unverletzt aus einer Grube herausgekommen sei, in die er während der Winterszeit mit einem Pferd gefallen sei.
Mirakel an Kindern
Kinder stehen sehr oft im Zentrum der Gebetsanrufungen. Krankheiten wie Masern, Kinderblattern oder Schwindsucht seien durch himmlisches Zutun geheilt worden. Kinder stürzten damals offenbar öfters aus Fenstern und verschluckten bisweilen gefährliche Gegenstände.
Kind aus 3. Stock gefallen aber unverletzt "frisch und gesundt geblieben"
Anna Hafner bekannte, dass ihr sechsjähriges Kind am 3. Juli 1663 aus dem 3. Stock des Hauses ‚auf die Gaßn abgefallen‘, dabei aber dank des Gnadenbildes unverletzt, ‚frisch und gesundt‘ geblieben sei.
Siegelstempel, Spinnadel oder Hemdknopf verschluckt
Kinder verschluckten schon immer Gegenstände, die da herumlagen. Wie jener Bub, der ein ‚Petschierstöckl‘ verschluckte, also einen Stempel mit dem Dokumente gesiegelt wurden. Ein anderes Kind verschluckte eine Spinnadel. Das Gelübde mit einer heiligen Messe und einer neuntägigen Andacht zu Mariahilf habe geholfen. Die Nadel sei ‚am nächsten Tag aus dem Hals des Kindes gekommen‘.
Bemerkenswert ist das Bekennschreiben von Johannes Gasser. Sein viereinhalbjähriges Kind hatte einen Hemdknopf verschluckt. 24 Stunden sei es blutspuckend ohne menschlich mögliche Hilfe gewesen worauf er den ‚gnadenreichen Thron Maria Hilf angerueffen‘ habe. Noch während der Andacht habe sich der Knopf ohne Schaden vom Kind gelöst. Worauf Gasser die Größe des Hemdknopfs auf das Blatt seines Mirakelberichtes zeichnete.
Bekennschreiben des Johannes Gasser mit Darstellung des Hemdknopfes, der nach dem Klicken auf das Bild mirakelhaft erscheint! Bild: Probsteiarchiv St. Jakob
Studenten mit Gottvertrauen
Matthias Albanus, ein Augustiner-Chorherr in Neustift bekannte, er habe das Mariahilfbild "als den Sitz der Weißheit und Beystand und Genad angeruffen". Maria sei prompt und auch immer gnädig und mildreich gewesen.
Studentisch unkeusche Gedanken vertrieben
Sebastian Cerstleitner wurde bei einem Gebet vor dem Bild von unkeuschen Gedanken befreit, auch das Studium verlief wieder in geregelten Bahnen.
Blinde konnten wieder sehen und Taube hören
Der wohl größte Teil der Bekennschreiben enthalten Danksagungen für körperliche Heilungen. Kein Wunder, denn eine medizinische Betreuung im heutigen Sinn gab es nicht. Somit blieb den Menschen nur die Hoffnung auf himmlische Hilfe. Auch ist oft in Bekennschreiben die Rede davon, dass das Gnadenbild Erblindungen, Taubheit oder Lähmungen geheilt habe.
Das Stuaier Gelöbnis
Nicht zuletzt wurde das Gnadenbild angerufen, um Schutz vor kriegerischen Ereignissen zu gewähren. Wie das Bekennschreiben des Hofgerichts Stubai nach einer Wallfahrt zum Gnadenbild berichtet, hatten die Stubaier zum Dank für den Schutz vor den plündernden und mordenden Bayerischen Rotten während des bayerischen Rummels 1703 eine ‚gesungene Messe‘ gestiftet und 9 Tage hintereinander 9 Ave Maria gebetet.
Eine Prozession mit dem Gnadenbild
Bei einschneidenden Vorkommnissen wurde das Gnadenbild Mariahilf einst auch außer Haus mitgeführt. Wie etwa bei jener Landesprozession im Februar 1690, die nach dem Erdbeben am 22. Dezember des Jahres 1689 mit 13 Toten ‚verordnet‘ worden war. Alle Äbte, Prälaten, ja der gesamte Klerus, Hofbedienstete und die Stadtregierung hatten teilzunehmen. Der Prediger meinte, die Bevölkerung solle gefälligst von Sünden und Lastern Abstand nehmen.
Link zur Buchbestellung:
Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, Folge 72; ISBN 978-3-7030-6565-1; 652 Seiten, gebunden; € 29,90 zzgl. Versandkosten
Zeige mir den Ort auf der Karte
Alm-Freiwilliger in der 'Schule der Alm', Kultur-Pilger, tirol-Afficionado, Innsbruck-Fan.
Ähnliche Artikel
Ein Museum der ganz besonderen Art öffnete kürzlich in Zirl seine Tore. Es präsentiert die treibenden…
Der Frühling weckt die Lust, etwas zu unternehmen und unterwegs zu sein... warum also nicht einen Ausflug…
Wenn ich an die Tiroler Literaturszene denke, kommt mir sofort eines in den Sinn: ihre…
Allein schon vom Namen dieser Landschaft geht ein geheimnisvoller Zauber aus: St. Moritzen. Westlich der Marktgemeinde…