Downhillskaterin Anna Pixner

Die Multisportlerin Anna Pixner ist auf dem Longboard eine der schnellsten Frauen der Welt, knackt Geschwindigkeitsbestmarken und versucht sich an einem Weltrekord. Im Herbst 2026 wird sie nicht nur an den World Skate Games in Paraguay teilnehmen, sondern Österreich auch bei den World Surfing Games in Peru vertreten. Bevor sie zur Vorbereitung Richtung Südamerika aufbricht, treffe ich sie in ihrer Heimatstadt Innsbruck.

Erkennungsmerkmal: Board unterm Arm

Wir sind bei der Annasäule im Stadtzentrum verabredet und ich bin dankbar, denn Anna hat ihr Board dabei. „Ich dachte mir, so erkennst du mich gleich,“ sagt sie mit einem ansteckenden Lachen und ich finde sie sofort sympathisch. Ihre Lebenseinstellung und Offenheit, die sie im folgenden rund zweistündigen Gespräch mit mir teilt, hauen mich fast um.

Sport war für das Energiebündel Anna immer schon essenziell gewesen. Das Skaten bot ihr die Möglichkeit, ganz bei sich und gleichzeitig absolut frei zu sein. Ich glaube, dass von außen niemand voll und ganz begreifen kann, was ihr dieses Board mit vier Rädern wirklich gibt. Und das, obwohl sie sehr offen darüber spricht und als wahre Botschafterin ihres Sports auftritt. Annas Begeisterung ist mitreißend. Man spürt, wie wichtig es ihr ist, ihre Geschichte richtig zu vermitteln, ihre Formulierungen sind überlegt, präzise und bodenständig.

Aber alles der Reihe nach.

Innsbrucker Kindl

Anna ist in Innsbruck mit Bergsport aufgewachsen: Mit drei Jahren stand sie schon auf Skiern, bald probierte sie sich im Klettern.Die Berge halten einen automatisch fit, das ist ein großer Vorteil. Oft trainiert man ,unbewusst‘ – einfach nur, weil man im Gelände unterwegs ist, ohne das richtig zu registrieren,“ sagt Anna und bringt das Aufwachsen in Tirol ziemlich gut auf den Punkt. Ich muss schmunzeln, dabei hat sie vollkommen recht, auch wenn diese Feststellung etwas banal wirkt. Sie erklärt weiter, dass dieses „automatische“ Training in anderen Regionen der Welt aufgrund landschaftlicher Unterschiede einfach wegfalle und zum Teil im Fitnessstudio kompensiert werden müsse. Da sie in den letzten zehn Jahren international sehr viel herumgekommen ist, sei ihr das intensiv aufgefallen und bewusst geworden.

Weg vom Leistungsdruck und ganz zu sich kommen

Anna spricht offen über ihre Ängste, die sie schon jung begleitet haben, und auch über psychische Erkrankungen in der Familie. Obwohl sich Anna als Kind als schüchtern und ängstlich beschreibt, war sie im Sport zugleich ehrgeizig und perfektionistisch. Doch sowohl im Skiclub als auch beim Klettern wurden ihr die Wettkampfsituationen, Erwartungshaltungen und der Druck, den sie sich selbst aufgebaut hatte, schnell zu viel.

Mit etwa 16 Jahren bestellte sie sich im Internet ein Longboard, um das Skaten mal auszuprobieren und etwas ganz allein für sich machen zu können – fern von jedem Konkurrenzdruck. Sie fuhr mit dem Board zur Schule und übte dort, wo sie niemand beobachtete. Das Skateboarden wurde schnell ihr Ding, um ganz bei sich sein zu können. Hier fühlte sie sich frei.

Sicherstes Training: auf der Rennstrecke

Als sie eines Tages am Landhausplatz entlangfuhr, landete sie ungeplant in einem Skateworkshop. Anna fand so Gleichgesinnte, die ihr viel zeigten, beibrachten und sie schließlich auch zu Rennen motivierten. Nach nur einem Jahr am Board nahm Anna bereits an ersten Downhillrennen teil und das, obwohl sie überhaupt nicht mehr in die Wettbewerbsschiene zurückwollte. Doch die Stimmung bei den Skatebewerben erlebt(e) sie anders als in ihrer Kindheit: „Es geht nicht ums Gewinnen, sondern ums Gefühl.“

Ich staune nicht schlecht, als Anna mir erklärt: „Beim Downhillskaten ist die Sicherheit bei organisierten Events am höchsten, da die Strecken abgesperrt und Schutzvorrichtungen aus Heuballen oder ähnlichem vorhanden sind.“ Im Training sieht das ganz anders aus: Es gibt in Tirol keine offiziellen Trainingsstrecken und so teilen sich die Sportlerinnen und Sportler die Bergstraßen immer mit dem Verkehr. Das ist natürlich eine Herausforderung.

Reaktionen auf einen Nischensport: von Interesse bis Polizeirufen

Anna erzählt, dass Timing wichtig sei und dass sie sich oft frühmorgens (sprich 5:00 Uhr früh) aufmache, um trainieren zu können, bevor die Autos kommen. Inzwischen kennt sie die Bergstraßen Tirols und ihre Trainingsmöglichkeiten von Mai bis Oktober extrem gut. Der Winter dauert auf der Straße hierzulande lang, nämlich solang Rollsplitt oder Streumittel auf der Fahrbahn liegen – solang ist an Skaten nicht zu denken. Rund um Innsbruck gibt es im Kühtai, im Sellraintal, in Oberperfuss oder in der Axamer Lizum spannende Strecken.

Wenn Anna mit Team unterwegs ist, sind Walkie-Talkies mit dabei: Jemand beobachtet die Verkehrslage und gibt die Infos unmittelbar an die Skateboarderinnen und Skateboarder auf der Straße weiter. Allein fährt sie spezielle Kurven oder Abschnitte in vielen Wiederholungen, um Slides und das Bremsen zu trainieren. Bei ihren Trainingsläufen stößt Anna auf sehr unterschiedliche Reaktionen aus der Bevölkerung. Manche sind neugierig und zeigen offenes Interesse, andere rufen die Polizei.

Ich frage nach den Geschwindigkeiten, schließlich gilt Anna als Österreichs schnellste Frau auf dem Longboard. In Wettbewerben erreiche sie 90 bis 100 km/h, sagt sie, im Training gehe es mehr um Technik und die könne man auch bei weniger Speed üben.

Balance halten und Ängste überwinden

Anna betont die psychologischen Aspekte ihres Sports, die wirklich viel bedeuten und für mich sehr einleuchtend erscheinen. Die Ablenkungen in der heutigen Zeit sind besonders groß, davon muss man sich am Board komplett befreien, man muss ganz bei sich sein. Für Anna hat das einen heilsamen Effekt und es ist ihr so gelungen, ihre Ängste zu überwinden. Sie beschreibt es so, dass ich es gut verstehen kann: „Beim Downhillskaten muss man sich selbst sagen, dass man es schaffen wird, auch wenn es einem jedes Mal Angst macht. Man macht’s trotzdem und man schafft es dann auch. Das lässt sich sehr gut aufs Leben umlegen. Und es ist wichtig, das regelmäßig zu üben, gerade wenn man älter wird.“ Anna konnte so wertvolles Selbstvertrauen aufbauen und ihre sportlichen Erfahrungen ins Leben übertragen.

All dies vermittelt sie in ihren Videos, aber auch persönlich in Workshops – gerne für Kinder und Jugendliche. Dabei spielen alle Facetten des Skatens eine Rolle: Anna unterstreicht, dass sie alle Arten reizvoll finde, egal, ob Downhill, Skatepark, Miniramp, Bowl oder im Wasser: Surfen. Sie versucht, andere gerade für die Vielseitigkeit dieses Sports zu begeistern. – Obwohl ich selbst bisher maximal auf einem Balance-Board gestanden bin, gelingt ihr das sogar bei mir.

Innsbruck als Inspiration

Auf die Frage, ob und wie sehr Innsbruck sie geprägt hat, zögert Anna nicht eine Sekunde: „Innsbruck hat definitiv viel dazu beigetragen, dass ich heute einen verrückten Sport mache.“ Als Kind war sie im Winter fast jeden Tag auf der Seegrube. „Dort sieht man dauernd jemanden, der extreme Sachen macht und dabei entspannt wirkt – auf Skiern, mit dem Bike, egal. Dieses Können gepaart mit Leichtigkeit hat mich schon sehr inspiriert.“ Viele dieser Sportlerinnen und Sportler sind vielseitig begabt und beispielsweise sowohl am Snowboard als auch in der Kletterwand, mit dem Fahrrad oder Skateboard unterwegs. Anna findet außerdem, dass es in Innsbruck eine große Offenheit für ausgefallene Disziplinen gäbe, genauso für Lebensmodelle, die auf Sport ausgerichtet sind. Als sie nach ihrem Bachelorstudium der Erziehungswissenschaften das fast fertige Masterstudium von Genderkultur und sozialen Wandel pausierte, um sich ganz dem Skaten zu widmen, gab es in der Sportstadt Innsbruck dafür viel Verständnis.

Hinaus in die Welt

Anna ist Profi in einem Nischensport. Die kleine Community beschreibt sie als sehr freundschaftlich und ohne Konkurrenzkampf, hier hat sie sich immer willkommen gefühlt. Da die Rennteilnehmerinnen sehr gut befreundet sind, gönnen sie sich untereinander Erfolge und freuen sich auch für andere. Preisgelder, wenn es sie überhaupt gibt, können mit anderen Disziplinen nicht mithalten. Frauen schneiden dabei oft schlechter ab als Männer. Auch Sponsorengelder sind beschränkt, große Marken setzen nicht unbedingt aufs Skaten. – In Österreich wird der Wintersport immer noch deutlich stärker gefördert und gewichtet als der Sommersport.

Und doch: Bereits während ihres Bachelorstudiums zog es Anna in die Welt hinaus. In der Coronazeit war sie in Portugal, dort begann sie auch mit dem Surfen. Da damals keine Wettbewerbe stattfinden konnten, produzierte sie Filme für ihre Sponsoren. Der Fokus lag auf den Medien und so gelang ihr ein Durchbruch. Videos sind ihr wichtig, um ihre Erfahrungen zu teilen und dem Sport mehr Reichweite zu verschaffen, aber auch um Frauen in Extremsportarten zu zeigen. Dahinter stecken viel Arbeit und engagierte Menschen, die immer wieder mitten in der Nacht aufbrechen, um bei Sonnenaufgang filmen zu können.

Inzwischen bietet Social Media Sportlerinnen wie ihr auch die Möglichkeit, auf diesem Wege zumindest etwas Geld zu verdienen. Anna ist sehr viel unterwegs und da sie ein Sommermensch ist, verbringt sie ihre Winter gern in Australien oder jedenfalls in wärmeren Regionen. Der Sport und die Reisen erlauben es ihr, länger in fremde Kulturen einzutauchen, von Locals zu lernen und echte Erfahrungen über sozialen Wandel zu sammeln. – Die Themen ihres Studiums der Genderkultur und des sozialen Wandels beobachtet und erlebt sie intensiv auf der ganzen Welt.

Der Sport und seine Spuren

Anna macht im Gespräch kein Geheimnis daraus, dass das Verletzungsrisiko im Downhillskaten ziemlich groß ist. Die Knautschzone ist der eigene Körper. Doch sie betont auch, dass sie intensiv dafür trainiere, um das Risiko möglichst geringzuhalten. Das Surftraining helfe ihr dabei, weil es den Oberkörper besonders stärken würde, meint sie. „Am wichtigsten ist in jedem Fall, fokussiert zu sein – jede Sekunde. Es ist uns allen bewusst, dass wir etwas machen, bei dem man sich schnell wehtun kann, sobald man den Fokus verliert.“

Als ich sie konkret nach Verletzungen frage, bereue ich die Frage im selben Moment, in dem ich sie gestellt habe, denn ich merke, wie sie kurz schluckt. Doch sofort antwortet sie ehrlich und offen: „Ich habe recht oft Schürfwunden. Und einmal hatte ich einen schweren Unfall. Mit schweren Verletzungen.“ Die Schürfwunden sind am Abheilen, aber sichtbar, und vermutlich ständige Begleiter. Die Unfalldetails mit einer Reihe schwerer Verletzungen und einem längeren Krankenhausaufenthalt sind erschreckend und wie bei vielen Sportlerinnen und Sportlern bin ich beeindruckt von Annas Comeback. Aufgeben war nie eine Option.

Zurück zur Freude

„Nach dem Unfall musste ich mental bei null starten und wieder Ängste überwinden.“ Mir bleibt kurz die Luft weg und ich kann vor dieser enormen mentalen Stärke nur den Hut ziehen. Wie hat sie das erreicht? „Ich wollte es schaffen, wieder Spaß am Board zu haben. Das war das Ziel.“ Und es ist ihr geglückt, zum „alten“ Gefühl zurückzufinden. Anna ist überzeugt, dass dies nur gelingen konnte, weil es nie darum ging, wieder Rennen zu fahren, sondern darum, wieder Freude zu spüren. Es gab keinen Druck.

Auf zu einem Weltrekord

Jetzt ist sie zu unglaublichen Höchstleistungen fähig. Und apropos Höhe: Der Himalaya mit den höchsten Bergen der Welt übte schon immer eine große Anziehungskraft auf Anna aus. Als sie über Social Media Kontakt mit Skatern aus Indien aufnahm, war der Himalaya noch gar kein Thema. Doch bald stellte sich heraus, dass genau dort, auf 5.800 Metern, die höchstgelegene asphaltierte Straße der Welt liegt. Und so entstand die Idee zu einem Weltrekordversuch, eben diese Straße mit dem Longboard zu befahren, und daraus ein umfassendes Filmprojekt zu machen.

Die Vorbereitung auf dieses Megaprojekt war intensiv: Anna trainierte mit Berglauf, im Fitnessstudio und am Board. Darüber hinaus meditierte sie viel, um auf die Höhe vorbereitet zu sein und ihr Stresslevel im Griff zu haben. Die psychische Herausforderung steht der physischen in nichts nach. Wie es Anna auf dieser Straße Umling La Pass“ erging und was aus dem Weltrekord wurde, erfahrt ihr bis Ende 2026. Anna wird auch hier im Podcast zu Gast sein, um über ihre Projekte zu sprechen. Ein erster Teaser des Films ist spektakulär und sehenswert, besonders spannend finde ich aber das ganz persönliche Portrait von Anna, das darin gezeigt wird. Ich freue mich darauf, weil sie eine beeindruckende, bemerkenswerte und inspirierende Person ist. Anna verrät nicht zu viel, nur dass es eine Premierentour mit dem Film geben wird, auf der mit einer Fundraising-Aktion Spenden für Projekte gesammelt werden, die Jugendliche mit mentalen Problemen unterstützen.

Ein Lebensweg auf Rollen

In dem gesamten Gespräch sowie in ihren Projekten und in ihrer Art spürt man, dass das Skaten eine Herzenssache für Anna ist – weit mehr als ein Sport oder nur ein Hobby. Das macht alles sehr berührend. In zwei Stunden hat Anna übrigens nicht einmal ihre Siege oder Erfolge erwähnt. Wie bescheiden und charmant kann man eigentlich sein? Der Vollständigkeit halber sei es also zumindest am Rande erwähnt: Anna Pixner ist zweifache Weltmeisterin im Standup-Racing am Longboard.

Die junge Frau hat bereits viel erreicht und gezeigt, dass man große Schwierigkeiten überwinden und doch hoch hinaus kommen kann. Sie hat mir klar gemacht, welche Bedeutung mentale Stärke im Spitzensport hat und mein Respekt davor ist unermesslich. Ich freue mich auf ihre weiteren Projekte und spannende Geschichten. Dafür wünsche ich Anna das Allerbeste und bedanke mich herzlich für eine zutiefst inspirierende Begegnung. Danke.

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Titelbild ganz oben: © Rod Soares

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