Es war die "Gründerzeit" Anfang der 1880er-Jahre, in der eines der imposantesten Bahnprojekte der Donaumonarchie ausgeführt wurde: Der Bau der Arlbergstrecke zwischen Innsbruck und Bludenz. Heute noch erinnern einige Bahnhöfe an jene Zeit, in der die Architektur der Landschaft angepasst wurde. Es war auch noch üblich, bei Bauprojekten auf lokale Baumaterialien zurückzugreifen.

Wenn wir einige Bahnhöfe zwischen Innsbruck und dem Arlberg aus dem Zug heraus betrachten, erscheinen sie uns quasi "normal", obwohl sie eigentlich reine "Museumsstücke" sind. Im Großraum Innsbruck sind es die fünf Ensemble-Bahnhöfe von Völs, Zirl, Kematen, Flaurling und Stams, die zu steinernen Dokumenten des "Fin de Siècle" geworden sind. Das ist die Zeit vor dem Jahrhundertwechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der die Welt noch nichts von den heraufziehenden Schrecken des 1. Weltkriegs erahnte.

Was diese Bauwerke bis heute auszeichnet: Sie vereinten Funktionalität und eine angenommene alpine - ja sogar Tiroler - Ästhetik. Das alles vermengt mit einem Schuss Repräsentationslust des Kaiserreichs. In einem Satz: Die historischen Bahnhöfe bilden eine architektonische Einheit von bleibender Qualität. Sie sind stolze Beispiele einer Bauweise, die zwei brutale Kriege und die Spitzhacken der Moderne in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts überlebten.

Der Anschluss Vorarlbergs an das Schienennetz

Mit dem Bau der Eisenbahnlinie zwischen Innsbruck und Bludenz schlossen die k.k. österreichischen Staatsbahnen eine Lücke im Netz des Habsburgerreiches. Die Absicht war auch strategisch unterfüttert: Das Kronland Vorarlberg sollte direkt an das innerösterreichische Eisenbahnnetz angeschlossen werden, ohne den Umweg über deutsches Staatsgebiet nehmen zu müssen.

Der Bau von Tunneln, Brücken und Trassen war ein technischer und organisatorischer Kraftakt sondergleichen. Zehntausende Arbeiter - vor allem Mineure und Steinmetze aus Südtirol und dem Trentino, aber auch aus Friaul und Norditalien - strömten ins Inntal und in die Arlbergregion. Sie waren es auch, die das Know-how in der Bearbeitung von Natursteinen mitbrachten. Was nicht nur für die steilen Abschnitte und Tunnel, sondern auch für die Errichtung der massiven Bahnhofsbauten nötig war. Die vielen italienisch klingenden Familiennamen entlang der Arlbergstrecke zeugen noch heute von der damals unverzichtbaren Mithilfe dieser Spezialisten, ohne die diese historische Bahnstrecke kaum Realität geworden wäre. Wer sich für historische Bilder und Ansichten des Bauvorganges interessiert, sollte unbedingt die Serie des Innsbrucker Stadtarchivs auf dessen Website besuchen.

Die Formensprache der Monarchie

Die Bahnhöfe der k.k. Staatsbahnen wurden nach genau ausgearbeiteten genormten Plänen errichtet. Sie sollten in der gesamten Monarchie quasi wiedererkennbar sein. Wobei die Formensprache im Fall der Arlbergbahn auf die Tiroler Landschaft abgestimmt wurde: Massive Steinbauten aus Kalkstein und Gneis sollten die Landschaft im Gebirge quasi "spiegeln". Allen gemeinsam ist die Gestaltung der Gebäudekanten mit versetzten Ecksteinen. Dies alles sollte eine Demonstration von Solidität und Dauerhaftigkeit darstellen. Die Bearbeitung der Steine mit Kräusel- oder Scharreisen verlieh ihnen darüber hinaus ein naturnahes Aussehen. Was den Bahnhöfen wiederum ein quasi "wehrhaftes" Aussehen verlieh und eine lange Lebenszeit garantierte.

Die Inneneinrichtung der Bahnhöfe

Die Gebäudeeinteilung wiederum war natürlich auch ein Kind ihrer Zeit. Sie spiegelte die klare, gesellschaftliche Ordnung der ausgehenden Habsburgerzeit wider. Logischerweise thronte der Fahrkartenschalter im Zentrum einer Schalterhalle. Meist in Holz ausgeführt und mit Messinggittern versehen, trennte er die k.k. Eisenbahnbeamten von den Fahrgästen. Der Fußboden der Halle bestand meist aus Steinzeugfliesen oder Solnhofner Platten (Kalksteinplatten).

Die Warteräume einer Klassengesellschaft

Die Ausstattung der Warteräume entsprach ganz und gar den sozialen Gegebenheiten der Kaiserzeit. So waren etwa die Warteräume der 1. und 2. Klasse meist mit dunkel gebeizten Wandvertäfelungen und bequemen Bugholzmöbeln versehen, die oft auch von Thonet stammten. Gusseiserne Kanonen- oder Kachelöfen sorgten im Winter für einigermaßen warme Räume für die privilegierten Fahrgäste.

Die Warteräume der 3. Klasse machten ihrem Ruf als "Holzklasse" alle Ehre. Logisch, zahlten doch die Fahrgäste der 3. Klasse bedeutend weniger. Sie mussten sich also mit einfachen Lattenbänken aus Buchenholz und Holzwänden begnügen.

Die Bahnhofsgebäude selbst waren in ihrer Größe in drei Typen gegliedert:

  • Der kleinste Typ umfasste lediglich ein Büro und einen Warteraum, aber keine Wohnung. Sie wurden für die sogenannten "Haltestellen" errichtet. Der Bahnhof Stams war ursprünglich lediglich eine "Haltestelle" und ist ein Beispiel für diesen Bautyp.
  • Der mittlere Typ war schon etwas geräumiger und umfasste jeweils einen Büro- und Warteraum sowie ein bis zwei größere Wohnungen. Die drei Bahnhöfe in Völs, Kematen und Flaurling sind Beispiele für diesen "mittleren Typ" von Bahnhofsbauten.
  • Der größere Typ bot 2 getrennte Wartesäle (1. und 2. sowie 3. Klasse), 3 Büroräume und 2 größere Wohnungen. Der Zirler Bahnhof ist in dieser Größe errichtet worden.

Völs vorbildlich: Die Neugstaltung des Bahnhofs schließt das historische Bahnhofsgebäude mit ein

Dass diese Bahnhöfe die Zeiten überdauert haben, ist natürlich auch auf deren Pflege zurückzuführen. Während der historische "Arlbergstrecke-Bahnhof" von Telfs-Pfaffenhofen einem Neubau weichen musste, wurde beim anstehenden Bahnhofsumbau in Völs ein sehr positiver Weg beschritten. Das knapp 140 Jahre alte Gebäude aus der Kaiserzeit wird in das Ensemble eingebunden. Völs zählt im Großraum Innsbruck zweifellos zu den Verkehrsknotenpunkten, das Einkaufszentrum Cyta liegt nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Neben der massiven, behindertengerechten Verbesserung des Zugangs zum Bahnhof und den Bahnsteigen mit Liften wird vor allem die bestehende Eisenbahninfrastruktur, insbesondere die Gleis-, Weichen- und Sicherungsanlagen, verbessert. Der Umbau soll 2029 abgeschlossen sein.

Dass die Bahnhöfe aus der österreichischen Kaiserzeit ganz wunderbar in die Moderne übergeführt werden können, beweisen die beiden Stationen in Imst-Pitztal und Landeck-Zams. Sie verkörpern eine exklusive historische Kontinuität, die auch heute noch viele Reisende beeindruckt. Unsere einstigen k.k. Bahnhöfe sind auf die kommenden Aufgaben vorbereitet. Denn 200.000 verkaufte Klimatickets allein in Tirol zeigen eindrucksvoll, wohin die Reise geht: Dem öffentlichen Nahverkehr steht eine große Zukunft bevor. 

Lesetipps

Die Serie über die Arlbergbahn auf der Website des Stadtarchivs Innsbruck stellt uralte Fotos aus der Sammlung Kreutz vor und ist zudem sehr informativ. Hier geht's zur Serie. 

"125 Jahre Arlbergbahn" nennt sich eine Schrift aus der Reihe "Auf Schienen unterwegs" von den Autoren Christof Thöny und Günter Denoth, erschienen im Sutton Verlag. Das Buch ist offenbar gebraucht hier noch erhältlich.

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