Zwischen Nordkette und Innsbruck pendelt täglich schwarmweise ein kleiner Vogel, der sich mit seinen Flugkünsten und seiner Neugier unsere Aufmerksamkeit verdient. Die Rede ist von der Alpendohle, der wohl vorwitzigsten Bergbewohnerin, die Innsbrucks Besucher:innen über den Weg hüpfen kann.

Vom Stadtzentrum bis zur Nordkette

Wenn man an Tirol denkt, zieht vor dem inneren Auge gern der mächtige Steinadler erhaben seine Kreise. Ich möchte einwerfen: Adler sind cool, aber haben Sie schon mal Dohlen im Flug gesehen? Pyrrhocorax graculus, mit bürgerlichem Namen die Alpendohle, zaubert zumindest mir unweigerlich ein Grinsen ins Gesicht. Nicht nur ist sie flinker als der geschätzte Adler, sondern auch sehr viel leichter zu beobachten. „Am bestens morgens oder am späten Nachmittag“, präzisiert Juliane Pokorny, Kuratorin für Vögel und Forschung im Alpenzoo. Besonders im Bereich der Seegrube und unter der Hafelekarspitze sind die Tiere recht verlässlich zu finden, ihr munteres Zirpen erklingt aber auch in der Innenstadt, im Hofgarten oder im Bereich der Universität regelmäßig. Die Schwärme wechseln oft mehrmals am Tag zwischen Stadt und Berg, je nachdem, welches Bedürfnis gerade Vorrang hat. Sichere Brutplätze und Ruhe locken in den steilen Felswänden der Nordkette, ein reiches Futterangebot im Tal.

„Wenn sich ein Schwarm einen Obstbaum in einem Innenhof aussucht, ist der danach leer“, erzählt Thomas Klestil, Wildtierbeauftragter der Stadt Innsbruck. Seit drei Jahren versucht er, ein friedliches Miteinander von Mensch und Tier zu fördern. Der Appetit der frechen Dohlen und die Spuren, die sie an Fassaden hinterlassen können, schaffen gelegentlich Vermittlungsbedarf.  

Hungrige Schnäbel

Über Tirol verteilt gibt es zwischen 5.000 und 7.000 Brutpaare. Der Bestand der Alpendohle gilt als stabil und sowohl auf Tiroler wie auch auf europäischer Ebene haben die Vögel einen Schutzstatus inne. Ihre Zutraulichkeit und Neugier ist für die Vögel nur bedingt von Vorteil, denn die menschliche Versuchung, ihnen Futter zuzustecken, geht potenziell nach hinten los. Unsere Nahrung, etwa Brot, Pommes oder Snacks, können bei den kleinen Flugkünstlerinnen gesundheitliche Probleme verursachen. Statt sie gezielt anzulocken, empfiehlt Pokorny Zurückhaltung: „Am besten wäre es, Abstand zu halten und sie ruhig zu beobachten.“ In diese Kerbe schlägt auch Wildtierbeauftragter Klestil: „Wildtiere sollte man so wenig wie möglich füttern, die schaffen das schon.“ Das Tier freue sich zwar im ersten Moment über die Nahrung, aber man nehme ihm damit immer wieder ein Stückchen Wildnis, bis es von seinem natürlichen Habitat irgendwann überfordert sei. Wenn also eine Dohle herangehüpft kommt, zückt man besser das Handy als das Jausenbrot.

Gestatten, Dohle

Besonders im Frühling herrscht Aufregung am Himmel. Ab Anfang Mai fangen die pechschwarzen Vögel mit den gelben Schnäbeln und roten Beinchen nämlich an, zu brüten. Wenn nach etwa 30 bis 35 Tagen die Jungtiere ebenfalls bereit für die Lüfte sind, bilden sich die großen Schwärme, aus denen das typisch pfeifende und rollende Rufen der Dohlen dringt. Besonders nett anzusehen laut Pokorny: „Dohlen leben meist in langjährigen, oft lebenslangen Paarbindungen und bleiben auch im Schwarm eng zusammen.“ Versuchen Sie es selbst: Beobachten Sie im Schwarm ein Einzeltier länger und versuchen Sie, seinen Partner zu erkennen. Die Chancen stehen gut, ein kleines Flugballett zu sehen zu bekommen.

Als Krähenverwandte sind Dohlen intelligente und sehr soziale Tire, die über Rufe, Körperhaltung und Blickkontakt kommunizieren. Nicht nur einzelne Artgenossen werden erkannt, sondern teils sogar Menschen – ein weiterer guter Grund, freundlich zu ihnen zu sein. Gerade in der Nähe touristischer Infrastruktur wie der Bergbahn ist die Wahrscheinlichkeit hoch, mit den Tieren in Kontakt zu kommen. Während sie in den warmen Monaten auf der alpinen Matte in erster Linie Insekten suchen, steuern die Vögel des Winters gezielt Menschen und ihre Essensreste an. Wer auf der Nordkette seinen Teller zu lange unbeaufsichtigt lässt, könnte durchaus den ein oder anderen Happen an die anpassungsfähigen Vögel verlieren.

Wie im Fluge

Natürlich sind die Alpendohlen auch außerhalb der Innsbrucker Gegend zu finden, bis hinauf auf 3000 Höhenmeter. Sie nutzen gezielt die Thermiken am Berg, um energiesparend zu fliegen und leisten sich zugleich Stunts wie spielerisches Absacken im Sturzflug. Sie manövrieren problemlos zwischen Felsen, Gebäuden und Bäumen und nutzen den Flug in der Gruppe gezielt zur Orientierung, Feinderkennung und Nahrungssuche.
Ihre Geschicklichkeit macht sie zu einem beliebten Fotomotiv. Der Drang, ihnen Futter zuzuwerfen oder sie sogar aus der Hand zu füttern, ist in zahlreichen Posts von der Seegrube gut dokumentiert. „Genau das sollte man bitte nicht tun“, so Klestil, für den das unter die Kategorie falsch verstandene Tierliebe fällt. Meiner Erfahrung nach reicht es vollkommen aus, sich ein angenehmes Plätzchen zu suchen, etwas Geduld mitzubringen und die Vögel selbst entscheiden zu lassen, ob sie näherkommen möchten. Die Chancen stehen gut.

Bilder, sofern nicht anders gekennzeichnet: Theresa Kirchmair

Ähnliche Artikel