Hinter der wunderschönen blassrosa gehaltenen Barockfassade eines Hauses in der Innsbrucker Altstadt verbirgt sich eine Art ‚historisches Erlebnishotel’. Dessen Sanierung ist zu einem Musterbeispiel für die qualitativ hochwertige touristische Nutzung uralter Bausubstanz geworden.
Ein Haus mit Charakter
In der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt ist eines der ältesten Innsbrucker Bürgerhäuser quasi ‚wieder auferstanden‘: das Haus Hofgasse 5 mit seiner einzigartigen, barock bemalten Fassade. Das einst vornehmste Haus am Platz wurde in das hochmoderne Appartment-Hotel 'H5' mit 22 Suiten verwandelt. Die Gäste können den historischen Atem des Hauses auf Schritt und Tritt spüren. Sie wohnen nämlich in einer Art Museum.
Ein Meilenstein des Denkmalschutzes
Zu verdanken ist diese ‚Wiedergeburt‘ der Stiebleichinger GmbH (sie führt unter anderem das Hotel Grauer Bär) und dem Bundesdenkmalamt mit seiner Dependance in Innsbruck. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit darf durchaus als eine Art ‚Meilenstein’ für die Sanierung historischer Bausubstanz in der Innsbrucker Altstadt bezeichnet werden.
Die Innsbrucker Hofgasse, östlich des Goldenen Dachls gelegen, ist eine der ältesten und vor allem historisch wichtigsten Gassen der Stadt. Sie war im Mittelalter die Hauptverbindung zwischen Stadtplatz und Hofburg. Nicht zu vergessen die Funktion dieser Gasse als Handelsweg von und zur Münzstätte und den Salzvorkommen im Nachbarstädtchen Hall. Sie wird durch das Saggen- oder das einstige Wappentor abgeschlossen. Und - früher ganz wichtig: das Haus grenzt direkt an die Hofburg.
Hofgasse in a historical photograph. The inn sign on the house at Hofgasse 5 can still be seen. city Archive Innsbruck
Seit 1392: „Wolerpaut, schene Zimber“
Erstmals erwähnt wurde das Haus ‚Hofgasse 5’ als „langen Hainz haus“ im Jahr 1392. Im 16. und 17. Jahrhundert wechselte dessen Besitz zwischen Adeligen und Künstlern. Interessant ist die einstige Bewertung durch einen Gast: „Wolerpaut, schene Zimber“. In die heutige ‚booking.com-Bewertungslyrik‘ übersetzt: ‚Ein wunderbares Haus mit schönen Gästezimmern.’
Romanesque wall remains were made visible again in the cellar of the house at Hofgasse 5. ©W. Kräutler
Wie beliebt und bekannt es war belegt ein Kaufvertrag aus dem Jahre 1645. Der aus Axams stammende Uhrmacher Hans Kuprian hatte 1592 das Innsbrucker Bürgerrecht erlangt, dessen Sohn das damals äußerst lukrative Handwerk eines Goldschmiedes erlernt. Er ließ sich nach siebenjähriger Wanderschaft in Innsbruck nieder und erwarb 1627 das Haus Nr. 5 in der Hofgasse. Die Nähe zur Hofburg machte sich für ihn auf zweierlei Art und Weise bezahlt: 1638 avancierte er zum Hofgoldschmied und wurde 1643 wurde sogar zum Vorstand der Goldschmiedezunft gewählt. Später bekleidete er das Amt des Bürgermeisters, in welches er noch sechs weitere Male gewählt werden sollte. Auf der fabelhaften Website des Stadtarchivs Innsbruck wird dieser Verkauf geschildert.
Auch später, im 16. und 17. Jahrhundert, war das Haus bestens bewertet, wurden doch „Behausung, Hofstat, Hefl und Stallung“ hervorgehoben. 1915 war es als Gasthaus bekannt das „zum Meraner“ hieß.
Pfeifenköpfe in der Latrinengrube
2005 erfolgte die Renovierung der barocken Fassade, 2020 erwarb die Stiebleichinger GmbH als eine der größten und renommiertesten Hotelgruppen in Innsbruck das Haus. Zeitgleich begannen die ersten Instandsetzungsarbeiten im Inneren des Gebäudes. Für Dr. Walter Hauser, der die Sanierung seitens des Denkmalamtes begleitete, war es „eine besondere Herausforderung im zeitlichen Korsett der im ‚Tourismus gewohnten Bauabläufe ein so komplexes Projekt mitten in der Altstast zu realisieren“.
Das "Plumpsklo" als archäologische Fundstätte
Die archäologische Abteilung des Bundesdenkmalamtes in Person von Dr. Johannes Pöll ließ sich die Möglichkeit nicht entgehen, neben der eigentlichen Baubegleitung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes auch archäologische Untersuchungen anzustellen. Und wurde fündig. Neben uralten Latrinengruben fand sich ein runder Brunnenschacht. Der reichte in jene Zeit zurück, in der Innsbruck noch nicht mit Quellwasser aus Hötting und Mühlau versorgt wurde.
Excavation features in the courtyard. Two brick latrine pits at the bottom right, a round well shaft at the top left, building walls at the top right, lime slaking pits at the bottom left and a recent soakaway shaft in the center. ©Federal Monuments Office, Dr. Johannes Pöll
Dass sich in mittelalterlichen Latrinengruben nicht selten Interessantes findet war auch hier der Fall. So konnten beispielsweise Porzellanpfeifenköpfe geborgen werden, die einst im Plumpsklo entsorgt wurden. Der weiche, stinkende Untergrund hat sie ‚weich’ fallen lassen, sie sind erhalten geblieben.
Pipe bowls in the latrine pit, playing cards in the false floors. Finds during the archaeological exploration of the house at Hofgasse 5 ©Bundesdenkmalamt
Prachtvolle Wandmalereien
Auch im Inneren des Gebäudes lohnte es sich für den Archäologen zu sondieren. Und, wie immer bei archäologischen Nachforschungen, muss man nur wissen wo man suchen sollte. In diesem Fall waren es die Bodenschüttungen in den Räumlichkeiten, die interessante Ergebnisse lieferten. Es fanden sich Münzen, Knöpfe und Spielkarten. Auch handschriftliche Notizen oder sogar das Fragment eines Gebetbuches konnten geborgen werden. Das war noch lange nicht alles.
The preservation and redesign of the staircase inside the building was a masterful solution. ©W.Kräutler
Denn die Renovierung und Neugestaltung der Räume wurde mit der erklärten Absicht des Bauherren durchgeführt, möglichst viel an Original-Materialien zu erhalten. Was einerseits architektonisch vor allem aber finanziell aufwändig war. Andererseits wurden verborgene Kostbarkeiten ans Tageslicht befördert.
Wie etwa eine Balkendecke aus den 1430er Jahren, die erhalten werden konnte. Oder eine neu entdeckte, teilweise erhaltene bemalte Holzkassettendecke samt prachtvoller Wandmalerei aus den 1580er Jahren, die selbstverständlich wieder in die Gestaltung der Räume mit einbezogen wurde.
In one of the suites, even the ancient rope elevator beam has been preserved. This allowed heavy loads to be hoisted into the attic. ©W. Kräutler
Ein Wandbild überdauerte die Jahrhunderte
Der vielleicht größte Schatz des Hauses ist ein erhalten gebliebenes Wandbild, das einst einen Saal zierte. Das im Stil des italienischen Manierismus gefertigte Fresko zeigt eine Parklandschaft samt Säulenhalle. Eine hochherrschaftliche Dame und ein Kind mit Papagei blicken direkt zum Betrachter. Es könnte sich hier um die Familienmitglieder des Auftraggebers handeln, der allerdings bisher nicht bekannt ist. Das Bild ist teilweise durch eine Verglasung geschützt und kunsthistorisch betrachtet ein Unikat für die manieristische Wandbemalung in Innsbrucks
The mural, which is partially protected by glazing, is a unique example of Mannerist wall painting in Innsbruck's old town. stiebleichinger GmbH
The lady in the wall fresco could be a family member of a former owner of the building. ©W. Kräutler
„Der Aufenthalt in diesem Boutique Hotel in einem historischen Stadthaus sollte jeder Gast als Besuch in einer anderen Zeit wahrnehmen können, ohne auf moderne Annehmlichkeiten verzichten zu müssen“, erklärt die Kunstexpertin Dr. Michaela Frick vom Bundesdenkmalamt die Ausgangssituation bei der Sanierung des riesigen Wandfreskos.
Die hochmoderne Technik fand im Keller Platz
Irgendwie erschwerend kamen noch die vorgeschriebenen technischen Notwendigkeiten dazu. Wie etwa der Schallschutz, unabdingbare statische Maßnahmen oder die zu fixierenden Deckenkonstruktionen sowie die barrierefreie Erschließung.
„Deshalb haben wir die technische Infrastruktur quasi ‚im Keller‘ konzentriert“ erzählt Mag. Robert Frießer, der mich durch das Haus führt. Er verweist auch auf die vielen nötigen Diskussionen mit dem Denkmalschutz, „die aber immer zu einer für beide Seiten befriedigenden Lösung führten“. Das moderne Kernstück des Hauses, für mich eine Art technisches Meisterstück ist eine Wärmepumpenanlage, die nicht nur heizt sondern auch kühlt. Optimaler geht's nicht mehr.
Robert Frießer from Stiebleichinger GmbH in the renovated cellar of the building with its visibly ancient foundation walls. ©W. Kräutler
Ein Chapeau des bekanntesten Denkmalschützers Tirols
Die Verlegung der Technik in die Kellerräumlichkeiten hatte einen weiteren Vorteil: Der einstige Hof, in dem sich auch der Brunnen befand, konnte wieder reaktiviert werden und wird jetzt als begrünte Hoffläche genutzt.
Das vielleicht größte Kompliment für die Sanierung des Hauses kommt von Dr. Walter Hauser vom Bundesdenkmalamt. „Das Haus besitzt nicht nur wieder eine gute Nutzung, es hat dabei den historischen Charakter bewahrt, was man bei jedem Schritt und Tritt sieht. Dadurch konnte es wieder in einen anerkannten historischen, wertvollen Zustand versetzt werden. Chapeau.“
Die Beschreibung der Sanierung durch das Bundesdenkmalamt als Download
Show me the location on the map
A volunteer at the "Schule der Alm" alpine farming school, cultural pilgrim, Tyrol aficionado and Innsbruck fan.
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