Gespräch über Tirol

Während die 25. Olympischen Winterspiele im Februar 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo in Italien eröffnet werden, feiert Innsbruck 50 Jahre Olympia und erinnert an die Spiele von 1976. Zu diesem besonderen Anlass kommt eine Legende zurück an seinen Schicksalsberg: Franz Klammer besucht den Patscherkofel, auf dem er mit einem legendären Heldenritt zum Abfahrtssieger und damit unsterblich geworden ist.

Olympiastadt

„Innsbruck ist vor allem bekannt als eine Sportstadt,“ so beginne ich als Austriaguide (fast) jede meiner Stadtführungen. Diese Bekanntheit verdankt Innsbruck vorwiegend den Olympischen Winterspielen 1964 und 1976. Ein drittes olympisches Feuer bei den Youth Olympic Games (YOG) heizte 2012 diesen Ruf erneut an, wie es laufend weitere Großevents unterschiedlichster Disziplinen tun oder alljährlich das Bergiselspringen als Teil der Vierschanzentournee.

Sport als Identität

Auch abseits dieser professionellen Veranstaltungen ist Innsbruck der Inbegriff an Sportlichkeit – und zwar im täglichen Leben: Jede und jeder, die/der hier oder in der näheren Umgebung wandern geht, wird es erleben, dass jemand in irrem Tempo locker vorbeijoggt, -radelt, ein Mountainbike geschultert den Berg hinaufträgt, um darauf dann hinunterzufahren, oder schon eine Klettertour hinter sich hat und trotzdem noch einen Abstecher zu einer Hütte macht. Man witzelt über Leute, die in Skischuhen und mit am Rucksack festgeschnallten Skiern mit dem Rad durch die Stadt fahren … Tja, in Innsbruck gehören diese Bilder von November bis April zum Alltag.

Ein Rückzieher und Olympia überall

Dass innerhalb von nur 15 Jahren gleich zwei Olympische Winterspiele in derselben Stadt veranstaltet wurden, hat natürlich eine Vorgeschichte: Ursprünglich hatte Denver den Zuschlag für die Spiele 1976 erhalten, doch nach einem Referendum in Colorado wurde dieses Mandat 1972 ans IOC zurückgegeben. In einer zweiten Runde fiel die Wahl auf Innsbruck.

Die Spuren dieser Spiele 1964 sowie 1976 und nicht zuletzt der Youth Olympic Games 2012 sind bis heute in der Stadt deutlich sichtbar: Von den riesengroßen olympischen Ringen an der Olympiahalle über drei Olympische Dörfer und einem eigens danach benannten Stadtteil, diversen Infrastrukturen wie der Olympia-Standseilbahn in der Axamer Lizum bis hin zu unzähligen Straßen oder Hotels mit „Olympia“ im Namen sind diese Erinnerungsstätten hier quasi omnipräsent.

Unvergessliche Stimmungen

Mir persönlich fehlt erstens jeder sportliche Ehrgeiz und zweitens jede Begeisterung für Passivsport im Fernsehen. Unbedingt mitreißend finde ich es aber, live bei einem Sportevent dabei zu sein. Egal, ob Eishockeymatch, Fußballspiel, Skisprungwettbewerb, Stabhoch- oder Weitsprung (Stichwort: Golden Roof Challenge), Kletterweltcup oder Beat the City (Stichwort: Innsbruckathlon) – all diese Veranstaltungen haben mich stets gleichermaßen beeindruckt und begeistert. Und eines muss man schon sagen: Wenn Innsbruck etwas kann, dann sind es Sportveranstaltungen!

Live is Life

Trotzdem: Olympische Spiele habe ich noch nie live erlebt und es fällt mir schwer, mir die Stimmung von damals vorzustellen. Doch wenn man sich mit der Generation meiner Eltern unterhält, die 1976 ungefähr 15 Jahre alt war, dann merkt man schnell, dass „Begeisterung“ fast eine Untertreibung wäre. Jede und jeder weiß noch genau, wo man dieses oder jenes Rennen live oder im Fernsehen gesehen hat. Die Emotionen sind auch 50 Jahre später noch greifbar, ungefähr so wie bei historischen Momenten, die sich eingebrannt haben – vergleichbar mit der Mondlandung, dem Mauerfall oder dem 11. September.

Diese Begeisterungsfähigkeit und diese Kraft, Menschen und ganze Nationen friedlich zu verbinden, sind außergewöhnliche und wichtige Stärken des Sports. Außerdem liegt darin auch der Grundgedanke der Olympischen Spiele (in meinem Verständnis), auf den man sich heute mehr denn je besinnen sollte.

Franz Klammer und der Patscherkofel

Der Olympiaheld von 1976, der Kärntner Franz Klammer, absolviert zum 50-Jahr-Jubiläum der Olympiaabfahrt vom 5. Februar 1976 ein intensives Programm in Tirol. Er kehrt an den Patscherkofel für ein Legendenrennen mit vielen Ski-Oldstars zurück und trifft dort unter anderem den damals Zweitplatzierten Bernhard Russi (Schweiz). Er geht von Fototermin zu Podcast-Interview und schließlich zum „Gespräch über Tirol“ im Landhaus in Innsbruck. Dort bin auch ich vor Ort und gespannt darauf, Anekdoten rund um diesen Olympiaerfolg zu hören.

Als ich ins Landhaus komme, ist das Foyer bereits gut gefüllt. Schnell ist klar, dass der Großteil der Gäste sich an die Spiele von 1976 noch erinnern kann und in irgendeiner Form „mit dabei“ war. Der Große Saal samt Galerie ist bis auf den letzten Platz gefüllt.

Gespräche über Tirol

Die Reihe „Gespräche über Tirol“ wird vom Land Tirol mit Unterstützung von Tiroler Tageszeitung und ORF Tirol veranstaltet und vom bekannten Krimiautor Bernhard Aichner moderiert. Bevor es losgeht, wird auf die Bedeutung der Olympischen Winterspiele 1976 als mediales Großereignis hingewiesen.
TT-Chefredakteur Marco Witting hat im Sperrarchiv ein Exemplar der Sonderausgabe vom 5. Februar 1976 ausgegraben, um es Franz Klammer persönlich zu überreichen. Der Olympiasieger wirkt dabei ein erstes Mal an diesem Abend etwas gerührt. Für diese Ausgabe wurden nur 17 Minuten (!) nach Klammers Sieg die Druckmaschinen angeworfen, um die druckfrischen Zeitungen an die 60.000 vom Patscherkofel in die Stadt strömenden Fans verteilen zu können.

Georg Laich vom ORF Tirol beschreibt die Olympiaabfahrt als TV-Geschichte, denn sie war eines der ersten Großereignisse, das große Massen im Farbfernsehen zuhause in den Wohnzimmern erreicht hat. Die Bilder von Klammer im gelben Rennanzug und rot-weiß-roten Helm sind ebenso legendär wie die Moderation von Kommentator Edi Finger.

Ein Landeshauptmann in freudigem Erinnerungstaumel

Landeshauptmann Anton Mattle erzählt in seiner Begrüßung authentisch, enthusiastisch und emotional davon, wie er als 13-Jähriger gemeinsam mit seinem Onkel die Olympiaabfahrt vor Ort am Patscherkofel erlebt hat. Die Geschichte ist voller Spannung, denn Mattle verlor im Fangetümmel seinen Onkel, ließ sich von Gendarmen zum Bahnhof bringen, um ihn dort mit viel Glück wiederzufinden. Der Politiker beschreibt die Szenen, als hätten sie erst gestern stattgefunden.

Top! Die Wette gilt!

Er erzählt außerdem zwei Anekdoten, die mir unvermutet vor Augen führen, was sportliche Triumphe auslösen können: (1) Der damalige österreichische Sportminister Fred Sinowatz hatte vor Olympia angekündigt, dass er, wenn Klammer gewinne, zu Fuß auf den Patscherkofel gehe. Und der selbst eher unsportliche, übergewichtige Sportminister erfüllte diese Ansage und erklomm den Innsbrucker Hausberg. (2) Der gleichermaßen skibegeisterte wie gläubige Mesner der Paznauner Gemeinde Mathon hatte eine andere Idee: Um Mitternacht wollte er alle Glocken läuten, sollte Klammer gewinnen. – Und so geschah es.

Von diesem amüsanten Start in den Abend bin ich positiv überrascht und sehr gespannt auf das bevorstehende Interview mit Franz Klammer.

Olympische Fragespiele

Als Klammer auf die Bühne kommt, frage ich mich, wie oft er in den vergangenen 50 Jahren (die vermutlich immer gleichen) Fragen zur Olympiaabfahrt beantworten musste. Heute also wieder. Der Fragensteller Bernhard Aichner hat sich extrem gut vorbereitet und wohl jedes verfügbare Interview mit Klammer gelesen, extra nochmal den Film „Klammer – Chasing the Line“ angesehen. Seine Fragen stehen auf unzähligen Blättern Papier, die er eins nach dem anderen abarbeitet und ablegt.

Bisher „kenne“ ich Klammer nur aus dem Fernsehen, ich habe ihn stets als sympathisch, lustig, bodenständig und gelassen wahrgenommen. Genau so präsentiert er sich an diesem Abend. Geduldig, authentisch und mit wunderbar trockenem Humor stellt er sich allen Fragen.

Plan A: Skifahren – und kein Plan B

Angeblich stand Franz Klammer schon mit zwei Jahren auf den Skiern, daran kann er sich aber selbst nicht mehr erinnern. Spaß gemacht hat es ihm jedenfalls immer und es war auch das, was er machen wollte, sozusagen Plan A. Einen Plan B gab es nie, gesteht Klammer, und es sei ein Glück, dass Plan A so gut aufgegangen ist.
Die frühen Skierinnerungen sind mit anstrengenden Aufstiegen zu Fuß verbunden, erste Liftfahrten gab es für Klammer erst mit acht Jahren. Als 14-Jähriger fuhr er dann erste Rennen, um später mit 25 Abfahrtssiegen sowie dem fünfmaligen Gewinn des Abfahrtsweltcups der erfolgreichste Rennläufer dieser Disziplin in der Weltcupgeschichte zu werden. Seine weiteren Erfolge waren unter anderem: vier Streif-Siege in Kitzbühel, WM-Gold in der Kombination und WM-Silber in der Abfahrt (beide St. Moritz 1974), WM-Gold in der Abfahrt und Olympia-Gold in der Abfahrt (beide Innsbruck 1976).

Bestechende Logik

Klammer fuhr in allen Bewerben mit, aber die Abfahrt wurde seine Paradedisziplin. Das Warum dafür erklärt er mit Augenzwinkern: „Abfahrt fahren ist Freiheit! Und sie ist am einfachsten, da fährst oben los und lasst es einfach laufen. Außerdem stehen da nicht so viele Tore im Weg und man muss auch nicht so früh aufstehen, weil die Rennen meistens erst zu Mittag starten.“

Je wilder und schwieriger die Abfahrten waren, umso größer war der Reiz für Klammer. Die Streif (berühmte Abfahrtspiste in Kitzbühel) ist für ihn das Schönste überhaupt, weil sie die „absolut wildeste“ Abfahrt bleibt und ist. Dort hat er viermal gewonnen, einmal mit Trainingsverletzung am Bein und nur einer Hundertstelsekunde Vorsprung.

Der Klammer-Stil

Klammer hatte einen eigenen Fahrstil, in der Luft rudernde Arme waren typisch. Aichner fragt, ob er das Carven „erfunden“ habe? Klammer plaudert aus dem Nähkästchen und erzählt belustigt von gegenteiligen, verwirrenden Anweisungen seiner Trainer. Doch er hat seinen eigenen Stil gefunden. „Carven? Naja, das mag sein, dass ich die Kanten anders in den Schnee gesetzt habe als die anderen. Mein Vorteil war sicherlich, dass die anderen mindestens zwei Jahre lang gebraucht haben, um zu checken, was der Klammer da eigentlich macht.“ Klammers Schmäh ist einmalig und das Innsbrucker Publikum, ich inklusive, hängt an seinen Lippen.

Olympiakrimi in Innsbruck

Der Druck vor den Heimspielen in Innsbruck war unermesslich. Nicht nur von außen, Klammer baute sich auch selber Druck auf. Er wollte gewinnen, absolvierte sieben Trainingsläufe, jeder gefühlt noch langsamer. Die Forderung von Fischer (=Skihersteller), den neuen Lochski im Rennen einzusetzen, wurde zu einer zusätzlichen Herausforderung. Diese spannende Geschichte kann man im Film „Klammer – Chasing the Line“ gut nachvollziehen.
Klammer entscheidet sich gegen den zwar getesteten Lochski und für seinen bewährten C4-Ski, mit dem er quasi alles gewonnen hat. Er entscheidet sich auch für seinen gelben Rennanzug und gegen das goldfarbene Olympiaoutfit der Österreicher. Und so fährt er zum Sieg. Doch bis es soweit ist, muss er die wohl längste Wartezeit überhaupt überstehen: Er startet erst mit Nummer 15 ins Rennen.
Im Ziel sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. „Oder eher viele Steine. Es ist der Druck von zwei Jahren von mir abgefallen.“

Dopingkontrolle – Bier – Pressekonferenz

Aichner stellt eine pikante Frage: „Stimmt es, dass du fünf Bier gebraucht hast, um pinkeln zu können?“ Ich kenne mich zuerst nicht aus, doch Klammer erklärt: „Nach dem Rennen muss man ja zur Dopingkontrolle. Und ich habe nicht pinkeln können. Da hat mir der Teamarzt ein Bier gegeben, aber nach dem ersten ging nichts. Dann halt ein zweites und so weiter. Irgendwann hatte ich sechs Bier getrunken und konnte endlich meine Probe abgeben. Zur Pressekonferenz bin ich zu spät gekommen.“

Angenehmes und Wesentliches

Immer wieder fragt Aichner, wie die plötzliche Berühmtheit für Klammer war oder wie er es erlebt hat, Promis aus aller Welt persönlich kennenzulernen? Klammer beantwortet beide Fragen ähnlich, dass es „angenehm“ gewesen sei, aber dass es nie darum gegangen sei. Eine angenehme Begleiterscheinung sozusagen. Es klingt aufrichtig, denn es ging immer nur um eines: ums Skifahren.

Risiko und Schicksal

Aichner fragt, wie es ihm heute gehe, wenn er die damaligen Sicherheitsmaßnahmen, überschaubare Fangnetze und Stafettenzäune, sehe. Klammer meint lässig: „Es ist ganz einfach: Wenn man beim Rennfahren die Bäume und Stafettenzäune sieht, fährt man zu langsam. Man darf nur auf die Piste schauen, dann ist man auch schnell.“

Etwas ernster fügt er hinzu, dass er den Respekt vor dem Sport nie verloren habe und sich immer bewusst gewesen sei, dass man nicht leichtsinnig werden dürfe. So wahr.

Franz’ Bruder Klaus verletzte sich bei einem Skiunfall schwer und ist seitdem querschnittsgelähmt. Franz entschied sich bewusst dafür, weiter Rennen zu fahren, während sein Bruder bewies, dass man auch mit einem verheerenden Schicksalsschlag fertig werden kann. Später gründet Franz Klammer die Franz Klammer Foundation, um Sportlerinnen und Sportler nach Verletzungen bei der Reha o. ä. finanziell zu unterstützen.

Das Gespräch entwickelt sich weiter über die Zeit nach Olympia, das Karriere-Ende 1985 und alles danach. Klammers Frau Eva sitzt im Publikum und gemeinsam erzählen sie, wie sehr zufrieden sie mit dem FilmKlammer – Chasing the Line“ sind, wie eng abgestimmt die ganze Geschichte mit ihnen ist. Am selben Abend wird der Film im Metropol-Kino gezeigt.

Der kurzweilige Abend geht schnell vorbei und als Aichner das „Gespräch über Tirol“ beendet, steht innerhalb von Sekunden der ganze Saal klatschend in Standing Ovations. Jetzt ist der „Skikaiser“ ein zweites Mal ein bisschen gerührt.

Erinnerungen festhalten

Als ich mein Notizbuch zuklappe, spricht mich die Dame neben mir an und bittet um ein Blatt Papier. Sie sei ein Fan, seit sie 14 war, und würde sich so gern ein Autogramm holen. Als ich zur Bühne komme, hat Klammer die Pressefotos absolviert und schießt zahllose Selfies mit seinen Fans. Die Schlange ist lang und ich hoffe, dass die Dame ihr Autogramm bekommt. – Doch eigentlich bin ich mir da ganz sicher, denn in Innsbruck ist er so, wie er immer wirkt: bodenständig und nahbar. Eine Legende.

Tipps

PodcastInnsbruck-Podcast zu 50 Jahren Olympia von Sandra Tilg und den Stubnhockern

Ausstellungen
Fotoausstellung am Bozner Platz, Februar 2026
Bauten für Olympia, Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, Ebene 6 im Adambräu, bis 22.02.2026

Titelbild ganz oben: v. l. n. r.: Marco Witting, Anton Mattle, Franz Klammer, Georg Laich, Christoph Schuh, Bernhard Aichner (© Alexander Rieck, FranzKlammerFoundation.com)

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